Theatergruppe des Bürgerhauses Hemelingen spielt Szenen aus dem Tagebuch von Anne Frank Eindrucksvolle Fragmente

Mutig hat sich die Theatergruppe des Bürgerhauses Hemelingen, die bisher eher kindgerechte Stücke aufführte, an das Thema Nationalsozialismus gemacht. "Anne Frank – Fragmente aus ihrem Leben" zeigten jetzt die jungen Darstellerinnen eine eindrucksvolle menschlicher Tiefe.
01.01.2013, 04:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Edwin Platt

Mutig hat sich die Theatergruppe des Bürgerhauses Hemelingen, die bisher eher kindgerechte Stücke aufführte, an das Thema Nationalsozialismus gemacht. "Anne Frank – Fragmente aus ihrem Leben" zeigten jetzt die jungen Darstellerinnen eine eindrucksvolle menschlicher Tiefe.

Hemelingen. Das kurze bewegte Leben des jüdischen Mädchens Anne Frank, das sich zwei Jahre vor den Nationalsozialisten in Amsterdam versteckte und dann doch verraten und getötet wurde, kommt in einer selbst erarbeiteten Darstellungsform von der Theatergruppe des Bürgerhauses Hemelingen auf die Bühne. Die Gruppe um Theaterwissenschaftlerin Edna Lüttmann benutzt Fragmente aus dem Tagebuch von Anne Frank.

Lesungen, Pantomime, Monologe, Dialoge und Gruppenszenen zeichnen ein dichtes Bild des gefangenen Lebens. Im Raum eines Hinterhofgebäudes in Holland hält die gute Seele Miep Gies Juden versteckt während die Nazis siebeneinhalb Gulden für den Verrat an versteckten Juden zahlen. "In ganz Amsterdam verschwinden die Juden", sagt Miep Gies, Helferin und Ernährerin der sieben versteckten Todeskanditaden. "Jeder Schritt auf der Straße, jedes knarren der Treppe macht mir Angst, sie könnten uns abholen. Ich fürchte die Stille mehr wie alles andere. Aber wir haben hier das Paradies, wenn man bedenkt, dass alle Juden, die nicht versteckt sind, abgeholt werden", sagt Anne in den "Fragmenten aus ihrem Leben".

Miep Gies, 1909 in Wien gebohren, kommt durch eine Unterstützungsmaßnahme für unterernährte Kinder nach Holland und bewirbt sich später als Sekretärin bei Opekta. Die holländische Firma für Produkte zum Einkochen und zur Marmeladenherstellung für Familien gehört Otto Frank, Anne Franks Vater. "Ich tue das alles nur gegen die Nazis", spricht Miep auf der Bühne. Als Margot Frank am 5. Juli 1942 die Aufforderung erhält, sich in einem Arbeitslager zu melden, versteckt Miep Gies die Familie im Hinterhaus der Prinsengracht 263. Heute befindet sich darin das Anne-Frank-Haus, das als Museum die Erinnerung an diese Geschichte bewahrt.

Alles, was Menschen miteinander teilen können, spielt sich im Versteck und auf der Bühne auf engem Raum ab. Die Theatergruppe probt: Nach einführenden Fakten, gelesen von Annette Schlichte, hört der Zuschauer erste "gespielte" Worten: "Iih, eine Ratte". In Kartons lagern die Schätze der Verborgenen, Geschirr und wenige Bücher.

Viel später schafft Miep Gies es, den Eingeschlossenen ein Radio zu besorgen. Mit Essensmarken ungeklärter Herkunft – täglich Kohl, Bohnen und Kartoffelresten – organisieren Miep Gies, ihr Mann und drei weitere Helfer jahrelang das Überleben der Mädchen Margot und Anne, ihrer Eltern Otto Frank und Edith Frank-Holländer, Auguste, Hermann und Peter van Pels sowie Fritz Pfeffer.

Ohne frische Luft, mit unbekannten Menschen beieinander, mit ungeliebten Marotten, rauchend und nichtrauchend, aufgebracht und still, verzweifelt und langweilig vergehen die Jahre. Privatsphäre gibt es nicht. Nichts darf aus dem Versteck. Kein Geräusch, keine Kartoffelschale, kein Spülen nach dem Toilettengang, alles könnte zum Verrat führen. Tagsüber, wenn im Haus gearbeitet wird, verbietet sich die Gruppe jede Bewegung. Schuhe trägt keiner am Tag, sie könnten Geräusche verursachen. Dreieinhalb Monate währt das Exil als die gute Miep Gies Fritz Pfeffer ankündigt, der untertauchen muss. Otto Frank spricht gegen andere Stimmen: "Wo sieben essen, wird sicher noch einer satt."

Wohin mit ihm? Es gibt kaum Schlafplatz. "Wie wohl die Luft draußen riecht", wird zur brennenden Frage. Anne Frank entwickelt sich zur Nervensäge der Eingesperrten. Sie stellt in Frage, macht Mut, lenkt ab, wenn Verzweiflung um sich greift. Sie pflegt Eitelkeiten und tanzt. "Wir dürfen die Schritte nicht vergessen, wir werden sie noch brauchen", sagt Anne. "Wir Juden werden vergast und warten hier auf den Tod". Befindlichkeiten prallen aufeinander, aber nur ganz leise. Einzig das Kriegsende könnte Erlösung bringen, wenn die Nazis jede Macht verlieren.

Zwei Winter harren die Versteckten mit wenig Überlebenshoffnung aus als die Nationalsozialisten am 4. August 1944 um 10 Uhr zur Prinsengracht kommen. Sie sind verraten worden. Jemand hat 60 Gulden für acht Menschenleben genommen. Die Entdeckten sterben innerhalb weniger Monate bis zum Frühjahr 1945 in Konzentrationslagern wie Neuengamme, Ausschwitz, Bergen-Belsen und Buchenwald.

Miep Gies rettet Anne Franks Tagebuchaufzeichnungen. Otto Frank überlebt. Er kommt nach Amsterdam zurück und Miep Gies gibt ihm die Seiten seiner Tochter Anne. "Ich wusste gar nicht, dass meine kleine Anne so tief war", sagt Otto Frank bewegt von den Aufzeichnungen. Er respektiert den Wunsch seiner Tochter, Schriftstellerin zu sein, indem er die Aufzeichnungen überarbeitet zur Veröffentlichung gibt. In 55 Sprachen sind die Blätter übersetzt und die UNESCO erklärt sie zum Weltdokumentenerbe. Otto Frank lebt bis 1980 in der Nähe von Basel. Miep Gies, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, beantwortete bis zu ihrem Tod 2010 Briefe zu den Tagebüchern.

Ein dichtes Bild der Menschen, die gezwungenermaßen zusammen ausharren, zeichnen die Hemelingerinnen, Mahndorferinnen und Arbergerinnen Lida Shams-Mostofi, Laura Block, Janina Vehlewald, Anne Arndt, Angelina Kluge, Yasmin Silber, Antonia Borchers, Marie Schlichte und Pia Ahrens auf der Bühne. Ihre zeitgemäßen Kostüme versetzen zurück in die Zeit der 1940er-Jahre. Edna Lüttmann erarbeitete mit dem Ensemble das Thema, das Stück, Texte und Szenen. Die Gruppe traute sich an das Thema gestärkt durch ihre Erfahrungen mit "Die Brüder Löwenherz", "Rocky Horror Holiday" und "Ronja Räubertochter".

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