Serie Hinter verschlossenen Türen (7): Das Kühlhaus im Hafen Eine Gefriertruhe aus Beton

Bremen. Ein Bunker, denkt man, einer mit Fenstern, was ungewöhnlich wäre, aber weiß man es? So massiv wie das Haus im Hafen steht, wirkt es schier uneinnehmbar. Ein Trumm aus Beton, grau und nackt, ja, irgendwie nackt. An der Fassade eine Aufschrift, blau auf grau: Bremerhavener Kühlhäuser GmbH.
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Eine Gefriertruhe aus Beton
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Ein Bunker, denkt man, einer mit Fenstern, was ungewöhnlich wäre, aber weiß man es? So massiv wie das Haus im Hafen steht, wirkt es schier uneinnehmbar. Ein Trumm aus Beton, grau und nackt, ja, irgendwie nackt. An der Fassade eine Aufschrift, blau auf grau: Bremerhavener Kühlhäuser GmbH. Das ist es also, was sich hinter den dicken Mauern verbirgt: eine überdimensionierte Gefriertruhe.

Hinein geht?s durch eine breite Stahltür, die genauso etwas Abwehrendes hat, nur der Briefschlitz verrät, dass Kontakt zur Außenwelt durchaus erwünscht war, früher, als das Kühlhaus noch gekühlt hat. Seit gut 20 Jahren ist es außer Betrieb und dem langsamen Verfall preisgegeben. Überall blättert die Farbe von den Wänden, es gibt Risse in den Mauern und Löcher im Boden.

Man stolpert über Kabelverkleidungen, die kein Kabel mehr in sich tragen, alles geklaut. Die Diebe haben sich auch die Rohre genommen und dabei das eine Mal im Keller einen großen Wasserschaden angerichtet. Es war die blanke Gier hinter diesen Gewaltakten, denn das Metall ließ sich gut verkaufen.

Hinter dem Eingang um die Ecke gleich das Büro des Meisters, so hatte er einen Überblick, wer kam und wer ging. Heute kommen nur noch die Einbrecher, obwohl: Seit es einen hohen Zaun ums Gelände gibt und kaum noch etwas übrig ist, was geplündert werden könnte, hat sich das beruhigt. Manchmal war die Polizei da, nicht wegen der Diebe, sondern weil sie hier geübt hat, die pinkfarbenen Spritzer an den Wänden markieren Treffer aus der Übungspistole.

Dauerhaft genutzt wird das Kühlhaus aber nur noch von den Tauben. Aufgeschreckt von den ungewohnten Besuchern, flattern sie wie wild durch die langen Gänge und legen trotzdem immer wieder Punktlandungen hin. Auf dem Boden ihre Hinterlassenschaften, dicke Fladen mittlerweile, der Kot von Jahren.

Lager für Fleisch aus den USA

Das Kühlhaus ist eines der ersten Nachkriegsbauten im Hafengebiet. Es steht am Eingang des Holz- und Fabrikenhafens, zwischen Eduard-Suling-Straße und Kaimauer und diente zunächst als Lager für Fleischlieferungen aus den Vereinigten Staaten. Deutschland darbte nach dem verlorenen Krieg und war dringend auf Lebensmittel angewiesen. Später, als sich die Lage entspannt hatte, stapelte sich im Kühlhaus verderbliche Ware aus der ganzen Welt. Der Hafen in Bremen war ein stark frequentierten Umschlagsplatz.

Vor zehn Jahren hatte die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) das Gebäude übernommen, da stand es allerdings schon viele Jahre leer. Anfangs, so schildert es die WFB, gab es nur den einen Gedanken: Abriss. Das Geld dafür, rund zwei Millionen Euro, steht bis heute im Haushalt bereit. Ob es ausreichen würde, ist allerdings ungewiss.

Hohe Kosten, die man sich sparen könnte, wenn es für das Gebäude einen Investor gebe, dachte sich die WFB. Also wurde zunächst mal nicht platt gemacht, auch deshalb, weil die Stadtplaner dem Kühlhaus durchaus einen architektonischen Charme abgewinnen können. Unter Denkmalschutz steht das Gebäude nicht, und es deutet, so hört man aus der zuständigen Behörde, nichts darauf hin, dass sich das in den nächsten Jahren ändern könnte.

Expressive Elemente

Leute, die etwas davon verstehen, sprechen bei dem Gebäude von einer 'sachlichen Sichtbetonarchitektur mit expressiven Elementen', zu denen vor allem der Treppenturm gehört. Er ist achteckig, oktogonal, wie die Fachleute sagen, und mit vertikalen Fensterbändern versehen, die von oben nach unten reichen. Die Fenstersprossen bestehen übrigens nicht aus Holz, wie nach dem ersten Blick vermutet, sondern aus Beton und Stahlstreben - ausbruchssicher, denkt man. Ein Gefrier-Gefängnis.

Das Treppenhaus ist der Lichtpunkt in dem Haus und ein Kontrast, wie er stärker kaum sein sein könnte, denn tief drin in der Truhe herrscht undurchdringliche Dunkelheit. In den Kühlhallen ganz besonders, eine davon ist unvermutet groß. 35 mal 15 mal 10, grob geschätzt und eher untertrieben. In jeder dieser Hallen oder Kammern steht ein großes Kühlaggregat und unter der Decke hängen breite Lüftungsschächte. Was so eine Gefriertruhe eben bracht, um auf Temperatur zu kommen.

Es sind dicke Wände, und sie sind gefüllt, was jetzt ein Problem ist, ein sehr großes sogar. An einigen Stellen haben Arbeiter den Putz aufgeschlagen, mit unschönem Ergebnis. Es quellt dort eine Masse heraus, der man besser nicht zu nahe kommt. Sie sieht wie Teer aus, kohlrabenschwarz und mit feiner Körnung. Riechen tut?s schon mal schlecht, wie verpestet. Das Kühlhaus, scheint es, dünstet Gift aus.

Erholung dann ganz oben, auf dem Dach. Frische Luft und eine grandiose Aussicht auf den Hafen. Es liegen ein paar leere Feuerlöscher herum, hier und da ist der Boden aufgeplatzt, Pflanzen machen sich breit, ein Strauch und etwas Gelbes, was blüht. Auf dem Dach ist das Kühlhaus ein schöner Ort, innen drin eher nicht, dort lockt nur das lichte Treppenhaus - zum Hinausgehen.

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