Betten Bostelmann in Walle Eine Vernunftsentscheidung: Ausverkauf nach 85 Jahren

Es ist Ausverkauf. Mit Betten Bostelmann wird bald ein Stück altes Walle Vergangenheit sein. Ende April wird Birgit Kohlhagen das Geschäft räumen, das ihr Vater vor mehr als 85 Jahren gegründet hat.
30.03.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten

Es ist Ausverkauf. Mit Betten Bostelmann wird bald ein Stück altes Walle Vergangenheit sein. Ende April wird Birgit Kohlhagen das Geschäft räumen, das ihr Vater vor mehr als 85 Jahren gegründet hat.

Es ist eine Vernunftsentscheidung. „Die Zeiten für kleine Fachgeschäfte wie dieses sind wohl vorbei“, bedauert die Waller Geschäftsfrau. Früher: Da war die Vegesacker Straße eine florierende Einkaufsstraße, und es war ganz selbstverständlich, dass sich Bräute eine Aussteuer aus guten Bettbezügen, Hand- und Geschirrtüchern schenken ließen, die ein ganzes Eheleben halten konnten, erzählt sie. Die Zeiten haben sich geändert, doch noch gibt es Kundschaft, die zu schätzen weiß, dass in dieser Hinsicht an der Vegesacker Straße 50 die Zeit ein wenig stehen geblieben ist. Dass Betten Bostelmann vermisst werden wird, das hat Birgit Kohlhagen in den vergangenen Wochen schon oft gehört.

„Ich war immer ein bisschen stolz, dass der Laden so lange existierte, während viele andere in der Nachbarschaft nach und nach aufgegeben haben“, sagt sie. Doch vor Kurzem habe das Haus an der Vegesacker Straße/Ecke Loxstedter Straße den Besitzer gewechselt, eine schmerzhafte Mieterhöhung steht an. Sie hätte die benachbarten Räume, in denen die großen Bettenfüll- und Reinigungsmaschinen stehen, unbezahlbar gemacht. Nur noch den Verkaufsraum behalten, das stand für Birgit Kohlhagen nicht zur Debatte. Denn gerade die althergebrachten Dienstleistungen wie die per Hand befüllten Daunendecken waren es ja, die das Geschäft zu etwas Besonderem machten, erklärt sie. „Wenn ich das alles nicht mehr machen könnte, dann wäre es nicht mehr mein Laden.“

Bis zu zehn Mitarbeiter beschäftigt

Am 24. November 1931 hatte sich ihr Vater Friedrich „Fritz“ Bostelmann an der Vegesacker Straße/Ecke Geestemünder Straße mit seinem Bettenfachgeschäft selbstständig gemacht. Der Textilkaufmann hatte seine Lehrzeit in Blumenthal absolviert, danach Erfahrungen in Hamburger Fachgeschäften gesammelt. Weil das Geschäft in Walle so gut lief, konnten schon schnell die größeren Räume an der Vegesacker Straße bezogen werden. Mit den Wirtschaftswunderjahren wurde „Betten Bostelmann“ in der ganzen Stadt ein Begriff. „Wenn der Haussegen schief hängt“ – riet eine Zeitungsanzeige im Jahr 1954 geplagten Ehemännern – „dann gehen Sie doch einfach mit Ihrer Frau zu Bostelmann!“.

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Bis zu zehn Mitarbeiter arbeiteten damals hier, erinnert sich Birgit Kohlhagen. Der eigene Fahrer lieferte die Waren im eigenen kleinen Firmenlastwagen an die Kundschaft, im Nähatelier wurden Gardinen auf Maß genäht und Kissen und Decken ausgebessert. Auch die vier Bostelmann-Kinder sind im Geschäft aufgewachsen. Friedrich Bostelmann war ein anerkannter Experte in seinem Metier: Ab 1955 war er als vereidigter Sachverständiger für Bettwaren. Nach seinem Tod im Jahr 1984 übernahm zunächst Tochter Christel Claßen die Geschäfte. Seit 1995 führt Birgit Kohlhagen das Eine-Frau-Unternehmen – als Geschäftsführerin, Dekorateurin, Werkstattmitarbeiterin und Reinigungskraft in Personalunion. 22 Jahre lang wurde ihr Alltag von den Öffnungszeiten rhythmisiert, so lange gab es auch keinen richtigen Urlaub.

„Ich habe das aber immer mit viel Lust und Liebe gemacht“, erzählt Birgit Kohlhagen, während sie keine Minute still steht, Ware von hier nach da räumt, aus bunten Gästehandtüchern Körbchen, Glücksschweinchen, Osterhasen oder Küken faltet und sie in Klarsichtfolie verpackt auf dem Geschenke-Regal positioniert. Die Mitbringsel werden gern genommen. Sie hat sich darum gekümmert, dass die alte Ladeneinrichtung in gute Hände kommt: Der Tresen wird in einem Geschäft in Potsdam stehen, die Vitrinen wandern in ein Automuseum in Bassum. Im Mai wird alles ausgeräumt. So richtig vorstellen kann sie sich das selbst noch nicht, sagt Birgit Kohlhagen. „Es tut mir schon leid. Der Laden war ja mein Leben.“

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