Schulwahl in Bremen Einige Schulen leiden unter Vorurteilen

Bremen. Es gibt Schulen in Bremen, wo die Nachfrage nach einem Platz doppelt so groß ist wie das Angebot. Und es gibt Schulen, die gerade ein Drittel ihrer Plätze besetzen können. Diese Unterschiede haben viel mit dem Ruf der Einrichtungen zu tun.
13.03.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Einige Schulen leiden unter Vorurteilen
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Es gibt Schulen in Bremen, wo die Nachfrage nach einem Platz doppelt so groß ist wie das Angebot. Und es gibt Schulen, die gerade einmal ein Drittel ihrer Plätze besetzen können. Diese Unterschiede haben viel mit dem Ruf der Einrichtungen zu tun. Und dieser Ruf ist in manchen Fällen schon längst überholt.

Die Eltern von 3724 Kindern hatten kürzlich die Wahl. So viele Viertklässler werden ab dem kommenden Schuljahr in Bremen eine weiterführende Schule besuchen. Das Bremer Schulgesetz sieht vor, dass Eltern sich die Schule für ihr Kind im Prinzip aussuchen können. Drei Wunschschulen können sie dazu angeben. Es gibt Regelungen, damit Kinder, die in der Nähe einer Schule wohnen, dort bevorzugt aufgenommen werden. Das Ergebnis der sogenannten Anwahlen zeigt aber dennoch vor allem eines: Welche Schulen einen besonders guten Ruf genießen und welche einen besonders schlechten.

Die Psychologie entscheidet

Was die Wahlergebnisse aber nicht zwangsläufig zeigten, sei, wie gut eine Schule tatsächlich ist, sagt Andrea Spude, Vorstandssprecherin des Zentralelternbeirats Bremen (ZEB). "Das ganze Wahlverfahren hat viel mit Psychologie zu tun - und mit Vorurteilen", sagt sie. "Viele Eltern halten das Gymnasium nach wie vor für die beste Schulform für ihr Kind - auch wenn es vielleicht keine Gymnasialempfehlung hat", so Spude. In diesen Fällen ist es die Schulform an sich, die einen guten Ruf und das Vertrauen der Eltern genießt.

Alarmierender ist aus Sicht der Elternvertreterin - und auch aus Sicht der Bildungsbehörde - jedoch, dass es auch unabhängig von der Schulform gravierende Unterschiede bei den Anwahlzahlen gibt. Die Gesamtschule West etwa hatte für das kommende Schuljahr 81 Plätze zur Verfügung - und mehr als doppelt so viele Anmeldungen. Bei der zu Beginn der Schuljahres neu gegründete Oberschule am Barkhof war die Quote ähnlich hoch. 59 Plätzen standen insgesamt 106 Anwahlen gegenüber. Und die Gesamtschule Ost kommt immerhin auf 171 Anmeldungen bei 126 Plätzen.

"Es spielen ganz verschiedene Kriterien bei der Entscheidung eine Rolle", sagt Andrea Spude. So sei zum Beispiel die Lage der Schule ein Faktor. Das vermeintlich schlechte Umfeld, der vermeintlich unsicherere Schulweg. Oder die größere Entfernung zum Zentrum - ein Luxusproblem eines Stadtstaats, in dem man kurze Wege gewohnt sei. "Viele Eltern wünschen sich außerdem, dass ihre Kinder auch weiterhin mit ihren Freunden in die Schule gehen ", nennt Spude ein weiteres Kriterium.

Und dann gibt es da noch ein viel größeres Problem für einige schlecht angewählte Schulen: Ihr Ruf. "Viele Eltern geraten unter Druck, wenn sie von anderen Eltern hören: ,Dahin kannst du dein Kind schicken - dorthin aber auf gar keinen Fall.'", berichtet Spude. Diese Schulen mit problematischem Ruf lassen sich anhand der Anwahlzahlen relativ einfach identifizieren. Und auch die Bildungsbehörde tut genau das. "Wir müssen die Zahlen genau analysieren und schauen, wo etwas verbessert werden kann und wo wir den Schulen vielleicht helfen können", sagt Sprecherin Karla Götz. Welche Schulen einen schlechten Ruf haben, dazu äußert sich die Bildungsbehörde bewusst nicht.

Doch wie kommt gegen einen schlechten Ruf an, der sich durch das Hörensagen im Elternkreis jedes Jahr aufs Neue manifestiert? Laut Karla Götz sind es teilweise schon Kleinigkeiten, die dabei helfen können. "Manchmal macht es schon viel aus, wie es aussieht, wenn man in eine Schule kommt, ob dort Schülerarbeiten interessant präsentiert werden", sagt sie. In einigen Schulen habe diese Präsentation Galeriequalität, in anderen Schulen sehe die Behörde da durchaus noch Verbesserungspotenzial

Einige Schulen werden verkannt

"Wenn es den Schulen gelingt, zu vermitteln, dass sie sich um die Schüler kümmern, dass sie Angebote machen, die andere nicht haben, dann haben sie vielleicht eine Chance, ihren Ruf loszuwerden", sagt Andrea Spude. Doch sie berichtet auch, dass es gerade die Schulen mit einem schlechten Leumund besonders schwer haben, die Eltern mit ihren Informationsabenden auch zu erreichen - und dass es in Bremen durchaus Einrichtungen gibt, die sich schon auf diesen Weg gemacht haben.

"Einige Schulen in Bremen sind völlig verkannt", sagt Spude und nennt als Beispiel die Wilhelm-Focke-Oberschule. "Es gibt dort eine neue Leitung, eine gute Schulstruktur, ein engagiertes Kollegium - alle Eltern, mit denen ich gesprochen habe, sind hoch zufrieden mit der Schule", sagt sie, "doch sie hat aus der Vergangenheit einen schlechten Ruf - und der wird von vielen leider als Maßstab herangezogen." Die Folge: Die Anwahlzahlen sind in diesem Jahr zwar höher als in den Vorjahren, und auch der Anteil der Schülers steigt, die über dem Regelstandard liegen. Dennoch blieb ein Großteil der Plätze unbesetzt.

"Man kann eigentlich nur an die Eltern appellieren, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen und nicht auf das zu hören, was über die Schulen gesagt wird", sagt Andrea Spude, "denn letztlich ist auch einer guter Ruf einer Schule zementiert - und muss so unter Umständen gar nicht mehr stimmen."

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