Open Source Seeds

Eine Tomate mit politischer Dimension

Die Idee der Initiative Open Source Seeds, Saatgut zum Allgemeingut zu machen, hat mit der Heinrich-Böll-Stiftung einen prominenten Mitstreiter gefunden.
31.03.2019, 15:48
Lesedauer: 3 Min
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Eine Tomate mit politischer Dimension
Von Patricia Brandt
Eine Tomate mit politischer Dimension

Die Tomate Sunviva ist eine patentfreie Züchtung.

Open Source Seeds Initiative

Die Cocktailtomate „Sunviva“ ist leuchtend gelb, wüchsig und resistent gegen Braunfäule. Aber alle diese Vorzüge haben sie nicht bekannt gemacht. Für bundesweite Schlagzeilen hat ihre politische Dimension gesorgt: „Sunviva“ ist anders als andere Tomaten Allgemeingut: Jeder darf die robuste Freilandtomate anbauen und sogar Geld mit ihr verdienen. Nur patentieren lassen darf sich niemand die Sorte, denn sie ist durch eine Lizenz schützt. Die Initiative Open Source Seeds könnte die Agrarkonzerne ärgern, Kleinbauern und Hobbygärtner aber freuen.

Max Rehberg, Mitarbeiter eines ökologischen Saatguthändlers in der Region Göttingen, steht an diesem Tag zwischen Bremern, die auf Einladung eines breiten Bündnisses Saatgut aus dem eigenen Garten tauschen wollen. Bei der 6. Bremer Saatgut-Tauschbörse im Künstlerhaus am Güterbahnhof ist sein Vortrag über patentfreies Saatgut angekündigt. Rehberg reist durchs Land, um für die Idee zu werben, die hinter Open Source Seeds steckt.

Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine Gruppe von Pflanzenzüchtern, Agrarwissenschaftlern und Juristen, die sich dafür einsetzen, dass Saatgut für jedermann frei nutzbar ist. „Ich finde es unverantwortlich, dass man Saatgut privatisieren kann“, sagt Max Rehberg, während er zusieht, wie Hobbygärtner in Transportkisten nach bestimmten Samentüten kramen, „weil Pflanzen und Sorten ein Kulturgut sind, das über die Jahrtausende entwickelt wurde.“

Die zunehmende Privatisierung habe in den vergangenen Jahren jedoch zu einer starken Marktkonzentration geführt: Aktuell dominierten weltweit nur wenige große Saatgutkonzerne mehr als 50 Prozent des formellen Saatguthandels.

Die Freilandtomate „Sunviva“ ist patentfrei, aber durch die Open-Source-Seeds-Lizenz geschützt. Dieses Vorgehen, das man aus der Softwarebranche kenne, ermögliche den gemeinschaftlichen Austausch von Saatgut und biete eine Alternative zum global vermarkteten Saatgutmarkt.

Durch Patentierung versuchten die Konzerne, sich Rechte am Saatgut zu sichern. Sie verkauften sogenanntes Hybridsaatgut. Die Hybridsorten aus dem Labor seien nicht grundsätzlich schlecht, „aber man kann sie nicht nachbauen – es kommt einfach nicht die gleiche Sorte raus“, meint Max Rehberg und macht einer Frau Platz, die zu den Tütchen mit den Buschbohnen-Samen will.

Die Tauschbörse ist gut besucht. Fünf bis sechs Stände sind in der Halle aufgebaut. Schilder fordern die Besucher auf, sich Saatgut zu nehmen, aber durch eigenes Saatgut oder eine Spende „für die entsprechende Wertschätzung“ zu sorgen. Ein Besucher in roter Outdoor-Jacke, der sich als Gerrit Lohmann vorstellt, will für ein Tütchen mit der Aufschrift „Bienenweide“ und Lauchzwiebeln spenden. Er sagt, er wolle auf seinem 900-Quadratmeter–Grundstück mitten in der Stadt „mal was ausprobieren“. Besucherin Petra Fröb aus Findorff lobt: „Tolle Veranstaltung, da kann man auch mal was zur Anzucht nachfragen."

Mit der Tauschbörse wollen die Veranstalter, darunter „Bremen im Wandel“, der BUND, die Klimawerkstatt und nicht zuletzt das Team Hofgrün des Güterbahnhofs, Bremern die Möglichkeit bieten, regional angepasstes, sortenechtes und damit zuverlässig vermehrbares Saatgut zu ertauschen. „Wir haben eingeladen, weil es wichtig ist, dass die Leute wieder eine Wertschätzung für Lebensmittel entwickeln und das geschieht meistens darüber, dass man selber auf dem Balkon oder im Kleingarten etwas anbaut und sich bewusst wird, wie viel Arbeit das ist“, sagt Anne Emden vom BUND. Die Veranstalter wollen auch verdeutlichen, wie wichtig eine große Pflanzenvielfalt ist. Denn genau die sei im Begriff zu verschwinden. Durch die Monopolisierung des Saatgutvertriebs seien bereits jetzt 75 Prozent der weltweiten Kulturpflanzenvielfalt verloren gegangen.

„Saatgut ist die Grundlage für unsere Lebensmittel.“ Darauf macht Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, aufmerksam. Mit der Stiftung hat die Open-Source-Seeds-Initiative einen prominenten Unterstützer gefunden. In diesem Jahr hat die Stiftung 30 000 „Sunviva“-Samentütchen erworben und an Bürger im gesamten Bundesgebiet verteilt, um ein Zeichen für Vielfalt bei Saatgut zu setzen. „Wenn Bäuerinnen und Bauern aufgrund von Patenten nicht die Chance haben, Saatgut selbst nachzuziehen oder untereinander zu tauschen, müssen sie es jedes Jahr wieder vor der Aussaat von den Konzernen für teures Geld kaufen. Für viele der mehr als 500 Millionen Kleinbauern und Bäuerinnen weltweit bedeutet das eine enorme finanzielle Belastung und nicht selten das Abrutschen in eine Schuldenspirale“, so Barbara Unmüßig weiter. Eingeschränkt seien auch Klein- und Hobbygärtner, Saatgut auszuwählen. Die Aktion der Stiftung kam an: „Die ersten 20 000 Tüten waren innerhalb von acht Tagen weg“, berichtet Stiftungssprecher Michael Alvarez.

Für Nachschub sorgt die Open-Source-Seeds-Initiative. Laut Max Rehberg seien zwei weitere Freilandsorten entwickelt worden: „Vivaroma, eine klassische Salat-Tomate und Moltosano, eine große Fleischtomate.“ Anders als „Sunviva“ seien diese neuen Sorten wenig bekannt.


Mehr über die Züchtungen unter
www.opensourceseeds.org/die-liste

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