Stadtführungen durch Bremen (Teil 10) Eine Tour durch Bremens Unterwelten

Bremen. Einen Rundgang für lichtscheue Gestalten bietet der Historiker Andreas Calic mit seiner Tour durch ungewöhnliche Orte untertage an. Es geht vom ABC-Bunker in die Kirchen-Katakomben, von den unterirdischen Gefängniszellen bis zum Kulissenkeller.
22.07.2011, 05:00
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Eine Tour durch Bremens Unterwelten
Von Sara Sundermann

Bremen. Einen Rundgang für lichtscheue Gestalten und solche, die es werden wollen: Der Historiker Andreas Calic taucht mit seiner Besuchergruppe ab und zeigt ungewöhnliche Orte untertage. Vom ABC-Bunker in die Kirchen-Katakomben, von den unterirdischen Gefängniszellen bis zum Kulissenkeller.

Der Treffpunkt ist noch oberirdisch: Am Elefantendenkmal hinter dem Hauptbahnhof beginnt die Unterwelten-Führung. Stadtführer Calic hat den Schlüssel für die Tür zu Füßen des Elefanten. Dahinter tut sich ein kleiner zwölfeckiger Raum auf. Calic verschwindet in einem Loch in der Mauer und macht Licht. Der schmale Raum unter dem Denkmal erinnert an eine Kapelle.

Am „Reichskolonialehrenmal“, wie es 1931 bei der Erbauung hieß, versammelten sich national gesinnte Kreise aus ganz Deutschland, um ihre Kolonialbegeisterung zu zelebrieren. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Deutschland seine Kolonien verloren, was längst nicht allen gefiel. Die Krypta war ursprünglich den deutschen Soldaten geweiht, die in den Kolonialgebieten starben. Heute ist das Denkmal den Opfern des Kolonialismus gewidmet.

„Die nächste unterirdische Station kannte lange Zeit kaum ein Bremer - und nicht einmal die Polizei“, erzählt Calic: In der Nähe des Finanzamts werden Siemens, Performa Nord und weitere anliegende Einrichtungen über eine unterirdische Straße verbunden. Bremens einzige Unterpflasterstraße war als eleganter, unsichtbarer Zulieferungsweg gedacht.

Heute wird sie so nur noch von wenigen Anliegern genutzt. Stattdessen machten sich andere die geheime Straße zunutze: Bei der Discomeilen-Schießerei verschwanden mehrere Täter spurlos und stellten die Polizisten zunächst vor ein Rätsel. Erst später stellte sich heraus, dass sie über Notausgänge der Diskotheken am Rembertiring durch die Unterpflasterstraße entkamen.

Der Weg führt durch diverse Notausgänge und Brandschutztüren, über endlos lange Flure und unter noch längeren Kabelsträngen hindurch. Manche der Unterwelten sind sogar miteinander verbunden: Zum Beispiel kann man unter im Finanzamt vom Altbau zum Neubau durch einen unterirdischen Gang gelangen.

Hier lockt das „Maschinenherz“, wie Calic es nennt. Der Kulturwissenschaftler fühlt sich in der tiefergelegten Schaltzentrale des Finanzamts an Fritz Langs Meisterwerk „Metropolis“ erinnert. Nicht ohne Grund, wie er erklärt: Die Ingenieure, die den Maschinenraum entwarfen, orientierten sich bei der Gestaltung tatsächlich an dem berühmten Film.

Beklemmende Station unter dem Domshof

Weniger Kultur und mehr reale Beklemmung kommen im Bunker unter dem Domshof auf. Hier liegt Bremens größter Tiefbunker, der über 100 Meter lang ist und bei Bombenangriffen 2500 Menschen Zuflucht bieten sollte. Brunnen, eine Notküche und ein Stromaggregat sollten die Schutzsuchenden 14 Tage hier versorgen. Die Zwangsarbeiter, die den Bunker errichten mussten, durften hier selbst keinen Schutz suchen.

Im Jahr 2007 beschloss der Bundestag, dass zivile Luftschutzbunker in Deutschland nicht mehr nötig sind und nicht mehr gewartet werden müssen. Seitdem stehen immer mehr Bunker zum Verkauf. Auch der Bunker unter dem Domshof, der momentan noch in Händen des Senators für Inneres ist, könnte verkauft werden – wenn sich denn ein Käufer für den eigenwilligen Raum zu Füßen des Wochenmarkts finden würde.

Andere unterirdische Räume sind nicht käuflich: Zum Beispiel die Zellen für „unreine Frauen“ unter dem Wilhelm-Wagenfeld-Haus, das früher die Hauptwache beherbergte. Dort war die Giftmörderin Gesche Gottfried inhaftiert, dort gab es auch Dunkelarrest für Männer. Sogar das Theater am Goetheplatz öffnet für die Unterwelten-Führung seinen Keller – der so groß ist, dass darin ganze Bühnenkulissen versenkt werden können.

Unterirdische Räume sind nicht immer leicht zu erschließen. Für seinen Rundgang musste Andreas Calic sechs verschiedene Einrichtungen überzeugen, die die Schlüsselgewalt innehaben. Er hat aber sogar noch weitere verborgene Räume im Visier: Gerade verhandelt er mit der Deutschen Bahn, weil er gerne den Bunker im Hauptbahnhof zeigen würde. „Das ist ein sehr spannender Bunker“, sagt Calic. „Ich war auch schon drin.“ Außerdem gebe es in Bremen zahlreiche kleine enge Erdbunker, die nicht vor Bombenangriffen, sondern eher vor Splittern schützen sollten. Die möchte Calic am liebsten ausgraben – und in Zukunft bei seinen Führungen zeigen.

Stattreisen führt bei der Unterwelten-Führung in den Bunker unterm Domshof, den Kulissenkeller des Theaters am Goetheplatz, die Katakomben der Liebfrauenkirche und die Kammer der Ostertorwache. Die Führung dauert rund zweieinhalb Stunden und findet etwa einmal im Monat statt. Um eine telefonische Anmeldung unter Telefon 4305656 wird gebeten. Die Teilnahme kostet zehn Euro pro Person, Treffpunkt ist am Elefantendenkmal, Gustav-Deetjen-Allee.

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