So reagieren Bremer auf die Terrordrohung Eine Stadt in Sorge

Eine Terrorwarnung wirbelt Bremen auf. Es bestehe die Gefahr eines islamistischen Anschlags, heißt es. Passanten reagieren auf die Schutzmaßnahmen mal verunsichert, mal gleichgültig und manchmal auch wütend.
28.02.2015, 20:00
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Eine Stadt in Sorge
Von Jörn Seidel

Eine Terrorwarnung wirbelt Bremen auf. Am Sonnabendmorgen informiert die Polizei über einen Großeinsatz. Es bestehe die Gefahr eines islamistischen Anschlags, heißt es. Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen bewachen Marktplatz, Synagoge und andere Orte in der Stadt. Polizei und Innenbehörde rücken mit Informationen nur spärlich heraus. Passanten reagieren auf die Schutzmaßnahmen mal verunsichert, mal gleichgültig und manchmal auch wütend.

Kein Sonnabend wie jeder andere

Polizisten mit Maschinenpistolen streifen über den Marktplatz. Drei Einsatzwagen signalisieren Alarmbereitschaft. Passanten schauen verdutzt, zum Teil verängstigt. Irgendetwas ist anders an diesem sonnigen Vormittag in Bremen.

Um 9.09 Uhr vermeldet die Polizei per Pressemitteilung, es gebe für die Stadt eine „mögliche Gefahrenlage“. Seit dem Vorabend lägen Hinweise einer Bundesbehörde auf Aktivitäten potenzieller islamistischer Gewalttäter vor. Zum Schutz zeige die Polizei vielerorts Präsenz. Wo überall und wie viele Beamte im Einsatz sind, wird auch am Telefon aus taktischen Gründen verschwiegen.

Auf dem Marktplatz sind die Schwerbewaffneten unübersehbar, ebenso am Brill und am Bahnhof. Vier Polizeibusse stehen vor dem Jüdischen Gemeindezentrum und der Synagoge an der Schwachhauser Heerstraße. Einen solchen Einsatz, sagt einer der Beamten, habe er noch nicht erlebt.

Seit Sonnabend ist sie wieder da, die Angst vor dem Terror, der diesmal direkt vor der Haustür lauert. Es ist die erste Warnung vor einem konkreten islamistischen Anschlag, den die Hansestadt in diesen Jahren erlebt. Doch worin genau besteht die Gefahr? Die Polizei hüllt sich dazu in Schweigen, rückt telefonisch nur häppchenweise mit Informationen heraus. Zur Mittagszeit dann eine zweite knappe Pressemitteilung: Die Schutzmaßnahmen würden aufrechterhalten. Auch von der Sprecherin der Innenbehörde dazu keine weitere Auskunft.

Radio Bremen verkündet derweil im Internet, es habe nach der Terrorwarnung eine Festnahme gegeben – ob ein Zusammenhang bestehe, sei aber nicht bekannt. Die Polizei dementiert: Es seien nur Personalien aufgenommen worden. Erst später wird es anderswo Ingewahrsamnahmen und eine vorläufige Festnahme geben.

„Spiegel Online“ beruft sich auf einen Lagebericht der Sicherheitsbehörden, der der Nachrichtenseite vorliegen soll. Demnach beschatte die Polizei zwei in Bremen lebende Personen, woraufhin nun „relevante angereiste Kontaktpersonen“ identifiziert und ausfindig gemacht werden sollen. Von den Behörden auch hierzu kein Kommentar.

Maschinenpistolen mitten auf dem Marktplatz

Maschinenpistolen mitten auf dem Marktplatz – Passanten reagieren darauf ganz unterschiedlich. Eine alte Frau sagt im Vorbeigehen: „Hoffentlich bleiben wir verschont.“ Eine andere betagte Bremerin zuckt mit den Achseln und erzählt: Sie habe schon den Krieg erlebt und lasse sich von so etwas nicht einschüchtern.

Auch Stefan Matthies zeigt keine Angst. Im Gegenteil: Die Polizeipräsenz macht ihn wütend. „Alles Käse!“, sagt der Mann aus Peterswerder. „In jeder Handtasche könnte eine Bombe sein.“ Ein Anschlag sei mit einem solchen Großeinsatz nicht zu verhindern, so Matthies. Man solle sich seinen Alltag nicht durch religiöse Fanatiker kaputt machen lassen. Genau das bewirke jedoch das Polizeiaufgebot. „Damit geben wir diesen Leuten nach. Das gibt ihnen das Gefühl, sie könnten bei uns Ängste schüren.“

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„Wir haben uns über die Sturmgewehre schon gewundert“, sagt Nathalie Haas aus Wien, die gemeinsam mit Alexander Kiennast für einen Kurzurlaub in der Stadt ist. Doch ihre gute Laune verderben lassen wollen sie sich davon nicht. Schließlich sei die Wahrscheinlichkeit, in einen Anschlag zu geraten, viel zu gering, sagt Kiennast.

Gelassen nimmt es auch Touristin Elena Petrova aus Riga. Von einer Terrorwarnung habe sie noch nichts gehört, sagt sie und zeigt sich von der Neuigkeit kaum beeindruckt. In Deutschland fühle sie sich sicher – sogar mehr als in ihrem Heimatland. „Im Vergleich zu Lettland ist die Polizei hier auf solche Gefahren besser vorbereitet“, glaubt die junge Lettin zu wissen, die bereits mehrere Jahre in Wiesbaden lebte. Durch die RAF habe Deutschland schon mehr Erfahrung mit dem Terror gesammelt.

Yalcin Sahinogullari aus dem Ostertor zeigt sich weniger gelassen. Er habe schon am Morgen im Fernsehen von der Terrorwarnung gehört. Eine Gefahr für Bremen könne er sich eigentlich nicht vorstellen. Trotzdem überkommt ihn ein mulmiges Gefühl beim Anblick der schwerbewaffneten Polizisten auf dem Markt. „Das sind Nadelstiche, mit denen die Islamisten unsere Ängste schüren“, sagt Sahinogullari. „Aber sollen wir denen das Feld überlassen? Nein!“ Er selbst ist Muslim und lebt seit mehr als 50 Jahren in Deutschland. Seine Befürchtung: Die Angst vor Terroristen könnte Hass auf alle Bremer mit Migrationshintergrund schüren.

Am frühen Abend ist noch ein letzter Polizeibus auf dem Marktplatz verblieben. Ein als Nachtwächter kostümierter Stadtführer nimmt die Terrorwarnung mit Humor: Potenzielle Attentäter wolle er mit seiner Lanze bekämpfen.

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