Internationale Anerkennung für Begabtenprojekt an Pfälzer Weg und Koblenzer Straße Eine Schule für alle Talente

Soziale Kompetenzen, Klavierspiel nach Gehör und Teamarbeit – das Projekt „Hochbegabung inklusiv“ förderte drei Jahre lang Fähigkeiten, die nicht viel mit Mathe, Lesen und Schreiben zu tun haben. Das Projekt wurde jetzt beendet.
27.11.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Meyer

Soziale Kompetenzen, Klavierspiel nach Gehör und Teamarbeit – das Projekt „Hochbegabung inklusiv“ förderte drei Jahre lang Fähigkeiten, die nicht viel mit Mathe, Lesen und Schreiben zu tun haben. Das Projekt wurde jetzt beendet.

Schüler nicht nach ihren Schwächen beurteilen, sondern ihre Stärken herausarbeiten und fördern – das war das erklärte Ziel des Projekts „Hochbegabung inklusiv“ an der Grundschule Pfälzer Weg und der Oberschule Koblenzer Straße. Als das Modell vor drei Jahren in Osterholz-Tenever startete, wurde es vor allem wegen des Standorts belächelt. Mittlerweile gilt es international als Vorzeigeprojekt. Das hat beiden Schulen nicht nur ein neues Image, sondern auch stärkeres Selbstbewusstsein gebracht. Und ihren Schülern ebenfalls.

Jenushan Jayaratnam steht mit breitem Lächeln vor dem Eingang der Schule an der Koblenzer Straße. Der Neuntklässler trägt ein Poloshirt mit dem Logo seiner Schule, begrüßt die Gäste mit Handschlag, öffnet ihnen die Tür und führt sie dann durch das Gebäude, hoch in den zweiten Stock. Dort sollen die Ergebnisse des dreijährigen Projekts „Hochbegabung inklusiv“ vorgestellt werden. Dutzende Menschen strömen in den Raum, Medienvertreter, Stiftungsvorstände, Lehrer, Politiker. Ein aufregender Tag.

Vor der Präsentationswand wechseln die Redner im Zehn-Minuten-Takt, mancher braucht weniger, mancher etwas mehr Zeit. Sie alle strahlen, denn es gibt Grund zur Freude: Das Projekt ist abgeschlossen. Mit gutem Ergebnis. Dabei spielen Ergebnisse in den vergangenen drei Jahren immer weniger eine Rolle an der Oberschule: Hier geht es ums Miteinander auf Augenhöhe, um Teamarbeit. Und um Talente. Denn – davon sind die Lehrer überzeugt – jedes Kind besitzt besondere Fähigkeiten. Diese müssen nicht mit Mathe, Französisch oder Kunst zu tun haben. Aber es gibt sie, und sie herauszufinden und die Schüler darauf hinzuweisen, das war und ist die Aufgabe der Lehrkräfte seit Beginn von „Hochbegabung inklusiv“.

Michaela Rastede hat das Projekt an die Schule geholt. „Zu Beginn wurden wir verlacht“, sagt die Leiterin des Zentrums für unterstützende Pädagogik. Eine so heterogene Schülerschaft, aus unterschiedlichen Kulturkreisen und überwiegend sozial schwächeren Familien, auf Talente zu untersuchen – das könne ja gar nicht funktionieren. Sie jedoch hat an die Kinder geglaubt. Und an die Anpassungsbereitschaft der rund 70 Lehrkräfte an der Schule. Die mussten sich nämlich erst einmal von ihrem linearen Intelligenzbegriff verabschieden: „Wir arbeiten nach dem Modell von Howard Gardner“, erklärt Rastede. „Demnach gibt es zehn Formen von Intelligenzen.“ Dazu gehören auch soziale Kompetenzen, nicht nur reines Wissen oder die Fähigkeit, logisch zu denken. „Wir mussten verstehen, dass es nicht nur hoch- sondern auch tiefbegabte Menschen gibt“, so Rastede. „Wir sind sozusagen Perlentaucher.“

Bei Jenushan Jayaratnam sind sie fündig geworden. Sein Talent liegt in der Musik: Er kann gut singen. Vor allem aber kann er Lieder bereits kurz nach dem ersten Hören auf dem Piano nachspielen. Ohne Noten. „Davon verstehe ich nicht viel“, sagt der 14-Jährige und lacht. Das Klavierspielen hat er sich selber beigebracht. Jenushan ist nicht schüchtern, aber wenn es um seine Begabung geht, schaut er etwas verschämt auf den Boden. „Ich bin mir da gar nicht so sicher, ob das etwas Besonderes ist“, sagt er dann und reibt nervös seine Hände aneinander. Er finde ja vielmehr, dass Sprachen sein Ding sind. Französisch zum Beispiel. Für beides hat er ein Gutachten, das ihm besondere Fähigkeiten bescheinigt. „Das gibt mir Selbstvertrauen“, sagt Jenushan. „Ich fühle mich von den Lehrern angenommen, so wie ich bin.“

Das sei auch die zentrale Botschaft des Projekts, sagt Marcus Scheyer, stellvertretender Schulleiter. „Wir wollen den Schülern mit Wertschätzung begegnen“, betont der Lehrer für Naturwissenschaften. „Klar schreibt man mal schlechte Noten. Aber jetzt wird nicht mehr gesagt: Du kannst das nicht. Vielmehr gucken wir, wie wir zum Lernen motivieren können, als Team.“ Das Wichtigste sei, die Stärke der Schüler herauszufinden, sie zu fördern und ihnen damit das Selbstbewusstsein zu geben, mit dem sie dann ihre Schwächen angehen können.

In dem Bereich mussten auch die Lehrer erst einmal dazulernen, erzählt Schulleiterin Friederike Steinhaus. „Jede Lehrkraft sollte ihre Schüler zunächst einmal einschätzen. Nicht fachspezifisch, sondern ganzheitlich“, sagt sie. „Das verändert den Blick auf die Schüler.“ Durch die Fördermittel der KARG-Stiftung in Höhe von 57500 Euro konnten sie das in regelmäßigen Fortbildungen lernen. „Das hat uns alle zusammengeschweißt“, sagt sie. Und durch die internationale Aufmerksamkeit sei man sehr viel selbstbewusster geworden: „Wir sind nicht mehr allein eine Schule am schwierigen Standort Osterholz-Tenever mehr. Wir sind die Oberschule Koblenzer Straße, eine Schule für alle Talente.“

Bildungssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) findet ebenfalls lobende Worte für die Umsetzung. Ihre Behörde hat die wissenschaftliche Begleitung durch die Uni Bremen finanziert, aus der nun auch ein Ratgeber für andere Schulen entstehen wird. „Obwohl das Projekt jetzt zu Ende geht – es hat einen Anfangspunkt gesetzt für viele andere Schulen.“ Die zentrale Botschaft sei: „Man muss Inklusion nicht vom Defizit, sondern von den Stärken her begreifen.“

Jenushan Jayaratnam jedenfalls hat von dieser neuen Denkweise profitiert. „Hätte meine Lehrerin mir nicht gesagt, dass ich Talent in der Musik habe – ich hätte es nicht gewusst“, sagt der Neuntklässler. Sein Berufsziel liegt aber in einem anderen Gebiet. „Ich möchte Innere Medizin studieren“, sagt er. Seine Mutter sei schwer krank und er wolle Menschen wie ihr eines Tages helfen. Schließlich hat sie ihm auch geholfen, sein Talent auf den Weg zu bringen – als sie ihrem fünfjährigen Sohn ein Keyboard schenkte.

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