Verein Anatolisches Bildungs- und Beratungszentrum gedachte im Bürgerhaus Mahndorf der unzähligen Opfer Eine Kulturnacht gegen Völkermorde

„Ihr begegnet Vorurteilen, indem ihr zur interkulturellen Verständigung einladet.“ Karin Schüdde über das Wirken des Anatolischen Beratungszentrums Mahndorf.
07.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer

Am 24. April jährte sich der Genozid, den die Jungtürken an den Armeniern begingen, zum 100. Mal. Am 10. Mai sind Bürgerschaftswahlen in Bremen. Dementsprechend groß war der Politikerauflauf bei der „Kulturnacht gegen Rassismus und Genozide und für eine vielfältige Welt“, zu der das Anatolische Bildungs- und Beratungszentrum auch Antifaschisten aus der Türkei ins Bürgerhaus Mahndorf eingeladen hatte.

Es ist ein äußerst ehrenhaftes Anliegen des Vorsitzenden, Rahmi Tuncer aus Hemelingen, an die türkische Schuld zu erinnern, auch mit einer Ausstellung im Bürgerhaus. Sich gegen Rassismus und für ein friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben einzusetzen ist ein deutliches Zeichen. Weniger gut machte es sich dagegen, dass die Politiker in dem zur Hälfte besetzten Saal die Anwesenden unverblümt dazu aufforderten, sie auch zu wählen.

Nach einer Gedenkminute für die Opfer sprach zunächst die Linken-Abgeordnete Sofia Leonidakis, die ihren Ehemann in Istanbul kennengelernt hat. In Griechenland gebe es immer noch Vorurteile gegenüber den Türken, und das aus trifftigem Grund. Nicht nur die Armenier wurden im osmanischen Reich ausgelöscht, auch 500 000 Griechen seien 1918 in der Türkei zuerst in Arbeitsbataillone und dann auf einen Todesmarsch geschickt worden, erzählte Leonidakis. 350 000 Griechen seien dabei umgekommen. „Die deutsche Regierung wusste davon. Und die Türken rechtfertigten diese Schikanen, weil die griechische Bevölkerung angeblich die Türken bekämpft haben sollte“, sagte die Politikerin. Oft werde vergessen, dass es sich 1910 bei der Türkei um einen multi-ethnischen Staat gehandelt habe, der aus 27 Religionsgruppen bestanden habe. Die Griechen hätten einen 18-prozentigen Anteil an der Bevölkerung gehabt, so Leonidakis.

Alle waren sich bei der Kulturnacht einig, dass „diejenigen, die den Völkermord leugne

ten,

ihn noch einmal begingen“. Rahmi Tuncer und die anwesenden Politiker waren sich zudem darin einig, dass einer Spaltung der Gesellschaft durch die Umtriebe von Pegida vorgebeugt werden müsse.

Als Mitglied des Beirates Hemelingen und der Linken sprach Gerd Arndt: „Ich bin immer noch tief bewegt von der Aufführung des armenischen Oratoriums in der Liebfrauenkirche“. Er erinnerte daran, wie es ihm selbst 1945 als Flüchtling ergangen ist. Er sei aus dem damaligen Breslau, das heute zu Polen gehöre, mit seiner Familie vertrieben worden. „2012 bin ich das erste Mal nach 70 Jahren wieder dort gewesen. Für mich ist es entsetzlich gewesen, 1945 die furchtbaren Bilder von Auschwitz zu sehen und feststellen zu müssen, dass meine Eltern als Mitläufer nichts dazugelernt hatten.“ Auch die grüne Europaparlamentarierin Helga Trüpel war zu der Kulturnacht gekommen.

Rahmi Tuncers Verein hat im Bürgerhaus Mahndorf eine Ausstellung organisiert, die zeigt, was Menschen in der Lage sind, anderen Menschen anzutun. Auf schreckliche Weise gleichen sich die Bilder von den Völkermorden an den Armeniern, in Srebenica, in Kroatien und Ruanda sowie des Genozides, den die Deutschen von 1904 bis 1908 an den Herero in Namibia begingen. Jedem Vergleich entziehen sich jedoch die unmenschlichen Grausamkeiten, die im Holocaust begangen wurden. Tuncers Ziel ist es, die Ausstellung auch in weiteren Städten zu zeigen.

Als Vertreterin der Bremischen Evangelischen Kirche Hemelingen sprach Karin Schüdde bei der Kulturnacht. Sie erinnerte daran, dass Renke Brahms, der Ratspräsident der Bremischen Evangelischen Kirche, genauso wie Bundespräsident Joachim Gauck von einem Völkermord an den Armeniern gesprochen habe. „Auch die Kirche hat über Jahrhunderte hinweg Unrecht begangen und teilweise am Holocaust mitgewirkt. Vergebung kann nur dann gelingen, wo Schuld anerkannt wird.“ Karin Schüdde hob die Verdienste des Anatolischen Bildungs- und Beratungszentrums hervor: „Ihr begegnet Vorurteilen, indem ihr zur interkulturellen Verständigung einladet. Danke dafür, macht weiter so.“ Die Forderungen des Anatolischen Bildungs- und Beratungszentrums sind ganz konkret: „Wir wollen, dass Paragraf 301 aus dem türkischen Strafgesetzbuch gestrichen wird, der die Erwähnung des Genozides an den Armeniern als Straftatbestand ahndet. Außerdem möchten wir, dass die Grenze zu Armenien geöffnet wird und dass die Türkei diplomatische Beziehungen zu Armenien aufnimmt“, erklärte Rahmi Tuncer. „Darüber hinaus plädieren wir dafür, dass sich die Armenier wieder in der Türkei ansiedeln können, indem ihnen das Recht auf die türkische Staatszugehörigkeit zugesichert wird“.

Eine weitere Forderung des Vereins, dem Armenier, Kurden, Türken, Tataren sowie Sunniten und Aleviten angehören: Schutz der noch in allen Gegenden der Türkei vorhandenen armenischen Kulturgüter.

Rahmi Tuncer räumte ein, dass er und sein Verein im Zuge der Vorbereitung der Kulturnacht massiven Beschimpfungen und Bedrohungen von Seiten extremistischer Kräfte ausgesetzt gewesen seien. „Wir sind stolz auf unseren kleinen Verein, denn wir bewirken etwas gegen Extremisten, Salafisten und Faschisten“, betonte der Vorsitzende.

Pech hatte Rahmi Tuncer, weil die beiden Journalisten Sayat Tekir und Ezgi Yildiz von der armenischen Zeitung „Nor Zartonk“ (Neues Erwachen), die noch am Tag zuvor an den Protestveranstaltungen in Istanbul teilgenommen hatten, wegen der Verschiebung ihrer Flüge nicht rechtzeitig in Bremen sein konnten.

Die Kulturnacht wurde von Gamze und Bektas Kapdi aus Syke bestritten, die auf der Saz Musik aus Anatolien spielten. Außerdem trug Robert G. Hempel auf der Gitarre antifaschistische Lieder vor.

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