Staatsanwaltschaft lehnt Beschwerde ab

Eine Mutter kämpft um Gerechtigkeit für tote Tochter

Claudia Becks Tochter erkrankt psychisch, wird von einer Ärztin als Notfall in die Psychiatrie eingewiesen. Am Tag ihrer Entlassung erhängt sich die 20-Jährige Melissa in ihrem Zimmer.
21.11.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Eine Mutter kämpft um Gerechtigkeit für tote Tochter
Von Antje Stürmann
Eine Mutter kämpft um Gerechtigkeit für tote Tochter

Claudia Beck hat jetzt einen Antrag auf Klageerzwingung gestellt.

Frank Thomas Koch

Claudia Becks Tochter erkrankt psychisch, wird von einer Ärztin als Notfall in die Psychiatrie eingewiesen. Am Tag ihrer Entlassung erhängt sich die 20-Jährige Melissa in ihrem Zimmer.

Der Staatsanwalt verdächtigt die behandelnden Ärzte der fahrlässigen Tötung. Er ermittelt zwei Jahre und stellt das Verfahren ein, obwohl die Akten Ungereimtheiten aufweisen. „Ich habe das Gefühl, ich bin zweimal Opfer geworden“, sagt Claudia Beck, "erst habe ich meine Tochter verloren, weil die Ärzte Fehler gemacht haben, dann vertuscht der Staatsanwalt die Tat."

Melissa Beck litt wie ihr Vater an einer bipolaren Störung – einer chronisch verlaufenden psychischen Krankheit, bei der Stimmung und Antrieb extrem schwanken. "Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt", sagt Claudia Beck, die selbst vom Fach ist. Die Diplom-Psychologin weiß: "Diese Menschen sind extrem Selbstmord gefährdet." Mit der richtigen Medikation könne man die Krankheit in den Griff bekommen.

Fachärztin sieht Anzeichen für schwere Depression

Bei ihrer Tochter schwankt die Stimmung kurz vor ihrem Tod sekündlich. So beschreibt sie es in Tagebuchaufzeichnungen, die dem WESER-KURIER vorliegen. Im Sommer 2014 geht es Melissa so schlecht, dass sie von einer niedergelassenen Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie ins Klinikum Ost eingewiesen wird. "Meine Tochter hatte keinen Lebensmut und -willen mehr", erinnert sich Claudia Beck. Die Fachärztin sieht Anzeichen für eine schwerste Depression. Auf ihren Einweisungsschein schreibt sie: "lebensüberdrüssig", "stationäre Behandlung erforderlich" und einen wichtigen Hinweis: "Vater bipolare Störung". Ob es sich um eine Depression handelt oder um eine bipolare Störung, sei für die Wahl der Medikamente von Bedeutung, gibt eine Ärztin den Kripobeamten später zu Protokoll, das dem WESER-KURIER vorliegt. Bei einer bipolaren Störung, so die Ärztin, komme das Arzneimittel Sertralin nicht zum Einsatz.

In dem Protokoll ist auch zu lesen, dass nach Ansicht der Fachärztin eine stationäre psychiatrische Behandlung zwingend erforderlich gewesen sei. Das bestätigt die Fachärztin gegenüber dieser Zeitung. Sie habe sich Sorgen gemacht und in der Klinik angerufen, weil sie sicher gehen wollte, dass Melissa dort aufgenommen worden ist und die Kollegen sie nicht aus den Augen lassen.

Keine Medikamente trotz Notfall-Einweisung

Doch obwohl Melissa Beck als Notfall eingewiesen worden ist, bekommt sie nach Angaben von Claudia Beck keine Tabletten, die ihr Leiden eindämmen. Claudia Beck erinnert sich, dass der leitende Oberarzt gesagt habe: „Da machen wir erst einmal gar nichts“ und "Tabletten schon mal gar nicht". Die Patienten sei volljährig und deshalb Ansprechpartnerin der Ärzte und nicht die Mutter. Claudia Beck hält beides für eine Fehleinschätzung: "In ihrem Zustand war Melissa eine hilflose Person", sagt sie. Die Klinik lehnt auf Nachfrage jede Stellungnahme zu dem Fall ab. Begründung: "Wir können keinerlei Auskünfte geben, da wir die Patientin nicht mehr nach ihrem Einverständnis fragen können", so eine Sprecherin der Gesundheit-Nord.

Wie Claudia Beck berichtet, soll ihre Tochter Körbe flechten, Mandalas ausmalen und Gespräche führen. Ein Arzt sei in der ersten Woche nicht vor Ort gewesen, das habe ihr eine Krankenschwester gesagt. Stattdessen ist laut Beck eine unbezahlte Psychotherapeutin in Ausbildung für die Patienten verantwortlich. Auch dazu gibt es keine Stellungnahme von der Klinik. "Meine Tochter hatte eine Krankheit mit neurobiologischem Hintergrund und hätte in die gezielte Behandlung eines Facharztes für Psychiatrie und Neurologie gehört", sagt Claudia Beck. Mehrfach habe sie darauf hinweisen wollen, dass ihre Tochter ein dämpfendes, beruhigendes Neuroleptikum benötige. Doch sie sei nicht gehört worden, nichts sei passiert. Später dann habe doch noch Neuroleptikum und Schlafmittel nach Bedarf in der Krankenakte gestanden, die dem WESER-KURIER ebenfalls vorliegt. "Nichts davon hat man meiner Tochter angeboten", ist Beck sicher. Stattdessen habe sie drei Wochen nach der Aufnahme in die Klinik das antriebssteigernde Antidepressivum Sertralin erhalten. Dieses Medikament aber erhöht die Suizidgefahr besonders bei manisch-depressiven Erkrankungen, zu denen auch die bipolare Störung zählt, und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren. So steht es im Beipackzettel.

"Melissa konnte nicht mehr allein entscheiden"

Der Oberarzt habe seine Patientin gefragt, so Beck, ob sie lieber ein antriebssteigerndes oder lieber ein dämpfendes Medikament einnehmen wolle. "Melissa konnte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr allein entscheiden", sagt Claudia Beck. An dieser Stelle hätte der Oberarzt einen gerichtlichen Betreuer bestellen müssen. Die Frage des Oberarztes zeigt Beck, dass er drei Wochen nach der Einweisung noch keine Diagnose gestellt habe und dass er auch nicht wusste, welche Symptome die Patientin zeige. "Sonst hätte er gewusst, was meine Tochter braucht", so Beck. Auch dazu heißt es aus der Klinik: Kein Kommentar.

Der Arzt entscheidet sich für die Gabe von Sertralin. Doch anstatt die Patientin – wie vom Hersteller angezeigt – engmaschig zu beobachten und ihren Zustand zu prüfen, haben die Ärzte die 20-Jährige nach Hause entlassen. Alarmsignale wie Rastlosigkeit und die extremen Stimmungsschwankungen bleiben offenbar unverstanden. Und Melissa Beck ungehört: In einem ihrer letzten Tagebucheinträge schreibt sie: "Meine Stimmung ändert sich von Sekunde zu Sekunde, ich kann mir nicht mehr trauen. Bitte lass mich gehen, ich gehöre nicht auf diese Welt." Eine Anleitung, wie sie eine tödliche Schlinge knüpft, hatte Melissa noch in der Klinik aus dem Internet auf ihr Handy geladen. Nur wenige Stunden nach ihrer Entlassung aus der psychiatrischen Klinik erhängt sie sich.

Der Staatsanwalt beschlagnahmt die Krankenakte und verdächtigt die Ärzte der fahrlässigen Tötung. In einem Brief an Becks Anwalt teilt er zwei Jahre später mit: Er könne den Beschuldigten eine strafbare Handlung "mit der für die Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit nicht nachweisen". Das begründet er mit einem selbst in Auftrag gegebenen Gutachten. Das unterschreibt zwar ein Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Wilhelmshaven. Erstellt hat er das Gutachten, das dem WESER-KURIER vorliegt, aber nicht, wie die Floskel "Einverstanden aufgrund eigener Urteilsbildung" verrät. Wer das Gutachten erstellt hat, das Melissa Beck postmortem eine mittelgradige Depression attestiert, bleibt unklar.

Um diese Diagnose zu verifizieren, hätte der Staatsanwalt Zeugen wie die Bettnachbarin oder Claudia Beck befragen können. In dem Gutachten heißt es: Die therapeutischen Maßnahmen der Klinik seien angemessen gewesen. Allerdings gibt der Sachverständige zu: Betrachte man den Behandlungsfall aus der Retrospektive, so sei die Entlassung aus der Klinik im Ergebnis die falsche Entscheidung gewesen. Zu kritisieren sei allenfalls, dass keine geeigneten Mittel eingesetzt worden seien, um die Schwere der Krankheit zu beurteilen. Die Staatsanwaltschaft lehnt zum jetzigen Zeitpunkt jede Stellungnahme ab. Zwei unabhängige Experten aus Bayern und Nordrhein-Westfalen bestätigen auf Anfrage des WESER-KURIER, es bestehe der begründete Verdacht, dass ein ärztlicher (psychiatrischer) Kunstfehler begangen wurde, den das Gutachten weg bagatellisiert und durch Fehl- und Umdeutung verleugnet. Außerdem gibt der Gutachter Aussagen aus dem Protokoll der Kripo nachweislich falsch wieder.

Auftrag wegen Befangenheit abgelehnt

Aus der Ermittlungsakte geht hervor, dass der Staatsanwalt den Anwälten der Ärzte Gelegenheit gab, den Gutachter selbst auszusuchen. Daraufhin machten diese vier Vorschläge – unter anderem schlugen sie ihren eigenen früheren Chef vor. Dieser lehnte den Auftrag wegen Befangenheit ab. Wie den Unterlagen der Polizei und des Amtsgerichts zu entnehmen ist, wurden die Krankenunterlagen der einweisenden Fachärztin sofort beschlagnahmt, die Klinik aber hatte bis zur Abgabe drei Tage Zeit.

"Der Staatsanwalt hat dieses Gutachten zur Grundlage seines Einstellungsbescheides gemacht, ohne dessen Plausibilität, Vollständigkeit und Objektivität zu prüfen", wirft Beck dem Staatsanwalt vor. Der Gutachter hingegen überschreite seine Kompetenz, indem er sage, er könne kein schuldhaftes Verhalten der Behandler feststellen. "Das ist Aufgabe des Staatsanwaltes", so Beck.

Claudia Beck glaubt, dass das falsche Medikament ihre Tochter getötet hat und die Ärzte ihre bipolare Störung übersehen haben. Die Bremerin möchte, dass die Ärzte dafür die Verantwortung übernehmen. "Die Beweislast ist erschlagend, die Lügen sind offenkundig und das bringt mich zur Verzweiflung." Außerdem glaubt die Psychologin: Das Schicksal ihrer Tochter ist kein Einzelfall. "Ich möchte, dass anderen Patienten solch ein Schicksal erspart bleibt." Die juristische Leiterin bei der Unabhängigen Patientenberatung in Berlin, Heike Morris, bestätigt: "Im Strafrecht gilt: Im Zweifel für den Angeklagten. Die Ermittlungen werden nur weitergeführt, wenn die Wahrscheinlichkeit bei über 50 Prozent liegt, dass es zu einer Verurteilung kommt." So drastische Fälle wie diesen habe sie nicht oft. "Man merkt aber, dass die Rat Suchenden sensibler werden und immer öfter anrufen", sagt Morris. Bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler haben gesetzlich Versicherte seit einigen Jahren Anspruch auf Unterstützung durch die Krankenkasse, die ein für die Versicherten kostenfreies Gutachten erstellen lässt.

Beschwerde eingelegt

Gegen den Einstellungsbescheid des Staatsanwaltes hat Beck Beschwerde eingelegt. Die Generalstaatsanwaltschaft hat diese Ende Oktober als unbegründet zurückgewiesen. Eine Stellungnahme lehnt die Generalstaatsanwaltschaft mit Verweis auf das laufende Verfahren ab. Becks Anwalt Markus Knorn hadert mit der Entscheidung der Generalstaatsanwaltschaft. Er ist der Meinung, Melissa Beck hätte bei ihrer Entlassung medizinisch begleitet werden müssen, dass ihr nicht die richtigen Medikamente gegeben wurden und dass es in der Klinik an Fachkompetenz fehlte. Zur Arbeit des Staatsanwaltes sagt er: "Es ist immer problematisch, wenn Aussagen nicht kritisch hinterfragt werden." Ein Gutachter habe die Aufgabe, dem Juristen die medizinischen Zusammenhänge verständlich zu machen und nicht die juristische Entscheidung abzunehmen. "Das passiert meiner Meinung nach viel zu oft", so Knorn. Ein Fall wie diesen habe sein Büro schon einmal juristisch begleitet. Sobald die Staatsanwaltschaft ermittelt, rät Knorn Geschädigten, als Nebenkläger Akteneinsicht zu fordern. "Nur dann kann man Fragen aufwerfen." Das könne sich günstig auf die Ermittlungen auswirken. Becks Anwalt Hans-Berndt Ziegler hat nach eigenen Angaben zwei Jahre lang vergeblich versucht, Einblick in die Akten zu bekommen.

Claudia Beck hat jetzt einen Antrag auf Klageerzwingung gestellt. Das Bremer Oberlandesgericht soll den Fall wieder aufnehmen und prüfen.

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