Reinhard Lehmann im Interview

„Einfache Malariapatienten nur ambulant“

Reinhard Lehmann ist pensionierter Allgemeinmediziner. Er engagiert sich als Pate bei den Ambulanten Versorgungsbrücken in Bremen und berichtet im Interview von seiner Tätigkeit bei Ärzte ohne Grenzen.
22.03.2017, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Thomas Walbröhl
„Einfache Malariapatienten nur ambulant“

Reinhard Lehmann engagiert sich als Pate für Geflüchtete im Projekt „Alt für Jung“.

Christina Kuhaupt

Reinhard Lehmann ist pensionierter Allgemeinmediziner. Er engagiert sich als Pate bei den Ambulanten Versorgungsbrücken in Bremen und berichtet im Interview von seiner Tätigkeit bei Ärzte ohne Grenzen.

Herr Lehmann, mit 67 sind Sie in Rente. Warum verbringen Sie diese Zeit nicht auf dem Golfplatz oder auf der Couch, wie vielleicht andere Kollegen, sondern an eher unruhigen Orten auf der Welt?

Reinhard Lehmann: Nichtstun war nie mein Ding. Ich war in meinem Leben immer viel unterwegs. Ich war für Ärzte ohne Grenzen im Osten des Kongos, in Baraka, um dort im Krankenhaus als Oberarzt mitzuarbeiten. Die Leute dort haben mich gleich respektiert, vom Alter her und auch, weil ich die dortige Sprache Suaheli kann.

Dann war das nicht Ihr erster Besuch in Afrika?

Nein, ich war schon 1980 für drei Jahre in Tansania.

Können Sie verstehen, dass Menschen skeptisch werden, wenn es um das Thema Entwicklungshilfe durch Nichtregierungsorganisationen geht?

Sehr gut. Man kann den Menschen in Entwicklungsländern nicht unsere Vorstellungen überstülpen. Die Debatte darüber, auch über Transparenz und Finanzierung, verfolge ich schon lange. Und habe mich immer sehr dafür interessiert. Schon als Student damals. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich irgendwann bei Ärzte ohne Grenzen beworben habe.

Beworben?

Ja, mit englischem Lebenslauf und zwei Stunden Vorstellungsgespräch auf Englisch. Auch Tropentauglichkeit habe ich mir dafür attestieren lassen müssen.

Voll belegt: Zwei Krankenhausbetten zur Zeit von Lehmanns Engagement im kongolesischen Krankenhaus.

Voll belegt: Zwei Krankenhausbetten zur Zeit von Lehmanns Engagement im kongolesischen Krankenhaus.

Foto: Thomas Walbröhl, Reinhard Lehmann

Von Ihrer Tätigkeit im Kongo haben Sie auch bei verschiedenen Vorträgen berichtet. An welches Ereignis erinnern Sie sich noch am besten?

Da ist sehr viel passiert. Ich habe sehr herzliche Menschen kennengelernt. Die sind einem auch ans Herzen gewachsen. Ich erinnere mich noch gut an einen Jugendlichen. Er war an Leukämie erkrankt. Seine Eltern haben sich mit ihm auf einen zwei Tage dauernden Marsch gemacht, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Aber wir Mediziner sind auch nicht allmächtig. Ich habe die Eltern behutsam über die tödliche Krankheit ihres Sohnes aufgeklärt. Da wir ihn nicht gesund machen konnten, habe ich ihnen die Option eröffnet, ihren Sohn nach Hause zu nehmen. Das konnten die kongolesischen Ärzte zunächst nicht verstehen. Das war dort ganz und gar unüblich. Aber die Eltern haben sich nach dem Gespräch herzlich bei mir bedankt, dass sie ihren Sohn im Kreis der Familie zuhause verabschieden konnten.

Hatten Sie dort häufiger mit hoffnungslosen Fällen zu tun?

Wir konnten nur die Schwerkranken aufnehmen. Sie müssen bedenken, dass wir dort 170 Betten hatten, für bis zu 400 Patienten, die fast immer auch einen Angehörigen dabei hatten, der sich um die Pflege kümmerte. Zum Beispiel Patienten mit einfacher Malaria konnten wir nicht stationär aufnehmen.

Sondern?

Also Menschen mit einfacher Malaria, die zwar Fieber hatten, aber noch selbstständig, also ohne Infusion, ihre Medikamente nehmen konnten, konnten wir nur ambulant behandeln. Denn wir hatten nicht ausreichend Platz. Unser Krankenhaus hatte ein Einzugsgebiet mit mehr als 300.000 Einwohnern.

Reinhard Lehmann war 9 Monate im Kongo um dort in einem Regierungskrankenhaus entwicklungshilfe zu leisten

Reinhard Lehmann war 9 Monate im Kongo um dort in einem Regierungskrankenhaus entwicklungshilfe zu leisten

Foto: Picasa und Thomas Walbröhl, Reinhard Lehmann

Wissen Sie, was daraus geworden ist?

Ich habe regelmäßig Kontakt zu den Kollegen und Freunden dort. Das Krankenhaus in Tansania, wo ich 1980 gearbeitet habe, habe ich 2005 noch einmal besucht, es gibt es noch. Allerdings ist dort nicht mehr annähernd so viel los wie seinerzeit. Es sieht jetzt sehr aufgeräumt und ordentlich aus.

Wie ist das zu erklären? Sind dort Malaria und die anderen Krankheiten oder Mangelerscheinungen deutlich zurückgedrängt worden?

Offiziell heißt es, dass die Leute dort mittlerweile einfach gesünder sind. Das ist natürlich wenig überzeugend. Meines Erachtens liegt es eher daran, dass die Behandlung nicht mehr kostenlos ist und etwa 10 bis 15 Dollar für eine Behandlung ausgegeben werden müssen, eine Summe, die die Menschen sich einfach nicht leisten können.

Wenn Sie dort als Allgemeinmediziner schwere Krankheitsbilder und schlimme Verletzungen behandelt haben, haben Sie vieles gesehen, was man so schnell nicht vergisst. Wie ist es dann, wieder in Deutschland anzukommen und wohlsituierte Patienten mit harmlosen Erkältungen zu betreuen?

Das liegt ja schon hinter mir. Meine Praxis in Verden habe ich nach über 40 Jahren im Beruf übergeben und mich in Bremen niedergelassen. Als ich zurückkam, war das nicht einfach für mich. Aber eher wegen der Langeweile. Ich bin zwar schon länger fördernd aktiv, etwa bei Ärzte gegen Atomkraft. Ich wollte mich gerne für Menschen engagieren, die nicht aus Deutschland stammen. Nach meinem Umzug nach Bremen bin ich zufällig bei den Ambulanten Versorgungsbrücken vorbeigekommen. Dabei wollte ich eigentlich nur einen gebrauchten Laptop für Geflüchtete spenden.

Und jetzt engagieren Sie sich hier und sind Mitglied geworden?

Ja. Ich habe die Möglichkeit bekommen, mich als Pate für Geflüchtete zu engagieren, in dem Projekt „Alt für Jung“.

Was machen Sie da?

Wir sprechen über Sitten und Gebräuche, Umgang mit Gesetzen, Stellung der Frau und die Beziehung zwischen den Geschlechtern in Deutschland. Ich begleite Geflüchtete bei Behördengängen, gehe mit zum Gesundheitsamt, beantrage Stromanbieterwechsel, gehe mit zu Ärzten, zu Wohnungsbesichtigungen, erkläre Formulare und bringe dem ein oder anderen Fahrradfahren bei. (lacht).

Wie oft machen Sie das?

So montags bis freitags etwa vier bis fünf Stunden am Tag sind es bestimmt.

Und das macht Ihnen Freude?

Ja. Den Menschen dabei zu helfen, hier richtig anzukommen.

Lässt sich damit mehr oder weniger erreichen, als durch Entwicklungshilfe mit den Ärzten ohne Grenzen im Entwicklungsland selber?

Beides ist sinnstiftend und abwechslungsreich. Man lernt neue Leute aus anderen Kulturkreisen kennen und schätzen. Was man damit dann objektiv bewirken kann, ist die eher grundsätzliche Frage nach dem Sinn von Entwicklungshilfe.

Und wie würden Sie darauf antworten?

Diese Debatte ist ja nicht neu. Die Arbeit in Entwicklungsländern sollte dort vor allem den Know-how-Transfer verbessern und im Bestfall Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen. Aber die Ursachen für Armut, Konflikte und auch Flucht liegen woanders. Auch im Kongo gibt es Medikamente, Bildungseinrichtungen und medizinische Versorgung. Allerdings können sich die Menschen das nach einem vernünftigen Standard dort nicht leisten, da sie schlecht oder unregelmäßig bezahlt werden oder keinen Verdienst haben, außer dem, was sie anbauen. Beispielsweise im Kongo, reich an Bodenschätzen wie Gold, Diamanten und Koltan. In den Koltanminen wird der Rohstoff für elektronische Geräte gewonnen mit Kinderarbeit zu Hungerlöhnen und unter unmenschlichen Bedingungen. Das landet auch bei uns. Das hat wirtschaftliche Gründe. Vieles der Erlöse aus den Rohstoffgeschäften landet bei Unternehmen, der kleinen Oberschicht oder bei Milizen, die die Menschen dort drangsalieren oder vergewaltigen. Die Folgen haben wir dann immer wieder auch im Krankenhaus gesehen. Wären sie dazu in der Lage, würden vermutlich noch viel, viel mehr Menschen hier bei uns Schutz suchen. Eines ist klar: Abschreckung durch stacheldrahtbewehrte Flüchtlingslager und Befestigung von Europas Außengrenzen ist kein zielführender Weg.

Wenn wir erst mal in Bremen bleiben. Was wäre denn hier ein richtiger Weg?

Auch hier ist Hilfe zur Selbsthilfe ein vielversprechender Ansatz. Dazu gehört natürlich, vor allem Neuankömmlinge mit der deutschen Sprache und mit unserer Verwaltung und unserem Formularwesen im Alltag vertraut zu machen. Zum Beispiel hier bei den Ambulanten Versorgungsbrücken. Hier kümmern sich auch Leute um die Menschen, die oft auf ihrer Flucht Schlimmes erlebt haben. Solche Paten werden wieder dringend gesucht. Es gibt eine lange Warteliste an Neubremern, die sich Unterstützung durch einen Mentor/Paten wünschen.

Sie sind auch so ein „Alt für Jung Pate“. Aber für die nächsten Monate muss man hier wieder ohne Sie auskommen. Kaum sind Sie mal ein paar Monate in Bremen, packen Sie auch schon wieder Ihre Koffer, diesmal für Nepal. Ist das wieder die Unruhe?

Eine Portion Abenteuerlust gehört dazu, Neugierde und der Wunsch andere Menschen kennenzulernen. Außerdem sind es ja diesmal nur drei Monate, die ich weg bin.

Wieder in medizinischer Mission?

Genau. In einem abgelegenen Dorfkrankenhaus werde ich bei der Versorgung von Einheimischen mithelfen. Die Einrichtung ist das ganze Jahr lang in Betrieb, aber nur die Hälfte der Zeit ist Unterstützung aus dem Ausland vor Ort. Organisiert wird das von der Bremer Initiative Brepal. Wir gehen von 100 Patienten täglich aus.

Das Gespräch führte Thomas Walbröhl.

Zur Person:

Zur Person

Reinhard Lehmann, 67, ist pensionierter Allgemeinmediziner. Er engagiert sich als Pate bei den Ambulanten Versorgungsbrücken in Bremen. Nachdem er seine Praxis in Verden vor zwei Jahren an einen Nachfolger übergeben hat, ist er wieder nach Bremen gezogen. Von hier aus zieht es ihn regelmäßig in Länder mit schlechter medizinischer Grundversorgung, um dort Entwicklungshilfe zu leisten. Er war bereits neun Monate im Kongo und drei Jahre in Tansania.
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