Michael Börgerding im Interview

„Eine Selbstverständlichkeit“

Vor der Kassenhalle des Theaters am Goetheplatz erinnert bis Mai ein mobiler Gedenkort an den Tod von Laye-Alama Condé, der 2013 an den Folgen einer zwangsweise erfolgten Brechmittelvergabe starb.
07.02.2018, 19:07
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Von Sigrid Schuer
„Eine Selbstverständlichkeit“

Vor der Kassenhalle des Theaters am Goetheplatz erinnert bis Mai eine mobile Installation von Doris Weinberger an den Tod von Laye-Alama Condé, der vor 13 Jahren ums Leben kam. Audiodateien in deutscher, englischer und französischer Sprache erinnern an den tragischen Vorfall infolge einer zwangsweise erfolgten Brechmittelvergabe.

Jörg Landsberg

Herr Börgerding, was hat Sie dazu bewogen, vor der Kassenhalle das Mahnmal für Laye-Alama Condé aufstellen zu lassen?

Michael Börgerding: Die Initiative in Gedenken an Laye-Alama Condé hat mich gefragt, ob das möglich wäre. Ursprünglich sollte das Mahnmal auf dem Goetheplatz stehen, aber ich denke, der jetzige Standort, an dem es geschützt steht, ist optimal. Denn an der Installation kommen viele Zuschauerinnen und Zuschauer vorbei. Irene Kleinschmidt hat mir den Kontakt zu der Initiative vermittelt. Es war ja auch eine Idee des Ensembles, dass Mitglieder des Theaters schon 2015 im Gedenken an Laye-Alama Condé auf dem Goetheplatz Texte gelesen haben. Einige Ensemble-Mitglieder haben zum Teil auch die Audiodateien des Mahnmals eingesprochen. Außerdem kennen wir Theaterleute Doris Weinberger, die Bremer Künstlerin, die das Mahnmal geschaffen hat, sehr gut. Gemeinsam mit ihr und dem Künstlerhaus am Deich haben wir im Herbst vergangenen Jahres mit der Theatergruppe „Rimini Protokoll“ einen Stadt-Spaziergang organisiert.

Bis jetzt stand das mobile Mahnmal an verschiedenen Orten in Bremen, die Initiative möchte ja einen festen Gedenkort haben. Wird das Mahnmal an der Theaterkasse für immer stehen bleiben?

Vorerst soll es bis April oder Mai dort stehen. Bis dahin wird der Senat voraussichtlich die große Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zu der Verantwortung und den Konsequenzen menschenrechtswidriger Brechmittelvergabe beantwortet haben.

Was empört und beschäftigt Sie am meisten an dem Fall?

Die Vorstellung, dass es in Bremen lange als normal empfunden worden ist, mutmaßlichen Drogenkurieren Brechmittel zu verabreichen. Eine Praxis, die in unserem Bundesland bis 2005 durchgeführt wurde. In Hamburg wurde dagegen bereits zwei Jahre zuvor die Vergabe von Brechmitteln sofort gestoppt, nachdem jemand dabei gestorben war. Mich empört es, dass ein Mensch unter Polizei-Obhut, fixiert an einem Krankenbett, sterben konnte. Das endete erst, als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2006 die zwangsweise Vergabe von Brechmitteln als Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention bewertete.

Was hat sich seitdem getan?

Ich denke, dass inzwischen schon ein großes Umdenken eingesetzt hat. Polizeipräsident Müller und der damalige Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen haben sich bereits 2014 öffentlich entschuldigt. Gleiches gilt für den ehemaligen Justizsenator Henning Scherf.

Müsste aus Ihrer Sicht in puncto Aufarbeitung noch mehr getan werden?

Ich würde mir wünschen, dass sich auch die Ärztekammer und die Bremische Bürgerschaft der Verantwortung für die Brechmittelvergabepraxis stellen. Es ist wohl nach wie vor nicht geklärt, ob Druck auf die beteiligten Ärzte ausgeübt wurde. Es ist die Frage, ob sie sich dieser Anordnung hätten widersetzen können. Der betreffende Arzt ist ja nicht schuldig gesprochen worden, hat aber meines Wissens später seinen Beruf aufgegeben. Das muss für alle Beteiligten ein merkwürdiges und schreckliches Gerichtsverfahren gewesen sein.

Das Theater Bremen setzt sich ja generell sehr für die Belange und die Integration von geflüchteten Menschen ein. Ist das ein weiterer Grund für die Aufstellung des Mahnmals gewesen?

Das Theater ist generell ein Ort der Erinnerung an Dinge, die geschehen sind, und es ist ein Ort der politischen Auseinandersetzung. Für mich ist die Aufstellung der Installation eine staatsbürgerliche Selbstverständlichkeit. Das ist ja eine ähnliche Frage wie bei dem Kühne&Nagel-Mahnmal, an was gemahnt man? Wir müssen daran erinnern, dass es keinesfalls normal gewesen ist, über viele Jahre hinweg, zwischen Ende 1991 und 2005, diese Art der Folter anzuwenden. Immerhin ist Bremen das Bundesland, in dem die Brechmittelvergabe am häufigsten durchgesetzt wurde. Von Frühjahr 1992 bis Ende 1994 wurde die Maßnahme rund 400 Mal durchgeführt, in den Jahren 1997 bis 2004 weitere 820 Mal.

Ihre Entscheidung, das Mahnmal für Laye-Alama Condé aufzustellen, hat für großes Interesse und einiges Aufsehen gesorgt, hatten Sie damit gerechnet?

Für mich ist das überraschend, aber schön, gerade auch für die Mitglieder des Theaters, die diese Entscheidung alle mitgetragen haben.

Das Gespräch führte Sigrid Schuer.

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