Die französische Pianistin Lise de la Salle leitet den Musikunterricht einer vierten Klasse am Pulverberg Eine Stunde für die klassische Musik

Im Frühjahr erhielt das ehrenamtliche Musikvermittlungsprojekt „Rhapsody in School“ den deutschen Musikpreis „Echo“ für die beste Nachwuchsförderung – die Viertklässler der Grundschule am Pulverberg kamen kürzlich in den Genuss einer ganz besonderen Schulstunde, die von den Verantwortlichen der Initiative in Kooperation mit den Bremer Philharmonikern organisiert wurde.
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Von Christian Markwort

Im Frühjahr erhielt das ehrenamtliche Musikvermittlungsprojekt „Rhapsody in School“ den deutschen Musikpreis „Echo“ für die beste Nachwuchsförderung – die Viertklässler der Grundschule am Pulverberg kamen kürzlich in den Genuss einer ganz besonderen Schulstunde, die von den Verantwortlichen der Initiative in Kooperation mit den Bremer Philharmonikern organisiert wurde.

Nein, wer Bushido ist, konnte Lise de la Salle nicht sagen. Die klassische Pianistin aus Frankreich war im Zuge des Musikvermittlungsprojektes „Rhapsody in School“ zu Gast in der Grundschule am Pulverberg und leitete für eine Stunde den Musikunterricht der Klasse 4b. Rund 20 Kinder im Alter zwischen neun und zehn Jahren saßen in dem geräumigen Mehrzweckraum unter dem Dach der Schule um das große Klavier herum, an dem die 26-Jährige einige Kostproben ihres Könnens darbot. Neben dem Musizieren stand an diesem ganz besonderen Tag aber auch das persönliche Gespräch mit der international renommierten Künstlerin auf dem Stundenplan. „Wir haben im Vorfeld einige Fragen erarbeitet, die die Kinder unserer berühmten Besucherin stellen sollen“, erklärte Klassenlehrerin Anna Guder.

Tagelang hatten die Kleinen dafür akribisch im Internet recherchiert und sich außerdem mit klassischer Musik vertraut gemacht. „Die meisten können zwar mit Justin Bieber etwas anfangen“, sagte Guder, „aber klassische Komponisten kennen sie überhaupt nicht.“ Die Klassik sei eine vollkommen andere Musikrichtung, als viele der Kinder und Jugendliche heutzutage hören würden. „Es fällt vielen unserer Kinder schwer, klassische Musik in ihren Alltag zu integrieren“, verdeutlichte Schulleiterin Ulrike Deister-Haag das Problem. „Gerade in einem so bunt gemischten, aber durch seinen hohen Migrationsanteil auch schwierigen Stadtteil wie unserem kommen weder Eltern noch Kinder allzu oft in Berührung mit dieser Musikrichtung.“

Spielerischer Zugang zur Klassik

Und genau dort wollen die Initiatoren ansetzen: „Wir haben an diesem Projekt teilgenommen, weil wir den Kindern auf spielerische Weise einen ganz konkreten Zugang zur klassischen Musik bieten möchten“, erklärt Katharina Jannssen vom Projektmanagement Bremen. Sei diese Musik im Alltag eher abstrakt, weil sie vielen Kindern unbekannt sei, bekämen die Kleinen durch die Besuche international bekannter Musiker an ihren Schulen die Gelegenheit, ganz konkret an die Klassik herangeführt zu werden. „Sie erleben die Künstler hautnah und bauen somit die Schranken des Unbekannten ein klein wenig ab“, so die Hoffnung der Initiatoren.

Schranken gab es an diesem Tag keine – weder die Kinder noch die Pianistin zeigten irgendeine Form von Berührungsängsten, offen und fast schon vertraut gingen beide Seiten miteinander um. Nachdem die junge Französin einige Stücke bekannter Komponisten gespielt und das Eis auf diese Weise ganz schnell gebrochen hatte, bohrten sie die Kinder mit zahlreichen Fragen. „Kennst Du Bushido?“, lautete eine, oder „Was war dein schönstes Konzert?“ eine andere. Seelenruhig beantwortete Lise de la Salle alle Fragen und auch etwas kribbligere Fragen brachten sie nicht aus der Ruhe. Was bei ihr denn bei einem Konzert schon einmal so richtig schief gelaufen sei, wollte die neunjährige Mara wissen. Schmunzelnd berichtete die junge Künstlerin von einem Auftritt, bei dem ihr ständig das Kleid verrutscht sei. „Schließlich habe ich mir in einer kurzen Pause einfach eine Jeans angezogen und keiner hat es bemerkt“, erzählte sie lachend. Für die Übersetzung ins Deutsche – Lise de la Salle fiel die Muttersprache der Kinder etwas schwer – sorgte ihr Begleiter Nils Geisser, der alle Fragen und Antworten einwandfrei übersetzte. Zahlreiche weitere Anekdoten sorgten für großes Gelächter, ein fröhlich-lautes „Hallo“ unter den Kleinen löste die Antwort de la Salles auf die Frage aus, welchen bekannten Popstar sie denn möge. „Na, Lady Gaga natürlich“, antwortete die Pianistin und sorgte für einen Begeisterungssturm unter den Kindern.

„Es war eine Schulstunde, die uns für immer im Gedächtnis bleiben wird“, versicherte Schulleiterin Deister-Haag, „einen echten Weltstar so nah zum Anfassen zu haben, ist etwas ganz besonderes.“ Auch die Schüler zeigten sich äußerst angetan von der hübschen jungen Blondine und ihrem virtuosen Klavierspiel. „Sie sieht voll schön aus und spielt ganz toll Klavier“, meinte nicht nur die zehnjährige Leijla. Auch ihre kleinen Schulfreunde zeigten sich begeistert von dem hohen Besuch. „Ich weiß, wie schwer Klaviersspielen ist“, betonte die kleine Mara, schließlich spiele ihre Schwester Anni auch dieses Instrument und habe sie einige Mal an die schwarzen und weißen Tasten herangelassen.

Der neunjährigen Glorija standen nach Chopins romantischer Sonate sogar Tränen der Rührung in den Augen: „Diese Musik war so schön ruhig, dass ich mich an eine schwere Verletzung meines Bruders erinnert habe“, erklärte sie, während sie noch immer schlucken musste. „Auf einmal kamen die Tränen und ich konnte gar nichts dagegen machen.“

Am Ende dieser außergewöhnlichen Schulstunde durften die Kinder alle noch ein Erinnerungsfoto mit Lise de la Salle machen und überreichten ihr zum Dank ein großes Poesie-Buch, das die Schulkinder gemeinsam angefertigt hatten. Die Pianistin war ebenfalls gerührt und nahm alle Kinder zum Dank einzeln in ihre Arme. „Sie waren sehr lieb und sehr konzentriert“, erklärte sie auf Deutsch mit bezauberndem Akzent, „ich hoffe, dass der eine oder die andere Gefallen an klassischer Musik finden wird.“ Genau das sei auch das Ziel von Rhapsody in School“, wie Katharina Jann-

ssen betonte. „Wir werden weiter Bremer Schulen besuchen“, sagte sie.

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