Umweltbildung im Blick

"Eine Sensation für die Füße"

Senator Joachim Lohse besucht die Umwelt-Lernwerkstatt in Bremen-Tenever und gibt Tipps dafür, wie die Einrichtung an Fördergelder kommen kann.
08.08.2018, 20:42
Lesedauer: 4 Min
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Von CHRISTIANE MESTER
"Eine Sensation für die Füße"

Der Mann mit der Augenklappe ist Umweltsenator Joachim Lohse, den Umweltpädagogin Heike Gröne über den Fußfühlpfad führt. Dahinter führt Ulrike Christiansen vom Umweltressort Karin Mauelshage vom Ule-Förderverein.

PETRA STUBBE

Beim Betreten des kleinen Waldstücks gerät Umweltsenator Joachim Lohse unter Beschuss. Es hagelt Eicheln im „Ule-Wald“ am Stiftungsweg. Ansonsten bleibt es ruhig an diesem Vormittag. Der Besuch in der Umwelt-Lernwerkstatt (Ule), den der Grünen-Politiker im Rahmen seiner Sommertour unternahm, verlief in entspannter Atmosphäre. Für Finanzierungsfragen ist er bald nicht mehr zuständig, denn zur Wahl 2019 tritt er nicht mehr an. So gab der scheidende Senator Tipps, wie engagierte Akteure sich auf politischer Ebene Gehör verschaffen.

Auf dem "Fußfühlpfad"

Den „Fußfühlpfad“, auf dem sonst Großstadtkinder ihren Ekel vor dem Barfußlaufen überwinden, meistert der Umweltsenator fast ohne Unterstützung. Mit wohlbedachten Schritten watet Joachim Lohse durch die mit Baumrinden, Rundhölzern und losen Kastanien gefüllten Kästen, bis er schließlich sicher auf dem weichen Fell ankommt. Die wechselnden Untergründe seien „eine Sensation für die Füße“, kommentiert er die Naturerfahrung. Das Thema seiner Sommertour ist Umweltbildung und ehrenamtliches Engagement. Neun öffentlich geförderten Einrichtungen, Projekte und Einsatzstellen des Freiwilligen Ökologischen Jahres (FÖJ) besucht Joachim Lohse innerhalb einer Woche. Die Umwelt-Lernwerkstatt in Tenever ist die sechste Station.

Später an diesem Vormittag wird er bei der „Stillen Suche“ versteckte Gegenstände im Wald aufspüren, sich mit verbundenen Augen an einer Schnur entlang hangeln, um sich darin zu üben, die Rinde verschiedener Baumarten zu ertasten und die „Eiche!“, wie zuvor angewiesen, ganz besonders laut beim Namen nennen. Ausgedacht hat sich die „interaktiven Umweltbildungseinheiten“, das Team der Ule. Der Umweltsenator soll einen Einblick in das Kinderprogramm bekommen, das die Umwelt-Lernwerkstatt dem städtischen Nachwuchs anbietet.

Naturbegegnungen für Kinder

Die Umwelt-Lernwerkstatt ermöglicht Kindern Naturbegegnungen, die sie in ihrem Alltag offenbar nur selten erleben. Den Jüngsten fehle die natürliche Beziehung zur Umwelt, das zeige sich spätestens im Kontakt mit „Kriech- und Krabbeltieren“, den viele Kinder zunächst nicht zulassen könnten, sagt Umweltpädagogin Heike Gröne. Unter ihrer Anleitung lernen Schulklassen und Kindergartengruppen heimische Tiere und Pflanzen in ihrem natürlichen Lebensraum kennen. Auf dem Gelände der Egestorff-Stiftung, dem sogenannten Ule-Wald, werden Nachmittagsveranstaltungen angeboten, es gibt ein Abenteuer-Ferienprogramm und inzwischen werden auch Kindergeburtstagsfeiern ausgerichtet. „Vor 18 Jahren sind wir aus einer Umweltgruppe im Stadtteil entstanden“, erzählt die Pädagogin über die Wurzeln der Einrichtung im Bremer Osten.

Der Senator und das Team der Lernwerkstatt, hat sich am grob gezimmerten Lern- und Arbeitstisch zum Gespräch versammelt. Mit dabei sind Vertreter der Koordinierungsstelle für außerschulische Umweltbildung und ein Mitarbeiter einer PR-Agentur. Ein Fotograf schießt Fotos vom Senator im Gespräch mit der Gruppe. Bei kalten Getränken und Keksen geht es jetzt zur Sache – wenn auch wenig kontrovers. „Sie alle leisten hochwertige Bildungsarbeit, aber sie werden nicht wie Spitzenkräfte bezahlt. Da steckt viel Herzblut drin, da bin ich mir sicher“, lobt Joachim Lohse in die Runde.

Finanzierung ein Auf und Ab

„Die Finanzierung ist vor allem in den letzten Jahren ein ständiges Auf und Ab gewesen“, erwidert Heike Gröne. Zudem sei zu erwarten, dass sich dieser Zustand weiter fortsetze. „Keine der Säulen, auf denen die Ule steht, haben wir für die nächsten Jahre sicher“, macht Gröne klar. Die Umwelt-Lernwerkstatt, die unter dem Dach einer gemeinnützigen GmbH organisiert ist, erhält unter anderem Win-Mittel aus Tenever und Osterholz (Förderprogramm Wohnen in Nachbarschaften). Die Personaldecke ist dünn: Heike Gröne teilt sich eine 30-Stunden-Stelle mit einem Kollegen, das Büro wird von einer Ehrenamtlichen organisiert, und ohne die Unterstützung der alljährlich wechselnden FÖJler (Freiwilliges ökologische Jahr) gebe es hier wohl wesentlich weniger Programm für Kinder. Dabei sei der Ort eine grüne Oase – vor allem für die Kinder, die in der nahe gelegenen Hochhaussiedlung leben, sagt Gröne.

Umwelt-Lernmobil zu alt

Ein Beleg für die schwierige Finanzlage der Bildungseinrichtung steht direkt vor der Tür. Das „Umwelt-Lernmobil“, das Stadtkindern die Natur vor ihrer Haustür nahe bringen soll, darf seit 2009 nicht mehr in die Innenstadt fahren. Der Grund dafür ist die Umweltzone. Seitdem das Einfahrtverbot für Fahrzeuge ohne grüne Plakette gilt, sind die Bremer Altstadt, die östliche Vorstadt und einige Bereiche Schwachhausens tabu für den alten Sprinter. Genauso weite Teile der Neustadt. Was innerstädtisch die Luftqualität verbessern soll, bringt die dort lebenden Stadtkinder um einen Besuch von der Ule. Das ist die andere Seite der Medaille. Die Zone an sich stellt an diesem Tag allerdings niemand infrage. „Wir bräuchten einen neuen“, sagt Gröne mit Blick auf den weißen Sprinter.

Eine Lösung für das Problem mit dem Fahrzeug liefert Lohse nicht. Er nutzt die Sommertour, die für ihn zugleich eine Art Abschiedstour ist, ebenfalls für eine Rückmeldung. Viele Beschäftigte und Ehrenamtliche in Einrichtungen und Initiativen seien hoch engagiert in ihrem Betätigungsfeld. Ginge es aber um die Finanzierung ihrer Projekte, fehle es häufig an der Kenntnis politischer Abläufe, meint der Grünen-Politiker. „2019 ist Bürgerschaftswahl, also ran an die Parteien!“, zeigt er den Weg zu den Fördertöpfen auf. „Was die Parteien jetzt in ihre Programme schreiben, hat eine reelle Chance, in den nächsten Jahren auch umgesetzt zu werden.“ Jetzt sei die beste Zeit, um auf sich aufmerksam zu machen. „Ich kann nur empfehlen: Laden sie die haushaltspolitischen Sprecher der Parteien ein, um sie für ihre Sache zu begeistern.“

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