„Berne-Farge“ wird nach Irland verschifft

Eine Fähre entschwebt

Die ausgemusterte Fähre "Berne-Farge" ist zu einer großen Reise angetreten. Das Transportschiff bringt sie nach Irland.
24.01.2017, 00:00
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Von Gabriela Keller
Eine Fähre entschwebt

Zwei Ladekräne nehmen die "Berne-Farge" an den Haken und hieven sie an Deck der "Deo Volente".

Christian Kosak

Von der ausgemusterten Fähre ist nur die Schiffsführer-Kabine zu sehen. Weiß ragt sie hinter dem blauen Deck der „Deo Volente“ auf, die an der ehemaligen Vulkan-Pier festgemacht hat. Hinter dem 105 Meter langen und fast 16 Meter breiten Schwergut-Transportschiff kann sich die Fähre „Berne-Farge“ zwei Mal verstecken. Viele Jahre pendelte sie mit Menschen und Fahrzeugen von einem Weserufer zum anderen. An diesem kalten Montagmorgen geht die alte Fähre, die von der Fährgesellschaft Bremen-Stedingen nach 33 Jahren verkauft wurde, auf eine große Reise. Mit der „Deo Volente“ wird sie von Vegesack nach Irland verschifft.

Dazu muss die Fähre, die an der Steuerbord-Seite der „Deo Volente“ längs gegangen ist, zunächst an Bord des holländischen Transportriesen gehievt werden. Normalerweise bringt die „Deo Volante“, die in Urk ihren Heimathafen hat, Mittelmeer-Jachten von A nach B. Heute soll sie in Vegesack eine Fähre an den Haken nehmen. Zwei starke Bordkräne sollen es richten. Zusammen können sie bis zu 240 Tonnen heben. Die Fähre „Berne-Farge“ ist da mit 160 Tonnen unterhalb des Limits.

„In der Theorie haben wir den Lift schon mehrfach durchgespielt“, sagt Nicolo Bianchi. Der Projektspediteur beim maritimen Logistikunternehmen Bremer Lloyd hält an diesem Tag die Fäden in der Hand. Er hat schon dafür gesorgt, dass Schwergewichte von ganz anderem Kaliber zum Verschiffen an den Haken kamen. „Für die Olympischen Spiele in Rio transportierten wir einmal eine Fähre, die war doppelt so lang und wog 450 Tonnen.“ Das Liften der kleineren „Berne-Farge“ hat für ihn trotzdem einen besonderen Reiz. „Es macht schon Spaß, etwas Lokales zu verschiffen.“

Viel Vorarbeit sei erforderlich gewesen. Wie wird die „Deo Volente“ während des Hebevorganges stabil im Wasser gehalten, in welchem Winkel muss die Fähre zwischen den beiden Ladekränen hindurch bugsiert werden, auf welcher Position muss sie gestaut und wie gesichert werden? Alles sei vorher genau vom Unternehmen Thiemotius im Auftrag des Bremer Lloyd berechnet worden, schildert Bianchi.

Zwei an langen Stahlrohren verankerte Hebegurte, die sich als Schlingen unter dem Rumpf um Bug und Heck legen, sollen die Fähre aus dem Wasser heben. Ein Gurt liegt schon unter Wasser, den zweiten muss die Mannschaft der „Deo Volente“ noch in Position bringen. Harte Handarbeit für die jeweils zwei Mann, die den Gurt auf Back- und Steuerbordseite um den Rumpf führen. Unter Wasser kontrollieren Oliver Steinert und Daniel Stolter, ob die Hebegurte auch an der richtigen Stelle sitzen.

Als Orientierung dienen den Tauchern der Firma „Nordsee-Taucher“ aus Hamburg ­extra angebrachte weiße Markierungslinien unter dem Rumpf. Das Zeitfenster für den Einsatz der Taucher ist eng. „Die Strömung in der Weser ist für uns das größte Problem. Wir können nur bei Stauwasser ins Wasser. 15 bis maximal 60 Minuten können wir in dieser Zeit unter Wasser arbeiten“, erklärt Steinert. An diesem Vormittag bleibt er mit seinem Kollegen 30 Minuten unter der Oberfläche. Über eingebaute Mikrofone in ihren Tauchermasken und einer Telefonleitung im Sicherheitskabel halten sie Kontakt zu den Helfen über Wasser. Groß korrigieren müssen sie an diesem Tag nichts, die Gurte sitzen.

Bis sich die Fähre erstmals bewegt, vergeht trotzdem noch viel Zeit. Nach knapp eineinhalb Stunden schwebt die „Berne-­Farge“ gerade mal die ersten Zentimeter über dem Wasser. Zeitgleich rauscht auf der Backbord-Seite der „Deo Volente“ Wasser in die Ballasttanks – 400 Kubikmeter pro Stunde. „Damit gleichen wir die ­Schräglage aus, die beim Heben der Fähre entsteht und halten auf diese Weise das Schiff stabil“, erklärt Thiemo-Alexander Patzek. Maximal zwei Grad Neigung, um mehr darf sich das Transportschiff nach den Worten des Chefs der Firma Thiemotius nicht auf die Seite ­legen.

Das Füllen der Ballasttanks geschieht schrittweise. Mit jedem Zentimeter, den die Fähre an Luft gewinnt, fließen weitere Wassermassen in den Rumpf der „Deo ­Volente“. Deshalb zieht sich der Hebevorgang in die Länge. Das Bugsieren zwischen den Ladekränen hindurch an Deck ist dann noch einmal eine Herausforderung. Und läuft ab wie beim Einparken eines Autos: Noch über dem Wasser wird die Fähre in der Luft leicht zur Seite verschwenkt, zwischen den Kransäulen hindurch geführt und an Deck wieder zurückverschwenkt.

Nach knapp fünf Stunden ist alles vollbracht: Die Fähre „Berne-Farge“, die zuletzt als Ersatzfähre zwischen Berne und Farge pendelte, ist an Bord der „Deo Volente“ angekommen. In zwei bis drei Tagen soll sie in Londonderry in Nordirland eintreffen. Wo genau sie später eingesetzt wird, ist noch offen.

Die Fähre Berne-Farge, einst bei Fassmer in Berne gebaut, passte nach 33 Jahren nicht mehr in das Flottenprogramm der Fähren Bremen-Stedingen. Den Fährverkehr zwischen Berne und Farge soll ab Herbst ein neues Schiff übernehmen, das derzeit für 5,4 Millionen Euro bei der SET-Werft in Tangermünde im Bau ist. Größer wird es und es wird mit einer Tragfähigkeit von 200 Tonnen auch mehr Lasten tragen können. Damit wollen die Fähren Bremen-Stedingen dem gewachsenen Verkehrsaufkommen auf der Strecke zwischen Berne und Farge Rechnung tragen.

„In der Theorie haben wir den Lift mehrfach durchgespielt.“ Nicolo Bianchi
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