Schätze des Focke-Museums: "Astoria"-Programmhefte des Scheeßeler Grafikers Heinz Fehling in der Sonderausstellung Eine Nachkriegskarriere wie aus der Werbung

Schwachhausen·Altstadt. Kein Neubeginn war glamouröser: Am 6. Oktober 1950, auf den Tag genau sechs Jahre, nachdem sein weltberühmtes Varietétheater von Bomben zerstört worden war, feierte Emil Fritz in der Katharinenstraße die Wiedereröffnung des "Astoria". Mochten auch noch Teile der Stadt in Trümmern liegen, das Nachtleben hatte wieder einen mondänen Mittelpunkt, einen Palast mit gläserner Tanzfläche und Klimaanlage, Bars und Theatersaal. Die Stars und die Sternchen ließen nicht lange auf sich warten.
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Eine Nachkriegskarriere wie aus der Werbung
Von Monika Felsing

Schwachhausen·Altstadt. Kein Neubeginn war glamouröser: Am 6. Oktober 1950, auf den Tag genau sechs Jahre, nachdem sein weltberühmtes Varietétheater von Bomben zerstört worden war, feierte Emil Fritz in der Katharinenstraße die Wiedereröffnung des "Astoria". Mochten auch noch Teile der Stadt in Trümmern liegen, das Nachtleben hatte wieder einen mondänen Mittelpunkt, einen Palast mit gläserner Tanzfläche und Klimaanlage, Bars und Theatersaal. Die Stars und die Sternchen ließen nicht lange auf sich warten.

In einer Vitrine der Sonderausstellung "Bremen 1945 bis 2010. So viel Wandel war nie" im Focke-Museum wird ein von Heinz Fehling gestaltetes Programmheft gezeigt, zusammen mit einem Mikrofon und einem Verstärker aus dem "Astoria", Schenkungen von Michael Fritz aus Oberneuland, einem der fünf Enkel des Varietégründers. Die Blondine auf dem Titelblatt steht für einen Neuanfang ohne Blick zurück. Für Wehmut war kein Platz im Nachkriegsbremen. "Noch schöner als früher: Astoria" hatte der Auftraggeber den Grafiker schreiben lassen.

Der aus Scheeßel stammende Fehling war einer der wichtigsten deutschen Werbegrafiker der Nachkriegszeit. Und ein Mitläufer im "Dritten Reich". Ähnlich wie Emil Fritz hatte er Geschäft und Kunst über die Politik gestellt und gleichzeitig viele der Kontakte genutzt, die sich ihm boten. Er war ein schüchterner und hilfsbereiter, aber auch eitler Mensch, für Schmeicheleien anfällig, mit einem ausgeprägten Hang zum Idealisieren, der ihn beruflich voranbrachte.

Als 19-jähriger Absolvent der Kunstgewerbeschule war Fehling 1931 in die Firma des gerade mal 21-jährigen Hans-Günther Oesterreich eingestiegen, der nach dem Krieg Radio Bremen gründen sollte. Der erste große Kunde der "Uniwerbung" war Varietéchef Emil Fritz. "Das ,Astoria? war die Akademie seines Stiles, hier fand er leibhaftig den Typus jener Frau, den er insgeheim begehrte, zum Werbeträger aufbereitete und weitergab", schrieb der Kunstwissenschaftler Bernd Küster in seinem Buch "Heinz Fehling: Plakatkunst und Werbung". Im "Astoria" lernte Heinz Fehling auch seine spätere Lebensgefährtin und Managerin Dorothea Wedekind kennen, eine kühle Blonde, die sich als uneheliche Tochter eines preußischen Prinzen ausgab, in der Nazizeit mit Antiquitäten handelte und sowohl damals, als auch später beste Kontakte zu Industriellen unterhielt.

Als sein Partner 1933 nach Paris emigrierte, führte Fehling die Firma alleine weiter. Der Grafiker zog in die Schillerstraße um und arbeitete auch für andere Firmen, wie Borgward, die Hemelinger Brauerei, Focke-Wulf und den Norddeutschen Lloyd. Und weil "Wehrwirtschaftsführer" Carl F. Borgward seine Hand über ihn hielt, wurde er erst 1942 eingezogen. In der SS-Propagandakompanie "Südstern" gestaltete der 30-jährige Grafiker in Italien Flugblätter, die die Kampfmoral der alliierten Soldaten schwächen sollten. Zwei Männer aus dieser Truppe wurden für seine Nachkriegskarriere wichtig: Henri Nannen und Hans Weidemann versteckten sich nach Kriegsende bei Fehling in Scheeßel. Der ehemalige Obersturmführer Weidemann lebte laut Küster auch eine Weile in Bremen, und zwar unter falschem Namen: Er nannte sich Hans Wallraff. 1950 ging er gemeinsam mit Fehling nach Hamburg, um dort die "Uniwerbung" neu zu gründen. Bald darauf richtete der ehemalige SS-Mann die "Miss-Germany"-Wahlen aus. Die alte

Seilschaft hielt: Henri Nannens Zeitschrift "Stern", für die auch Weidemann arbeitete, berichtete über Heinz Fehling. Und der Grafiker saß bis 1960 in der Jury der Schönheitskonkurrenz.

Fehlings Karriere ging zügig voran, spätestens seit er wieder für das "Astoria" arbeiten konnte und einen Großauftrag des Brauer-Bundes in der Tasche hatte. Bald rissen sich Limonaden-, Strumpf- und Motorölhersteller um ihn, und auch Borgward zählte wieder zu seinen Kunden. Seine Werbegrafiken sind ein Spiegel der Wirtschaftswunderzeit mit ihrer oberflächlich strengen Moral und ihrer Sehnsucht nach Konsum und Unterhaltung.

Einige Modelle suchte und fand Heinz Fehling in Bremen. Im Foyer des schon 1948 wiedereröffneten Kinos "Schauburg" entdeckte er Anfang der fünfziger Jahre die 34-jährige Elvira Böke aus dem Steintor, Mutter einer 15-jährigen Tochter, als Modell. Naturgetreu sind nur wenige Porträts, wie Küsters Buch in Gegenüberstellungen zeigt. Brünette erblonden. Und ein farbiges Kind, möglicherweise Tochter eines afroamerikanischen Soldaten, wirkt in der Limonadenwerbung rosig, in einer Waschmittelreklame weiß.

Bei der Gestaltung des "Astoria"-Heftes zitiert sich Heinz Fehling selbst, hat aber seinen Stil der Zeit angepasst. "Aus einer schematischen Weltkugel löst sich eine Kette von Artisten, die zum Betrachter lächeln", beschreibt Bernd Küster den Aufbau des Reklamebildes. "Und über ihnen thront mit geradezu segnend erhobenen Armen eine in ganz unwirkliches Licht getauchte Pin-up-Figur, verklärend und plastisch umschrieben. Sie wirkt nicht mehr innerhalb der grafischen Ordnung des Plakates, sondern verführend aus diesem heraus auf den Betrachter zu." Zwischen den frühen "Astoria"-Plakaten und diesem liege "eine Epoche der Geschichte", in der Fehling "durch Hinwendung zur Produktwerbung die grafische Tradition des Plakates immer stärker aus dem Blickfeld verlor und immer gezielter auf eine fotografische Wirkung seiner Werbungen hinarbeitete".

Auf der Höhe seiner Nachkriegskarriere erkrankte Heinz Fehling an Multipler Sklerose. Schon 1956 war es ihm nicht mehr möglich, so exakt zu zeichnen, wie sein Stil es verlangte. Seine Managerin Dorothea Wedekind holte ihn zu sich und schottete ihn gegen Familie und Bekannte ab. 1989 starb Heinz Fehling im Alter von 76 Jahren in Baden-Baden. Er ist in Scheeßel beerdigt. Sein Nachlass soll bei der Räumung seines Zimmers vernichtet worden sein. Nicht alles ist verloren: Eine Vielzahl seiner Grafiken aber hatte Fehling schon 1974 seiner Heimatgemeinde geschenkt. Der Heimatverein gab ihm zu Ehren 1990 den Bildband im Worpsweder Verlag heraus.

Mehr Informationen im Internet auf der Website www.heimatverein-scheessel.de.

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