Eike Besuden und Erik Roßbander erinnern an das Schicksal der Familie Bamberger Eine Bremer Geschichte

Über die jüdische Kaufmannsfamilie Bamberger, ihr Leben in Bremen, ihre Flucht aus Bremen und ihr neues Leben in Freiheit hat der Filmemacher Eike Besuden in einer Lesung mit Bildern und Filmausschnitten am Sonnabend im Kito berichtet. Die Texte las Erik Roßbander. Besuden hatte für sein filmisches Dokudrama „Aufgeben? – Niemals“über die Geschichte der Familie Bamberger geforscht.
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Von Peter Otto

Über die jüdische Kaufmannsfamilie Bamberger, ihr Leben in Bremen, ihre Flucht aus Bremen und ihr neues Leben in Freiheit hat der Filmemacher Eike Besuden in einer Lesung mit Bildern und Filmausschnitten am Sonnabend im Kito berichtet. Die Texte las Erik Roßbander. Besuden hatte für sein filmisches Dokudrama „Aufgeben? – Niemals“ über die Geschichte der Familie Bamberger geforscht.

Eike Besuden zeigt ein Foto. Darauf sind Julius, Anneliese und Egon Bamberger zu sehen. Julius Bamberger wurde 1880 im sauerländischen Schmallenberg geboren. Die wenigen hundert Juden lebten dort seit Jahrhunderten in der katholischen Umgebung. Pflichterfüllung, Ehrlichkeit und Streben nach Glück hätten ihr Leben bestimmt, erzählt Besuden. Der Antisemitismus schwappte erst später ins katholische Westfalen.

Julius Bamberger besuchte in Köln eine jüdische Schule und durchlief anschließend eine kaufmännische Lehre bei seinem Onkel. Als 20-Jähriger leistete er seinen Militärdienst ab. Und 1907 eröffnete er an der Doventorstraße 1 in Bremen sein erstes Geschäft, zunächst mit preisgünstigen Kurz-, Weiß- und Wollwaren. Im Sommer 1914 heiratete er in Oslo Frieda Rau aus Zwickau. Sie war Christin. Aber Religion spielte für Bamberger eine untergeordnete Rolle. Im 1. Weltkrieg wurde er zum Kriegsdienst eingezogen.

Nach der verheerenden deutschen Niederlage zeigte sich Bamberger als innovativer Kaufmann, der mit kreativen Marketingstrategien sein Geschäft schnell erweiterte. 1929 eröffnete er das erste moderne Großkaufhaus, neun Stockwerke hoch, mit der ersten automatischen Rolltreppe und einem Terrassencafé. Die Bremer nannten es „Bambüddel“. Zugleich richtete Bamberger aber auch eine Armenküche ein, engagierte sich als Spender und Kunstmäzen. 1922 adoptierte das Ehepaar die zweijährigen Zwillinge Anneliese und Egon.

Ein Foto zeigt eine glückliche Familie. In der jüdischen Gemeinde war Bamberger eher im Hintergrund tätig. Aber vehement setzte er sich für die Gleichberechtigung der Juden ein. Er sah sich als Deutscher, der im Krieg seine Pflicht erfüllt hatte und nun ehrlich und unbehelligt seinem Tagewerk nachgehen wollte. Doch die gezielte Hetze der Nazis heizte die antisemitische Stimmung in Deutschland auf. Sie führte zu fortgesetzten Anfeindungen, Drohbriefen und Boykott.

Im Juli 1933 wurde der Vater vor den Augen seiner Kinder von der Gestapo verhaftet. Bambergers wertvolle Bücher mit Erstausgaben und Grafiken wurden verbrannt. Im Gefängnis am Ostertor saß er zusammen mit Sozialdemokraten, Juden, Trunkenbolden und Schwerverbrechern. Erst nach Monaten kam er als „WWJ“ – Wirtschaftlich wertvoller Jude – wieder frei.

Vergeblich versuchte der Kaufmann, seinen Besitz zu veräußern. Die Firma wurde aufgelöst und der Besitz 1939 zwangsversteigert. Ihre Kinder, Anneliese und Egon, hatten die Bambergers in einem Schweizer Internat untergebracht. Über die Schweiz floh dann auch Bamberger selbst nach Frankreich, nachdem er zuvor von einem Gestapo-Mann gewarnt worden und untergetaucht war.

In Paris versuchte er mit seinem jüngeren Bruder Curt den Neuanfang mit einem Sportartikelgeschäft. Doch zu Beginn des 2. Weltkriegs wurden die Deutschen als Staatsfeinde von den Franzosen interniert und in Lager verfrachtet. Bamberger konnte fliehen und sich ins unbesetzte Vichy in Frankreich absetzen. Im südfranzösischen Nay, im Schatten der Pyrenäen, nahe Biarritz, arbeitete er als Erntehelfer. Dort begann er im Sommer 1940 – „zu absoluter Handlungsunfähigkeit verdammt“ – auch seine Notizen für ein Buch, 62 handgeschriebene Seiten mit träumerisch-poetischen Beschreibungen, ein Buch, das nie fertig wurde. In Nay entstanden auch 38 Gedichte, oft humorvoll, aber immer mit einem bittersüßen Beigeschmack. Wehmut durchziehen die Verse, denn ihr Verfasser war „fremd im Land und ohne Hoffnung auf Freiheit“.

Dann machte sich der Vater zu Fuß auf, um seine in Frankreich internierten Kinder zu finden. Gemeinsam gelang ihnen 1941 die Flucht über Spanien und Portugal in die USA. Dort lebte Bambergers Schwester Selma in San Francisco. Julius Bamberger wagte noch einmal mit einem Juweliergeschäft einen Neuanfang. Er starb 1951. Seine Frau hatte sich in Bremen noch während des Krieges das Leben genommen.

Egon Bamberger ist als Einziger der Familie noch einmal nach Bremen zurückgekehrt, um hier Verhandlungen über eine Wiedergutmachung zu führen. Anneliese Bamberger wollte nicht wieder zurück. Besuden hat sie im Rahmen seiner Recherchen in der Nähe von Los Angeles besucht. Die 93-Jährige konnte sich noch an Bremen erinnern, an das Haus in der Parkallee, ans Radfahren im Bürgerpark und an den Klavierunterricht. „Heute kenne ich keinen mehr!“ sagt sie im Film etwas wehmütig. Freunde und Verwandte seien alle Flüchtlinge geworden. „Ich möchte nie nach Deutschland zurückkehren.“

Er sei froh, Anneliese Bamberger noch persönlich kennengelernt zu haben, erklärt Filmemacher Eike Besuden dem Publikum. Sie ist inzwischen verstorben. Am Ende sei die Geschichte der Familie Bamberger „halbwegs gut ausgegangen“. Die Protagonisten hätten überlebt. Deren Schicksal sei auch eine Bremer Geschichte und sollte deshalb im Gedächtnis der Stadt bewahrt bleiben.

„Erst heute gib es eine erste Generation in der Familie, die wieder zurückkommen kann an den Ort der Vertreibung, um auf den Trümmern der Vergangenheit in die Zukunft zu blicken“, heißt es im Begleittext zum Film.

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