Ehrenbürger Klaus Hübotter über den Bahnhofsplatz "Eine städtebauliche Totalkatastrophe"

Klaus Hübotter ist eine bremische Institution. Er hat sich mit seiner Firma als Bauherr diverser Neu- und Umbauten eine Namen gemacht.
19.09.2014, 19:00
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Klaus Hübotter ist eine bremische Institution. Er hat sich mit seiner Firma als Bauherr diverser Neu- und Umbauten eine Namen gemacht. Außerdem engagiert er sich in Bremen für Kultur und Frieden. Silke Hellwig fragte ihn, was ihn antreibt.

Herr Hübotter, Sie sind 84 Jahre alt, und Sie sehen ganz offensichtlich keinen Anlass, sich zur Ruhe zu setzen. Dabei hätten Sie das schon vor 20 Jahren tun können.

Klaus Hübotter:

Ich halte das übliche Pensionsalter von 65 für eine willkürlich gezogene Grenze. Für mich ist das vollkommen unverbindlich. Ich bin ja auch nicht der Einzige, der noch weiter arbeitet. Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer hat im Alter von 103 Jahren noch gezeichnet. Was bedeutet also schon das Alter. Das ist vollkommen unwichtig.

Arbeiten Sie weniger als früher? Oder hat sich rein gar nichts geändert?

Für mich hat sich nichts geändert.

Sie arbeiten also, weil es Ihnen Spaß macht, und das werden sie so lange tun wie Sie können . . .

Ich arbeite nicht nur, weil es mir Spaß macht, sondern auch, weil es notwendig ist, für dieses Unternehmen, meine Familie und die Mitarbeiter. Meine Arbeit ist kein Hobby, meine Arbeit ist Arbeit. Wenn man an fünf Prozent seiner Arbeit schließlich richtig großes Vergnügen hat, ist das schon eine ganze Menge.

Nur fünf Prozent?

Na, meinetwegen auch sieben.

Was macht bei Ihnen diese fünf bis sieben Prozent aus?

Mir ist es eine Freude, wenn die Projekte, die wir verwirklichen, funktionieren und die Menschen, die dort arbeiten oder leben, dort glücklich sind. Es freut mich, wenn das, was ich tue, anderen etwas bringt.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen ganz besonders wichtig ist?

Es gibt einige Projekte, die mir am Herzen liegen. Dazu gehört der Speicher XI, in dem die Hochschule für Künste untergekommen ist, das Bamberger-Haus, in dem die Volkshochschule sitzt, das Haus Vorwärts, das zum Haus der Wissenschaft geworden ist. Aber sehr viel Spaß gemacht hat mir auch die Arbeit in Riga, wo wir unter anderem historische Gebäude saniert haben. Woran ich keinen Spaß hätte und was ich auch nie machen werde: eine Kaserne bauen.

Aus Überzeugung . . .

Ich werde keinen Beitrag dazu leisten, dass Menschen dazu ausgebildet werden, andere notfalls totzuschießen. Ich baue lieber Wohnungen, Seniorenheime und Kindergärten. Das ist eine sehr befriedigende Arbeit.

Historische Bausubstanz zu erhalten liegt Ihnen besonders am Herzen, siehe Speicher XI, siehe Sendesaal. Warum?

Wir haben alte Gebäude mit Verve rekonstruiert, renoviert und umgebaut. Aber nur, wenn sie qualitativ gut waren. Nicht alles, was alt ist, ist gut. Aber es gibt Gebäude, die qualitativ gut sind, und die, das ist ganz wichtig, nach einem Umbau wirtschaftlich genutzt werden können. Die haben wir uns gesucht.

Ist Ihre Arbeit komplizierter geworden – durch höheren bürokratischen Aufwand, Ausschreibungsvorschriften und so weiter?

Nein, die Schwierigkeiten sind immer die gleichen, jetzt werden sie nur anders benannt. Das liegt daran, dass auch die Menschen die gleichen sind. Mein amerikanischer Lieblingsschriftsteller Rex Stout hat gesagt: Wo ein Mensch ist, gibt es Ärger.

Sie haben Jura studiert und nicht etwa Architektur, wie man vermuten könnte. Wieso?

Ich komme aus einer Architektenfamilie, und vielleicht hätte ein Architekturstudium nahegelegen. Aber ich wollte mein Studium so schnell wie möglich hinter mich bringen, und dafür bot sich Jura an. Nach sechs Semestern war ich fertig. Das Studium war sehr hilfreich für mich. Man lernt, sehr genau zu sein, das kann nicht schaden.

Damals hätten Sie aber nicht gedacht, dass Sie einmal Bauunternehmer werden würden, oder?

Nein, ich wollte immer Schriftsteller werden. Aber ich musste Geld verdienen, darum bin ich Kaufmann geworden.

Als Student waren Sie politisch engagiert. Erst in der KPD, später in der DKP. 1991 sind Sie ausgetreten. Wie stehen Sie heute dazu?

Ich bereue diese Zeit nicht, aber sie ist lange her. Kürzlich habe ich in Ihrer Zeitung auf einer Vermischtes-Seite einen Artikel über die Superreichen auf Ibiza gesehen, direkt daneben ging es um die Opfer des Ebola-Virus. Wenn man diese unglaublichen Gegensätze sieht, könnte man auch heute noch Kommunist werden wollen.

Um sich gegen soziale Ungerechtigkeit einzusetzen, kann man sich auch in anderen Parteien engagieren, beispielsweise bei den Roten oder den Grünen.

Davon waren viele doch früher selber Kommunisten. Wissen Sie, als junger Mann dachte ich, man könne die Welt verändern. Das glaube ich nicht mehr. Das ist frustrierend, ändert aber nichts daran, dass man sich jeden Tag für die gute Sache, für die Gerechtigkeit, für den Frieden, einsetzen sollte.

Sie haben tatsächlich nie damit geliebäugelt, Mitglied der SPD zu werden? In Bremen gab es angeblich mal Zeiten, da galt das als eine Sprosse auf der Karriereleiter.

Ich hatte die Nase von Parteien voll. Ich habe mich auch nie darum gekümmert, wer welches Parteibuch hat. Ich habe Freunde in der CDU, ich habe Freunde in der SPD, ich habe Freunde bei den Grünen . . .

. . . sogar welche in der FDP?

Ja, ich habe sogar einen sehr guten Freund in der FDP. Ein Parteibuch spielt für mich keine Rolle, nur bei den Rechten, da ist Schluss.

Haben Sie in Bremen eine politische Heimat gefunden?

Auch Parteilosigkeit kann eine politische Heimat sein.

Sie müssen keine Kröten schlucken . . .

Ich habe schon sehr viele Kröten geschluckt in meinem Leben. Das sollte reichen. Außerdem sind persönliche Freundschaften viel wichtiger als politische. Auch in Bremen.

Man kann vermuten, dass Sie ein guter Netzwerker sind, wie man das heute so nennt. Sie mussten Überzeugungsarbeit leisten, zum Beispiel für den Umbau des Speichers XI oder für den Erhalt des Radio-Bremen-Sendesaals. Wie gewinnen Sie die offiziellen Entscheidungsträger?

Man muss gute Ideen haben. Vor allem geht es aber darum, mit Argumenten zu überzeugen. Es geht ganz schlicht um Kosten und Nutzen. Ein Neubau der Hochschule für Künste hätte ungefähr drei Mal so viel gekostet wie der Umbau des Speichers XI.

Sie haben vielleicht auch überzeugt, weil Sie in dieser Stadt etwas darstellen.

Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus. Wenn man etwas schafft und vorzuweisen hat, dann stellt man schließlich etwas dar. Aber erst kommt die Arbeit, dann vielleicht der gute Ruf.

Diesem guten Ruf und Ihrem Engagement als Mäzen, beispielsweise als Herz der Villa Ichon, haben sie jedenfalls die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bremen zu verdanken.

Aber ich habe sie nie als Orden empfunden, sondern als ein Amt. Ich fühle mich damit als eine Art Ombudsmann für diese Stadt. Ich muss mich kümmern und nicht den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und diese Amt verpflichtet mich beispielsweise dazu, die geplante Bebauung des Bahnhofsplatzes als städtebauliche Totalkatastrophe anzuprangern.

Warum?

Ich habe gar nichts an dem Architekten Max Dudler auszusetzen, er ist sicher einer der Besten, die wir in Deutschland haben. Ich habe auch nichts gegen seine Architektur. Aber dieses Gebäude gehört nicht vor den Bahnhof. Der Platz darf nicht bebaut werden. Der Bahnhof ist eines der eindrucksvollsten Denkmäler Bremens, und nun soll ein kolossaler Briefbeschwerer die Sicht auf ihn zerstören.

Nun ist der Platz aber verkauft, und man kann dem Investor kaum vorwerfen, dass er damit Geld verdienen will.

Der Platz ist für einen Bruchteil seines eigentlichen Werts verschleudert worden. Und ich bin nicht der Meinung, dass Geld alles rechtfertigt.

Klaus Hübotter – nicht nur ein Ehren-, sondern auch ein Wutbürger?

Ich werde mich nicht am Bauzaun festketten. Aber ich werde blutige Tränen weinen, wenn das Gebäude gebaut wird.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft Bremens, städtebaulich?

Das kann man so allgemein nicht beantworten. Bremen ist städtebaulich gesehen eine gute Stadt, nicht besser als andere Großstädte, aber auch auf keinen Fall schlechter. Wir haben gute Architekten in Bremen und gute Gebäude.

Und was wünschen Sie Bremen politisch?

Dass wir weiterhin links von der Mitte stehen. Und dass Nazis in dieser Stadt keine Chance haben.

Zur Person: Klaus Hübotter (84) ist Jurist und seit 50 Jahren Bauunternehmer. Er engagiert sich in der Friedensbewegung und für zahlreiche kulturelle Projekte in Bremen. Im Jahre 2010 wurde Hübotter Bremens 30. Ehrenbürger. Er setzte und setzt sich unter anderem für den Erhalt historischer Gebäude ein.

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