Begu Lemwerder

Eine Ostfriesin klärt auf

Platt ist nicht platt: Das zumindest erleben die Besucher in der Begu Lemwerder, als Annie Heger mit Musikkabarett und Bildungsauftrag antritt. Das interessiert auch den Deutschlandfunk.
19.11.2017, 22:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Volker Kölling
Eine Ostfriesin klärt auf

Annie Heger, musikalisch begleitet von Triple Pack, in der Begu Lemwerder mit ihrem Programm "Watt'n Skandal".

Volker Kölling coast communication

Lemwerder. Platt ist nicht platt – nur für Unkundige etwas schwer zu verstehen. Und so ist Annie Heger mit einem klaren Bildungsauftrag in die Begnungsstätte nach Lemwerder gekommen: Wer Plattdeutsch beherrscht, möge es doch mit seinen Kindern und Kindeskindern singen. Und sie macht gleich mal knapp zwei Stunden vor, wie das so gehen kann. Ihr Programm „Watt'n Skandaal!“ besticht durch intelligente Texte, die sie mit Tiefgang und Leidenschaft vorträgt.

Musikkabarett ist angekündigt. Und so kalauert sich Annie Heger erst einmal in den Abend. Sie berichtet vom allseitigen Schock, als da vor etwas über dreißig Jahren unter der Geburt im Auricher Krankenhaus ein schwarzer Haarschopf aus der Mutter heraus auftauchte. Umgehend sei klargewesen: Die Kleine wird nie Blumenkönigin von Wiesmoor. Das ist die nächste größere Siedlung in der Nähe ihres Elternhauses in Spetzerfehn. Tatsächlich zeigt die Internetkarte als Highlights in Wiesmoor heute das Torf- und Siedlungsmuseum, aber eben auch den Golf-Club Ostfriesland. Die Heger bewegt sich heute noch zwischen diesen beiden Polen: Sie präsentiert sich mit einer überhaupt nicht volkstümelnden Heimatliebe und der richtigen Prise Schick und Glamour. Annie Heger wirbt für sich gar als Lisa Minelli Ostfrieslands. Und auch das passt: Den ersten Part singt sie mit Bier und Jeansjacke, den zweiten im kleinen Schwarzen mit dem Kelch Prickelwasser am abgespreizten kleinen Finger.

Die Melodien hat die Schauspielerin, Sängerin Autorin und Moderatorin mitunter berühmteren Vorbildern wie Simon and Garfunkel entlehnt. „Triplepack“, ihre Begleitband mit Matthias Monka (E-Piano, Gesang), Ralf Bartels (Schlagwerk) und Ralf Marckardt (Kontrabass) reißt auch schon einmal zum Boogie aus oder intoniert kurz den Kasatschok. Die Menschen oben auf der Bühne haben Spaß, die zumeist älteren Besucher applaudieren reichlich, sind aber an diesem Abend nicht so die großen Mitsänger und Mitsängerinnen. Annie Heger hat in Reihe eins bald Besucher-„Archetyp“ Manfred im Visier: „Du verstehst gar nichts, oder. Dich hab ich wohl schon nach drei Minuten verloren? Sieh Dich satt!!“ Da merkt der geneigte Zuschauer: Ein Kodderschnauzen-Interviewduell zwischen Annie Heger und Ina Müller auf Platt könnte eine höchst unterhaltsame Angelegenheit werden.

Aber in Lemwerder geht es auch um so handfeste Themen wie das Klotschießen – Boßeln, den Ostfriesentee am Feuer und die Tatsache, dass Ostfriesland bei genauerer Betrachtung älter ist als Deutschland selbst und ohnehin immer unterschätzt wird. Die Zuhörer bekommen eine Einführung in die typisch männlichen Ostfriesen-Vornamen mit ihren „O“-Endungen wie bei Onno, Benno und die weiblichen Verniedlichungsformen mit der Endung auf „tje“ wie schon bei Antje. Annie Heger: „Ich bin stolz, Ostfriese zu sein – wortkarg, erdverbunden, blond, aber trinkfest.“

Der Opa von Annie Heger muss sehr berührt gewesen sein von ihrem Programm. Um ihn spinnt sie viele ihrer Geschichten aus der Kindheit. Den „Mors“ des Großvaters habe sie fast besser gekannt als sein Gesicht, so viel sei sie immer hinter ihm hergedackelt. Auch ihre Träume von den großen Showtreppen des Broadway begannen früh. Und Opa habe sie immer wieder mal mit einer Feder im Haar erwischt. Ob sie im Hühnerstall beim Füttern mit dem Kopf aufgeschlagen sei, habe der Opa dann wissen wollen. Selbstredend hat sie im zweiten Showteil die Haare hochgesteckt – mit Feder im Haar. Skunk Anansies „Hedonism (Just because You feel good)“ hat sie ziemlich eins zu eins auf plattdeutsch übersetzt und muss nach dem Vortrag aufklären: „Wenn ich jemandem wünsche, dass er blid wird, heißt das nicht, dass er blöd werden soll.“ Matt Monka meldet sich an dieser Stelle kurz vom Klavier: „Also blutig?“ Der Mann kann auch kein Platt. „Blid“ heiße glücklich, klärt die Heger kopfschüttelnd auf.

Es wird schnell ernster. Und das hat etwas mit einem roten Ballon zu tun, der von Ostfriesland aufsteigt und zu DDR-Zeiten von einer Pilze sammelnden Familie aus dem Grenz-Sperrgebiet aufgesammelt wird. Aus einer Brieffreundschaft über die Grenzen wird ohne Grenze eine echte Freundschaft zwischen zwei Frauen „von einem Ossi zum anderen Ossi“. Annie Heger hat dazu einen ergreifenden Song gemacht. „Ik fall seeker“. Und es bleibt melancholisch, nachdenklich und auch kämpferisch, als Annie Heger politisch wird: Sie habe Angst vor Leuten, die Angst haben. Die seien gefährlich. „Wir sind eins, eine Menschheit ohne Nation, eine Wahrheit ohne Religion. Vielfalt ist keine Bedrohung, das ist Verrohung.“ Ein langes Gedicht ist praktisch ihr liberales Glaubensbekenntnis. Fast trotzig kommentiert sie das und sagt: „Auch das geht auf Platt, nicht nur Döntjes.“ Für Manfred und Co gebe es die Verse aber auch auf Hochdeutsch. „Diamonds are the girls best friends“ hat die Heger auch noch auf Platt im Gepäck, wobei die Steine zu „Klunkern“ werden.

„Dat du min Leevsten büst“ soll eigentlich zum großen Mitsingabschluss werden. Aber das Publikum in der Begu ist an dem Abend eher klatschfreudig. Annie Heger und „Triplepack“ werden umgehend zur Zugabe wieder aus dem Vorhang herausgeklatscht, lassen noch kurz den Mond aufgehen – und entlassen zufriedene Menschen in die Nacht.

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