Alte Fotos erzählen: Villen der Kaufleute und Reeder erinnern an glorreiche Geschäftsentwicklung Eindrucksvolle Aussicht auf die Weser

Prosperierender Schiffbau, sagenhafter Aufstieg von Reeder- und Kaufmannsdynastien sowie neue industrielle Unternehmungen von Weltgeltung haben die Gründerzeit im Bremer Norden gekennzeichnet. Im Rückblick ist die Dynamik zu erkennen, mit der weltpolitische Entwicklungen in unserer Region Industrie, Handel und Wirtschaft beeinflusst haben. Zeugen der glorreichen Zeit sind bis heute die prachtvollen Villen in Vegesack.
07.02.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulf Fiedler

Prosperierender Schiffbau, sagenhafter Aufstieg von Reeder- und Kaufmannsdynastien sowie neue industrielle Unternehmungen von Weltgeltung haben die Gründerzeit im Bremer Norden gekennzeichnet. Im Rückblick ist die Dynamik zu erkennen, mit der weltpolitische Entwicklungen in unserer Region Industrie, Handel und Wirtschaft beeinflusst haben. Zeugen der glorreichen Zeit sind bis heute die prachtvollen Villen in Vegesack.

Vegesack. Obwohl Tausende von Arbeitskräften daran teilhatten, verbindet die Erinnerung epochale Ereignisse mit einzelnen Persönlichkeiten. So steht Baron Ludwig Knoop für die Industrialisierung der russischen Textilindustrie; Johann Lange und später Victor Nawatzki, der weltoffene erste Direktor des Bremer Vulkan, für die Schiffbautradition sowie Ferdinand Ullrichs für die Bremer Woll-Kämmerei.

Christian Heinrich Wätjen gilt allgemein als Synonym für den sprunghaft wachsenden Welthandel. Sie alle empfanden sich als "königliche Kaufleute" und richteten ihre privaten Wohnsitze entsprechend ein. Einige aufwändig gestaltete Villen in der Vegesacker Weserstraße geben noch heute Zeugnis von einstigem Wohlstand.

Grundstücke gewinnen an Wert

Durch die Ufersicherung des Vegesacker Berges gewannen die oberhalb gelegenen Grundstücke erheblich an Wert. Die eindrucksvolle Sicht auf die Weser aus erhabener Höhe mag dem fürstlichen Selbstwertgefühl der dort siedelnden Kaufleute entsprochen haben.

Neben dem Haus von Bäcker Schnatmeyer steht die Villa des Reeders und Kaufmanns Heinrich Friedrich Bischoff. Der wohlhabende Bauherr beauftragte die Architekten Klingeberg und Weber 1886/87 mit dem Bau eines angemessenen Wohnsitzes. Dass dabei nicht gespart wurde, sieht man der im Stil des Historismus gestalteten Fassade noch heute an.

Das Esszimmer maß 50 Quadratmeter. Die kunstvoll mit Stuck verzierte Decke soll 3000 Goldmark gekostet haben. Prunkstück war das Argonautenzimmer, dessen Wände mit Bildschnitzereien aus der Argonautensage und Symbolen der Argo-Reederei geschmückt waren.

Der Gründer der Parten-Reederei, J.D. Bischoff, fing mit kleinen Schonern an. Der Handelsverkehr zwischen New York, Baltimore und dem europäischen Kontinent wuchs derart an, dass die Reederei sich nach 1870 erheblich vergrößerte. Bischoff hatte bald neben mehreren kleineren Seglern zehn Vollschiffe in Fahrt, die auch im Auswanderergeschäft tätig waren. 1874 stellte J.D. Bischoff vorausschauend als erste Privatreederei ein Dampfschiff, die "Dellbrück", in Dienst. Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1893 übernahm dessen Sohn Heinrich Friedrich das Unternehmen. Er wandelte die Reederei in eine Aktiengesellschaft um. Ansehen und Wohlstand waren ausschlaggebend dafür, dass er zu den zehn Gründungsaktionären des Bremer Vulkan gehörte. Aus der Vegesacker Reederei wurde später die erfolgreiche "Argo-Reederei". Seine prachtvolle Villa an der Weserstraße 84 verkaufte er 1910 an Elisabeth Lange, einer Witwe eines Enkels von Johann Lange.

Auf alten Ansichten Vegesacks bestimmen hohe Packhäusern direkt am Wasser das Bild der Stadt. Sie gehörten der Firma Schröder. Im Adressbuch von 1856 heißt es kurz und bündig: "B.H. Schröder, Branntweinbrennerei" und darunter "Schröder & Comp., Kram- Gewürz- und Eisenwarenhandlung, Am Hafen 5".

Das Geschäft mit Schiffsausrüstung, Kolonialwaren, Eisenwaren und Farben lief glänzend. Die Branntwein- und Geneverbrennerei florierte dank fester Handelsverträge mit Bremer Export- und Handelshäusern. Nach dem Tod des Gründers 1868 führten sein Sohn Johann Friedrich und sein Schwiegersohn Hermann Danziger die Geschäfte weiter. Beide zogen sich bald aus dem Geschäft zurück und bauten sich respektable Häuser in der Weserstraße. Johann Friedrich Schröders Haus steht an der Weserstraße 87. Hermann Danziger war noch großzügiger: Er erbaute ein Domizil, das später in den Besitz der katholischen Kirche gelangte und als Kinderheim St. Theresienhaus noch vielen in Erinnerung sein dürfte.

Eines der markantesten Gebäude in der Weserstraße geht auf den Grundbesitz der Kaufmanns- und Senatorenfamilie Fritze zurück. 1823 baute C.W.A. Fritze dort ein Sommerhaus. Als sein Nachbar Dr. Albrecht Roth starb, erwarb Fritze einen großen Teil des Roth'schen Grundstückes. Von Fritzes Erben wurde das alte Gebäude abgerissen und 1876 durch einen repräsentativen Neubau ersetzt. Als letztes Glied der Familie residierte dort die Witwe von Johannes Fritze. 1920 verkaufte sie den Familienbesitz.

Die Stadt Vegesack erwarb 1929 den Garten. Schließlich kaufte sie 1938 auch die großzügig ausgestattete Villa. Bis vor Kurzem residierte dort das Ortsamt. Heute steht das Gebäude wieder zum Verkauf.

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