Gebäude mit Geschichte: Auf das Jugendstil-Haus in Schwachhausen wurde 1991 ein Brandanschlag verübt Eine Villa mit dunkler Vergangenheit

Bremen. Helga Rieck hat recherchiert, nachgebohrt und herumgefragt. Das Ergebnis breitet sich über etwa 50 Seiten aus, die sich einzig und allein um das Gebäude in der Schwachhauser Heerstraße 110 drehen.
24.08.2015, 00:00
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Eine Villa mit dunkler Vergangenheit
Von Silke Hellwig

Helga Rieck hat recherchiert, nachgebohrt und herumgefragt. Das Ergebnis breitet sich über etwa 50 Seiten aus, die sich einzig und allein um das Gebäude in der Schwachhauser Heerstraße 110 drehen. Helga Rieck war im Staats- und im Bauaktenarchiv, sie hat sich alte Ausgaben des WESER-KURIER angesehen, sie hat Peter Strotmann zu Rate gezogen, der ein eigenes Schwachhausen-Archiv zusammengetragen hat. Das Ergebnis ist eine kleine Dokumentation mit Fotos, Fakten und Artikeln: die Geschichte einer Villa in Schwachhausen – mit weißen Flecken.

Dass sich Helga Rieck so für das Gebäude interessiert, ist kein Zufall. Zum einen ist sie Architektin. Zum anderen hat sie das Haus in der Schwachhauser Heerstraße, das mit Türmchen, Giebelchen und allerhand Zierrat auf sich aufmerksam macht, 1999 gemeinsam mit ihrem Sohn Axel Viohl gekauft und grundlegend saniert – eine Herausforderung für sich. „Manchmal hatten wir das Gefühl, es sei ein Fass ohne Boden“, sagt Viohl.

Aber beide wollten dieses Gebäude und kein anderes. „In die Jugendstil-Fassade habe ich mich eigentlich schon auf den ersten Blick verliebt“, sagt Helga Rieck. „Wir haben damals in Oyten gewohnt, und immer wenn wir in die Stadt fuhren, sind wir hier vorbeigekommen.“ Die Fassade ist prachtvoll, und auch im Inneren zeigt sich, dass der Bauherr an nichts sparen wollte: Die Decken sind aufwendig mit Stuck verziert, das Dach ist aus Schiefer, die Konstruktion aus Stahlbeton. „Für diese Zeit ganz erstaunlich“, sagt die Architektin.

Dennoch war die Villa, kurz bevor Helga Rieck und Axel Viohl sie übernahmen, in einem schlechten Zustand. Sie hatte lange leer gestanden, zuvor hatte sie als Asylbewerber-Unterkunft gedient. Zu dieser Zeit galt sie in Schwachhausen als „Problem-Villa“, weil dort mit Drogen gedealt wurde. 1991 wurde ein Brandanschlag auf das Haus verübt. Brandsätze wurden auf das Gebäude geschleudert, in dem rund 60 Menschen lebten, die Bewohner konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Im Verfahren vor dem Landgericht sagten die 18- und 19-jährigen Täter aus, sie hätten den Drogenhändlern einen Denkzettel verpassen wollen. Sie wurden zu Jugendstrafen auf Bewährung verurteilt.

Die Sanierungsarbeiten waren aufwendig, nicht nur wegen verbliebener Brandschäden. Das Gebäude „war total abgewohnt. Außerdem war es in einem hässlichen Puddinggelb gestrichen und hatte braune Fenster.“ Das Schieferdach war marode, eine Garage war ohne Rücksicht auf die Fassade eingebaut worden, der Stuck musste ergänzt und repariert werden. Auch die Elektrik- und Sanitärarbeiten waren umfassend. Eine „Schmalsanierung“ sei für sie nicht infrage gekommen, und „wir haben hier drin auch selber viel geackert“, erzählen Mutter und Sohn. Die Fassade wurde in ihre Ursprungsform zurückgesetzt, nach hinten wurde das Haus in Terrassenwohnungen erweitert. Eine Symbiose von Alt und Neu, sagt Helga Rieck.

Erbaut wurde die Villa 1906 für Siegmund Oss (auch Oß geschrieben), an der Schwachhauser Chaussee, wie die Straße einst hieß. Der Architekt ist unbekannt – weder die Architektenkammer, noch das Bauressort können weiterhelfen. „Die Akten sind nicht auffindbar“, sagt Helga Rieck, „und es ist selten, dass gar nichts mehr da ist.“ Niemand wisse, wer zur Zeit des Nationalsozialismus Besitzer der Villa gewesen sei, womöglich nicht von ungefähr, vermutet sie.

Siegmund Oss, hat die Architektin herausgefunden, war ein jüdischer Kaufmann, der ein Geschäft in Oldenburg besaß. Angeblich soll er sich in der Jüdischen Gemeinde Bremen engagiert haben, wo und wie genau sei unklar. Die Jüdische Gemeinde prüfte ihre Unterlagen. Fazit: „Leider haben wir keinerlei Informationen zu Familie Oss/Oß in unseren Unterlagen vorliegen. Das Gebäude ist auch nicht in der uns zur Verfügung stehenden Auflistung der während der NS-Zeit enteigneten Gebäude aufgeführt.“

Oss, Jahrgang 1865, lebte nicht lange in der Schwachhauser Heerstraße, 1913 zog er nach Bremerhaven, wo er 1929 starb. Schon 1912 wurde für ihn am Geestemünder Hauptkanal ein Geschäftshaus gebaut, heißt es in dem Buch „Bremerhavener Persönlichkeiten aus vier Jahrhunderten“ von Hartmut Bickelmann. Auf einer dort abgebildeten Postkarte wird der Gratis-Katalog von Siegmund Oss junior (der Sohn) – „Herren-, Knaben- und Berufskleidung, Schuhwaren“ offeriert. Bickelmann schreibt: „Siegmund Oss war ein rühriger Bürger, der mehreren Vereinen angehörte und sehr angesehen war.“ Sein Sohn Siegmund Oss junior wurde 1941 verhaftet, nach Riga deportiert und ermordet.

Oss senior verkaufte seine Villa in Bremen 1914 an den Kaufmann Julius Ernst Wieting, der 1934 dort starb. Dann versanden die Spuren der Eigentümer, auch über die Zeit des Nationalsozialismus hinweg. Jedoch über den Vorgängerbau ist etwas bekannt: Eine Milchbude hat zur Jahrtausendwende an der Ecke Schwachhauser Chaussee und Albersstraße gestanden, die „Molken-Kuranstalt-von Huber“, wo warme Milch oder Molke verkauft wurde.

Heute ist die Villa in vier Eigentumswohnungen aufgeteilt. Axel Viohl wohnt ganz oben, seine Schwester ganz unten, wo sie und ihre Mutter auch ihre Büros haben. Die mittleren Etagen sind an andere Eigentümer verkauft. Das Gebäude hat einiges erlebt in den vergangenen 109 Jahren. „Genau das ist es, was das Flair eines Hauses ausmacht“, sagt Axel Viohl. Und immer noch, wie wahrscheinlich schon zu seiner Ursprungszeit, blieben Passanten stehen und sähen sich ganz in Ruhe die vielen Details der Fassade an. „Das Haus ist einfach ein Eyecatcher.“

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