Glücksfund bei Auktion Eine echte Bremer Rarität

Der Sekretär war einer falschen Epoche zugeordnet, auch wurde nicht erkannt, dass er ein Meisterstück ist. Jetzt wird das wertvolle Stück Möbel restauriert.
25.09.2019, 21:02
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Eine echte Bremer Rarität
Von Jürgen Hinrichs

Schon etwas her, dass den beiden Männern ein Bubenstück gelang. Vor ein paar Jahren war das, in einem Auktionshaus, welchem genau, wollen sie nicht verraten. Ein Stück Möbel, das versteigert werden sollte, ein Sekretär, der Katalog wies ihn so aus: „Aus der Gründerzeit stammend und aus Nussbaum gefertigt.“ Beides ist falsch, aber muss man sich großtun damit, sein Wissen preisgeben, ganz ohne Not? Roger Kossann und Klaus Neubauer taten es nicht. Sie behielten für sich, dass es ein Stück aus dem Biedermeier ist, also ein paar Jahrzehnte mehr auf dem Holz hat. Der Sekretär wurde aus Eiche gefertigt, astreiner Eiche. Ein wertvolles Stück Möbel, das bisher verkannt war. Kossann beriet, Neubauer schlug zu. Das Schnäppchen freut sie heute noch.

Roger Kossann ist Restaurator. Er hat seine Werkstatt an der Stader Straße, und dort steht der Sekretär, seitdem er ersteigert wurde. Zwar noch nicht auf eigenen Füßen, denn die gibt es nicht mehr, sie sind das einzige, was in mehr als 170 Jahren von dem Möbelstück verlorenen gegangen ist. Aber das wird sich ändern, gedrechselt ist der Ersatz bereits. Die Spuren auf der Unterseite des Sekretärs erlauben eine genaue Rekonstruktion.

Für Koch & Bergfeld

Klaus Neubauer, ein alter und guter Bekannter von Kossann, ist Chef der Bremer Silberschmiede Koch & Bergfeld. Er suchte etwas für seinen Ausstellungsraum mit historischen Werkstücken. Das Unternehmen hat eine fast 200 Jahre lange Geschichte. Es ist so alt, ein bisschen älter sogar, als der Sekretär. Und dann passt das eben gut, wenn Meisterstücke aus der Zeit in einem Meisterstück derselben Epoche präsentiert werden.

Doch zunächst muss der Sekretär restauriert werden. Dass Kossann damit so spät anfängt – nun ja, sagen beide, es habe vorher noch nicht gepasst, keine Zeit oder was auch immer, „die Qualität läuft uns ja nicht weg“. Der Restaurator zeigt die Schubladen mit ihren millimetergenau gearbeiteten Schwalbenschwanzzinken, die ineinander gesteckt und verleimt wurden. Alles glatt und rein, kein Astloch, auch kein Holzwurm, nirgendwo an dem Möbel. „Schauen Sie sich die Unterseiten an oder die Rückseite“, schwärmt Kossann, „so mancher würde sich freuen, wenn er diese Qualität vorne am Möbel hätte.“ Im Ausstellungsraum von Koch & Bergfeld wird der Sekretär deshalb frei stehen und kann rundherum besichtigt werden.

Meisterstück eines Tischlergesellen

Diese Präzision und Feinheit auch an Stellen, wo es nicht notwendig wäre, weil sie in der Regel unsichtbar bleiben – für Kossann ist auch das ein eindeutiges Indiz, dass es sich um das Meisterstück eines Tischlergesellen handelt: „Das war damals reine Schikane, die Innung wollte keine neue Konkurrenz und hat die Ansprüche bei den Prüfungen irrsinnig weit nach oben geschraubt.“ Rahmenfüllungen, Profilleisten, alles von einer unglaublichen Akkuratesse. „Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, sechs Tage die Woche und sechs Monate lang – das war die Zeit, die es mindestens dauerte, um ein solches Werk erblühen zu lassen“, so der Restaurator.

Auf der Rückseite hat er einen Bleistifteintrag entdeckt: „1846 den ... März.“ Das genaue Datum lässt sich nicht entziffern. 173 Jahre alt, davon darf man also ausgehen. Aber wie will Kossann wissen, dass der Tischler von damals ein Bremer war? Er macht es am sogenannten Riss fest, einer technischen Zeichnung, die dem Gesellen von der Innung abverlangt wurde, bevor er sich an die eigentliche Arbeit machen durfte. So ein Blatt findet sich im Focke-Museum. Es stammt aus dem Jahr 1848 und zeigt den Entwurf eines angehenden Bremer Tischlermeisters. Die Ähnlichkeit mit dem Sekretär von Kossann ist frappierend. Zum Fundament der These trägt außerdem eine wissenschaftliche Arbeit bei, die sich mit Schreibmöbeln der Bremer Tischler aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigt.

Neue Beschläge aus Perlmutt

Als Furnier wurde bei dem Sekretär Palisanderholz verwendet, was noch einmal wertvoller war als das bereits edle Mahagonifurnier aus Mittelamerika, das sonst gerne genommen wurde. Im sogenannten Eingericht hinter der Schreibklappe sind Kupfer-, Silber- und Messingintarsien verarbeitet worden. Die Schlüssellöcher waren vor der Restaurierung mit Beschlägen aus der Zeit um 1880 versehen, sie sind also erst später angebracht worden und entsprachen nicht dem Original. „Wohl auch ein Grund, warum bei der Auktion von einem Möbel aus der Gründerzeit ausgegangen wurde“, vermutet Kossann. Die Beschläge waren im Original kleiner, was an den Abdrücken erkannt werden kann. Der Restaurator stellt neue her, sie sind aus Perlmutt.

An einigen Stellen ist das Furnier beschädigt, kleine Teile, die abgesprungen sind. Die früheren Besitzer des Sekretärs haben sie nicht etwa in den Müll getan, sondern aufbewahrt, sie lagen in den Fächern im Eingericht. „Ein Riesenglück“, sagt Kossann. So kann er die Splitter wiederverwenden. Selbst die beiden Originalschlüssel sind noch vorhanden. Die Schubladen waren zum Schutz des Holzes ausgelegt. „Lux Filter. Die Krönung der Auslese“, steht auf der Pappe. Sie stammt von Brinkmann, aus der aufgegebenen Tabakfabrik in Woltmershausen. Alles aufgehoben, auch das. Ein echtes Bremer Möbel.

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