Hohehorst zog Scharen von Besuchern beim Tag des offenen Denkmals/Zeitzeugen in der Baracke Wilhelmine Einmal einen Blick ins Herrenhaus werfen

Löhnhorst·Neuenkirchen. "Wir stehen hier auf dem früheren 'pleasure ground', der von einen Kastanienallee umsäumt ist. Heute wird er als Sportplatz genutzt." Mehrere Hundert Besucher lauschen auf dem Rasen den Worten von Hans-Werner Liebig. Vor ihnen erhebt sich das imposante Gebäude des früheren Herrenhauses Hohehorst. Liebig erzählt von untergegangener Pracht: von Marmor, über den die Herrschaften ihren Fuß setzten und von Sandstein-Skulpturen, die den Park schmückten. Die vier Plastiken auf der großen Terrasse sind nur ein schwacher Abglanz der Pracht vergangener Zeiten.
12.09.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gabriela Keller

Löhnhorst·Neuenkirchen. "Wir stehen hier auf dem früheren 'pleasure ground', der von einen Kastanienallee umsäumt ist. Heute wird er als Sportplatz genutzt." Mehrere Hundert Besucher lauschen auf dem Rasen den Worten von Hans-Werner Liebig. Vor ihnen erhebt sich das imposante Gebäude des früheren Herrenhauses Hohehorst. Liebig erzählt von untergegangener Pracht: von Marmor, über den die Herrschaften ihren Fuß setzten und von Sandstein-Skulpturen, die den Park schmückten. Die vier Plastiken auf der großen Terrasse sind nur ein schwacher Abglanz der Pracht vergangener Zeiten.

Hohehorst, der ehemalige Landsitz der Bremer Fabrikanten-Dynastie Lahusen, erlebte gestern beim Tag des offenen Denkmals einen Besucheransturm. Hunderte nutzten die Gelegenheit, einen Blick nicht nur auf sondern auch ins Herrenhaus zu werfen. Zum Denkmal-Tag war die Halle des Gebäudes zu besichtigen, das der renommierte Baumeister Otto Blendermann 1928/29 für die Lahusens erbaut hatte.

"Der baute auch das Bremer Goethe-Theater und das Blumenthaler Rathaus", erzählte Hans-Werner Liebig. Der engagierte Hobby-Historiker aus Löhnhorst war gestern ein gefragter Mann. Eine Gruppe nach der anderen führte er über das Gelände. In der von ihm aufgebauten Ausstellung zur Hohehorst-Geschichte musste er Fragen um Fragen beantworten.

Im rechten Torhaus drängten sich Besucher vor Wänden und Stellwänden. Historische Fotos, Zeitungsartikel und andere Dokumente ließen die bewegte Geschichte des Anwesens Revue passieren-vom Lahusen-Sommersitz, der Zwangsversteigerung und späteren Übernahme durch die Nazis als "Lebensborn"-Heim zur Tuberkulose-Heilstätte nach dem Krieg, dann Fachkrankenhaus und seit 1982 Drogen-Therapiezentrum. Eine Historie, die auch 17 Schüler der Oberschule Lerchenstraße aus Bremen-Aumund faszinierte. Der Geschichtsleistungskurs hatte dafür sogar den schulfreien Sonntag geopfert. Christian Thate besichtigte Ausstellung und Anwesen zum ersten Mal. Ihn interessiert, "was hier passiert ist und unter welchen Umständen." Wie er hörte auch Mitschülerin Alina Rodiek zum ersten Mal, dass im Herrenhaus ein "Lebensborn"-Heim untergebracht war. "Das ist noch immer ein sehr unbekanntes Thema", meint die Schülerin.

Die Geschichte des Hauses kannte der Leuchtenburger Ulrich Lück bereits. Ihn reizte gestern ein Blick in das Gebäude. "Das wollte ich immer schon mal sehen." Was den Bauunternehmer betrübte: "der Kontrast zwischen der Schönheit des Gebäudes und der jetzigen Nutzung. Es verkommt alles." Aus dem Gebäude lasse sich etwas machen, ein Restaurant vielleicht. "Das Haus hat ähnliche Klasse wie das Parkhotel-wenn man es wieder herrichtet". Für den "touristischen, geschichtlichen und baulichen Erhalt" von Herrenhaus und Park setzt sich auch Liebig ein. Zum Denkmaltag legte er Unterschriftenlisten aus, viele Besucher trugen sich ein.

In Neuenkirchen stand gestern auch die Tür der "Baracke Wilhelmine" offen. So voll wie in Hohehorst war es zwar nicht, in den Ausstellungsräumen war aber immer ein Kommen und Gehen. Irmgard und Heinz Brägelmann fuhren sogar 130 Kilometer, um die Gedenkstätte zu besichtigen. Das Ehepaar aus Löningen bei Cloppenburg war im vergangenen Jahr schon mal vor Ort. "Damals besuchten wir den Bunker in Farge und wollten auch die Baracke besichtigen. Aber die war da gerade zu", erzählt Heinz Brägelmann. Der 74-Jährige kennt die Örtlichkeiten aus Bundeswehr-Zeiten in Bremen. "Damals waren wir öfter auf dem Truppenübungsplatz. Aber was früher hier gewesen war, davon habe ich nichts gewusst." Adele Kipka schon - die 96-Jährige ist eine Zeitzeugin. Nach Kriegsende 1945 lag sie mit Typhus im evangelischen Hospital. "In der Baracke Johanna - die war mit Stacheldraht eingezäunt. Da kamen Patienten mit ansteckenden Krankheiten hin." Die Baracke durfte sie nicht verlassen. "Besucher mussten hinter den

Fenstern stehen", erinnert sich die alte Dame. Am 5. Juli 1945, einen Tag vor ihrem 30. Geburtstag, wurde sie entlassen. Gestern, zum Tag des offenen Denkmals, war sie nach 65 Jahren zum ersten Mal wieder auf dem Gelände.

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