Friederike Daugelat vom Overbeck-Museum Eine Kämpferin für die Kunst geht

Vegesack. Den jüngsten Coup hat Friederike Daugelat noch selbst eingefädelt. 2011 werden Bilder von "Worpswedern" aus Bad Zwischenahn nach Vegesack reisen und eine ständige Bleibe im Overbeck-Museum finden.
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Von Gabriela Keller

Vegesack. Den jüngsten Coup hat Friederike Daugelat noch selbst eingefädelt. 2011 werden Bilder von "Worpswedern" aus Bad Zwischenahn nach Vegesack reisen und eine ständige Bleibe im Overbeck-Museum finden.

"Uns ist die Sammlung Wittig als Dauerleihgabe angeboten worden", berichtet die scheidende Museumsleiterin. Die Verhandlungen sind so gut wie abgeschlossen. "Wir haben die mündliche Zusage, dass die Sammlung Anfang nächsten Jahres in unser Haus kommt."

Das Haus, das sie dann nicht mehr leiten wird. Wenn die rund 40 Ölgemälde von Fritz Uphoff, Carl Emil Uphoff, Lisel Oppel und anderen Worpsweder Malern eintreffen, wird Daugelat schon weg sein. Ab 1. Januar ist sie als Kulturreferentin für den Landkreis Stormarn tätig. Dafür genießt sie die Vorfreude über den neuen Bilder-Fundus, den das Sammler-Ehepaar Wittig dem Overbeck-Museum zur Verfügung stellt. "Das ist eine schöne Bestätigung für das Haus", meint Daugelat. Das Angebot der Sammler aus Bad Zwischenahn ist für die Leiterin ein Beweis mehr, dass die Kunststätte im Alten Packhaus in Vegesack ihren festen Platz in der Museumslandschaft gefunden hat.

Drei Jahre hat Friederike Daugelat darauf hingearbeitet, aus der 1990 gegründeten Stiftung Overbeck "ein Ernst zu nehmendes Museum" zu machen. Eines mit Rang und Namen über die Grenzen Bremen-Nords, ja sogar Bremens hinaus. Als sie im November 2007 die Geschäftsführung bei Overbeck übernahm, war die Kunststätte eher ein Geheimtipp. Heute ist das anders. "Im neuen Merian-Heft über Bremen sind nur eine Handvoll Museen genannt-und wir sind dabei", sagt Daugelat stolz. Selbst die bundesweite Fachpresse ist aufmerksam geworden. Die aktuelle Ausgabe des Kunstmagazins "art" listet in einem Beiheft über Ausstellungshöhepunkte im ersten Halbjahr 2011 die am 29. Mai beginnende Sonderschau über Hermine Overbeck-Rohte. Frisch aus der Druckerei landeten auf Daugelats Schreibtisch im Overbeck-Museum an ihrem letzten Arbeitstag die Druckvorlagen für den Ausstellungskatalog.

Overbecks gut verkauft

Die Hermine-Retrospektive und der Katalog sind Daugelats Abschiedsgeschenk für das Haus. Zur Eröffnung wird sie eigens von ihrem neuen Dienstsitz in Bad Oldesloe anreisen. Die scheidende Museumschefin hofft, dass Hermine ebenso viel Publikum zieht wie die Jubiläumsausstellung zum 100. Todestag von Fritz Overbeck. Über 7500 Besucher strömten 2009 zur Retrospektive "Ich bin nicht sentimental". Zur Eröffnung kam neben Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann.

Die Besucherzahlen sind ein weiterer Gradmesser für den Aufschwung des Hauses. Die Bestmarke 10000 aus dem vergangenen Jahr erreicht das Haus in diesem Jahr mit 5000 zwar nicht. Aber: "Auch ohne den Ausreißer Sonderausstellung sind das zwei Drittel mehr als in früheren Jahren mit rund 3000 Besuchern." Die kommen inzwischen sogar von weit her. Nicht nur in Vegesack und Bremen, überregional ist der Name Overbeck ein Begriff.

Das kommt nicht von ungefähr. Vom Schattendasein in der Kulturprovinz ins Rampenlicht einer größeren Öffentlichkeit -der Weg des Overbeck-Museum kann ein Lehrstück sein, wie kleine Kulturstätten überleben können. "Kunst braucht Publikum" -nach diesem Credo hat Friederike Daugelat das Museum drei Jahre lang gut verkauft. Bundesweit wurde die Werbetrommel für das Haus gerührt. Die studierte Germanistin, Journalistin und Musikwissenschaftlerin wusste aus ihren Erfahrungen in einer PR-Agentur, wie wichtig Marketing ist. Dazu gehört der neue Name Overbeck-Museum und das moderne Logo. Für Daugelat ist das mehr als nur schöner äußerer Schein. "In der Konkurrenz unter den Bremer Museen braucht man einen Angelhaken, der sich in den Köpfen festsetzt. Grafische Beliebigkeit nach außen schafft kein Image. Außerdem schließen die Menschen von der Verpackung auf den Inhalt."

Die zweite wichtige Weiche, die Daugelat gestellt hat. Unter ihrer Leitung hat das Haus seinen Horizont erweitert. Das künstlerische Erbe von Fritz Overbeck, einem der Gründerväter der Worpsweder Künstlerkolonie, und von Hermine Overbeck-Rohte wird nach wie vor gehegt und gepflegt. Gleichzeitig aber schlägt das Museum den Bogen von der "Worpsweder"-Tradition zur Kunst von heute. "Ein Museum als lebendiges Haus darf sich der zeitgenössischen Kunst nicht verschließen", ist Daugelat überzeugt. Vor allem nicht das Overbeck-Museum. Der Maler Fritz Overbeck sei zu Lebzeiten selbst für neue künstlerische Strömungen offen gewesen. "Da ist es eine Verpflichtung für ein Haus, das sein Erbe pflegt, sich der zeitgenössischen Kunst zu öffnen."

Beim Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne hat Daugelat das Credo "Kunst braucht Publikum" immer im Blick gehabt. "Mir ging es auch darum, das Haus für neue Besucherschichten zu öffnen." Wie lockt man jüngere Menschen ins Haus, die sich nicht unbedingt für Worpsweder Malerei interessieren? Wie kann das Museum ihrem Kunstgeschmack gerecht werden, ohne das Stammpublikum vor den Kopf zu stoßen? Daugelat löste den Spagat mit Ausstellungen, die beiden Seiten etwas boten. Bis hin zum Wagnis einer Schau wie "Dreidimensional", die ausgewählten Bildern der Overbecks Arbeiten von Bremer Bildhauern zur Seite stellte. Experimente, die nicht nur von den Besucherzahlen her erfolgreich waren sondern auch neue Kunst-Erfahrungen und im wahrsten Sinne neue Ansichten ermöglichten. "Die Worpsweder Kunst bietet Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst. Umgekehrt entdecken die Freunde der zeitgenössischen Kunst, dass die Worpsweder nicht verstaubt und von gestern sind."

Alleine hätte das Overbeck-Museum diese Ausstellungen nicht auf die Beine stellen können. "Die Vernetzung mit Kooperationspartnern ist wichtig", nennt Daugelat eine Voraussetzung für den Erfolg. Das Gerhard-Marcks-Haus, die Weserburg, das Paula-Becker-Modersohn-Museum in der Böttcherstraße und die Worpsweder Kunsthalle holte sie mit ins Boot. Aber auch Partner außerhalb von Bremen und umzu. Die Overbecks wanderten unter anderem nach Paderborn in die Städtische Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus und jüngst ins Heimatmuseum Keitum auf Sylt.

Was Daugelat besonders freut: "Das Overbeck-Museum wird jetzt von den anderen Häusern in Bremen Ernst genommen." Die "Wertschätzung von den Kollegen, die mir auf Augenhöhe begegnet sind", zählt die 34-Jährige zu den schönsten Erfahrungen in den drei Jahren ihrer Tätigkeit in Vegesack. Aber auch das Lob aus Besuchermund. "Wir wussten ja gar nicht, was für ein Kleinod dieses Museum ist." Unzählige Male hat die scheidende Leiterin diese Worte gehört.

"Es ist uns gelungen, das Museum wachzuküssen", stellt Daugelat fest. Das Wörtchen "uns" macht deutlich: Eine Rahmenbedingung für den Erfolg war die Unterstützung von vielen Seiten. Maler-Enkelin und Museumsgründerin Gertrud Overbeck und der Trägerverein ließen Daugelat freie Hand. "Man hat mir die Freiheit gegeben, etwas auszuprobieren und das Potenzial, das im Haus schlummerte, zum Leben zu erwecken." Mit Bremen Marketing fand die Leiterin nach eigenen Worten einen "starken Mitstreiter", der die Umfirmierung als Overbeck-Museum unterstützte und das neue Logo finanzierte. "Dadurch sind mir hier in Vegesack schnell die Türen geöffnet worden."

Werben um Sponsoren

Ohne Geld läuft gar nichts. Aus dem Vollen schöpfen aber kann ein Haus nicht, dessen Rückgrat rund 50 ehrenamtliche Mitarbeiter sind neben der Leiterin als einziger Vollzeit-Kraft und derzeit neun weiteren bezahlten Mitarbeitern. Darunter sind viele Ein-Euro-Jobber. "Die leisten die meisten Stunden. Einsparungen bei diesen Kräften würden unser Haus empfindlich treffen", meint Daugelat mit Blick auf Überlegungen der Bundesagentur für Arbeit. Einen Ankaufetat für Bilder gibt es nicht. "Es ist nur punktuell möglich, die Sammlung auszubauen." Ein einziges Werk hat das Museum in den vergangenen drei Jahren erworben. Seit 2009 hängt ein von Paul Schroeter gemaltes Portrait Fritz Overbecks im Treppenhaus des Museums. Spenden des Trägervereins ermöglichten den Ankauf. Vor diesem Hintergrund ist die neue Dauerleihgabe aus Bad Zwischenahn wie ein Weihnachtsgeschenk.

Kreativität ist bei der Finanzierung großer Ausstellungen gefragt. Das Werben um Sponsoren zeigt laut Daugelat Erfolg. "Wir haben verschiedene Bremer Stiftungen gewinnen können." So wird die Waldemar-Koch-Stiftung nach der Jubiläumsausstellung für Fritz auch die Ausstellung für Hermine mitfinanzieren. Glücklich ist Daugelat auch über die Unterstützung der Hockemeyer-Stiftung, die erstmals mit im Boot ist. Erneut hat das Museum auch einen Antrag auf Bundesfördermittel gestellt. Beharrlichkeit zahle sich bei der Sponsorensuche aus. "Da muss man am Ball bleiben."

Das gilt laut Daugelat für Sponsoren wie für das Werben von Ehrenamtlichen. Denn: "Nichts ist gesichert, auch wenn das Museum derzeit auf einem guten Niveau mit viel Unterstützung von allen Seiten da steht." Erfolg ist kein Selbstläufer, macht die scheidende Leiterin deutlich. Aber wenn sie ihrer bisherigen Assistentin und Nachfolgerin Katja Pourshirazi eine wichtige Erkenntnis mit auf den Weg geben will, dann die: "Es lohnt sich, für die Kultur zu kämpfen."

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