Zahl der Unfälle mit jungen Verkehrsteilnehmern in Bremen-Nord in den vergangenen Jahren gestiegen

Einsatz zum Schutz der Kinder

Bremen-Nord. Die Ampel springt auf Rot.Laut Verkehrsunfallstatistik der Polizei verunglückten in der Stadtgemeinde Bremen in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 867 Kinder bei Verkehrsunfällen. Einen Höchststand gab es 2011 und 2014 mit jeweils 192 Kindern.
24.08.2016, 00:00
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Von GABRIELA KELLER
Einsatz zum Schutz der Kinder

Kontaktpolizist Bernfried Kaufmann malt gemeinsam mit Schulkindern in St. Magnus gelbe Füße auf das Pflaster.

Christian Kosak

Bremen-Nord. Die Ampel springt auf Rot. Linus reagiert sofort. Der kleine Bobby-Car-Fahrer stemmt seine Beine auf den Boden und bremst. Geduldig wartet der Junge in seinem kleinen blauen Flitzer, bis er wieder grünes Licht bekommt. Schon geht es weiter auf dem Parcours.

Laut Verkehrsunfallstatistik der Polizei verunglückten in der Stadtgemeinde Bremen in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 867 Kinder bei Verkehrsunfällen. Einen Höchststand gab es 2011 und 2014 mit jeweils 192 Kindern. 2015 sank die Zahl bremenweit auf 175. Ein Abwärtstrend, der Bremen-Nord bisher nicht erreicht hat.

Die Polizei verzeichnet für den Norden der Hansestadt seit 2013 steigende Unfallzahlen bei Kindern. Vor drei Jahren verunglückten 30 Kinder im Straßenverkehr, 2014 waren es 42 und im vergangenen Jahr 50 Kinder. Das entspricht fast dem Höchststand vom Jahr 2011. Damals waren laut Polizeistatistik 51 Kinder an Verkehrsunfällen in Bremen-Nord beteiligt.

Auf dem Spielplatz hinter dem Kinderhaus Lesum lernen 20 Mädchen und Jungen an diesem Tag spielerisch das richtige Ver­halten im Straßenverkehr. Die Kfz-Innung Bremen hat dem von einem Elternverein ­getragenen Kindergarten an der Börde­straße ein Ausstattungspaket mit zwei Bobby-Cars, Mini-Ampeln, Verkehrsschildern, leuchtend gelben Warnwesten und Bären-Blinkis ­spendiert.

Seit fünf Jahren beteiligt sich die Innung an der Aktion „Safety Cars für Safety Kids“ des Zentralverbandes des deutschen Kfz-Gewerbes. Schulen und Kindergärten werden bei der Verkehrserziehung unterstützt. „Wir haben uns für Kindergärten entschieden, weil die Verkehrserziehung nicht früh genug anfangen kann“, erklärt der Bremer Innungsbeauftragte Thorsten Brändle. Drei Kindergärten bekommen jeden Jahr ein Sicherheitspaket geschenkt. „Wir versuchen, jeden Stadtteil zu berücksichtigen.“

Die Verkehrserziehung macht den Kindern Spaß. In Lesum können sich Brändle, Ralph Orléa vom Vorstand der Kfz-Innung und Helmut Kronschnabel vom gleichnamigen Kfz-Betrieb davon überzeugen. Die Mädchen und Jungen vom Kinderhaus drehen begeistert ihre Runden mit den neuen Bobby-Cars. „Die Ampeln mit den Lichtfunktionen finden alle spannend“, erzählt Kindergarten-Leiterin Christiane Thielking. Mit dem neuen Sicherheitspaket werden die Kinder demnächst häufiger das richtige Verhalten im Straßenverkehr üben. Verkehrserziehung gehört im Kinderhaus zum Programm. „Mit angehenden Schulkindern gehen wir zum Ende eines Kindergarten-Jahres durch die Straßen. Die Kinder lernen dabei, auf die Verkehrsschilder zu achten und was sie bedeuten.“

Auf dem Parcours stoppt die rote Ampel die Bobby-Car-Flitzer. Dafür leuchtet ein grünes Männchen. „Ihr dürft jetzt über die Straße gehen“, erklärt Bernfried Kaufmann drei wartenden Mädchen. Der Kontaktpolizist aus St. Magnus begleitet an diesem Vormittag die Innungsaktion am Kinderhaus. Kaufmann und seine zwölf Kop-Kollegen in Bremen-Nord können von Kindergärten und Schulen für den Verkehrsunterricht eingeladen werden. „Wir vermitteln den Kindern erst einmal einfachste Grundlagen wie die Bedeutung der Ampelfarben, wo sie mit dem Rad fahren dürfen und wie sie sich an einem Stoppschild verhalten müssen“, erklärt Kaufmann.

Um die Verkehrserziehung in Kindergärten und Schulen kümmern sich bei der Polizei die Kontaktpolizisten der jeweiligen Reviere. Koordiniert und unterstützt werden die Aktionen von Verkehrssicherheitsberatern im Präventionszentrum der Polizei am Wall. Markus Böhncke gehört zum Team. Die Verkehrserziehung starte mit der Rollimobil-Ausbildung in Kindergärten, erklärt der Mitarbeiter des Präventionszentrums. „Beim Fahren mit dem Roller auf einem Parcours lernen die Kinder einfachste Verkehrsregeln kennen.“ Unterstützt werde die Polizei durch die Landesverkehrswacht Bremen oder den ADAC, die den Parcours mit Mini-Ampeln und Schildern zur Verfügung stellen.

Von den 50 Kindern, die im vergangenen Jahr in Bremen-Nord im Straßenverkehr verunglückten, waren 34 mit dem Fahrrad unterwegs. Die Polizei legt ihr Augenmerk bei der Verkehrserziehung deshalb auch auf die Radfahrausbildung. An Grundschulen können Viertklässler den Fahrradführerschein erwerben. In Theorie und Praxis lernen die Schüler, wie sie sich mit dem Rad im Straßenverkehr richtig verhalten. „Die Kontaktpolizisten nehmen zum Abschluss die Prüfung ab und kontrollieren auch die Verkehrssicherheit der Fahrräder.“

Damit Schüler sicher zur Schule kommen, bietet die Polizei auch die Aktion „Gelbe Füße“ an. Der St. Magnuser Kontaktpolizist Bernfried Kaufmann begleitete erst jüngst eine Aktion an der Grundschule an der Richthofenstraße. Dort pinselten Schüler gelbe Fußstapfen auf die Gehwege, als Orientierungshilfe für den sicheren Weg zur Schule. Am Donnerstag richtete die Schule einen Verkehrssicherheitstag aus. Auf dem Gelände der Jacobs University erfuhren Schüler beim Praxistest in der Fahrerkabine eines Lastwagens auch, wie gefährlich der „Tote Winkel“ ist.

Die Grundschule unternimmt eine Menge dafür, dass ihre Schüler sicher zur Schule kommen. „Zu Beginn jedes Schuljahres kommt der Kontaktpolizist an unsere Schule, damit die Kinder ihn kennenlernen“, erzählt Schulleiterin Andrea Frantzen. Der Kop ist oft auch dabei, wenn die Erstklässler gemeinsam den Schulweg ablaufen. Der Fahrradführerschein ist fester Bestandteil der Verkehrserziehung. Gerade erst sind die Haltestellen für den Schulexpress erneuert worden. Hier sammeln sich Schüler und gehen gemeinsam zur Schule.

Jetzt hat die Schule zusammen mit dem Präventionszentrum der Polizei Bremen eine neue Aktion angeschoben. Ein Elternlotsen-Projekt ist im Aufbau. Nach dem Vorbild der Schülerlotsen wollen Eltern die Kinder vor Schulbeginn und nach dem Unterricht sicher über die Straße leiten. „Die Richthofenstraße ist sehr stark befahren. Hinzu kommt, dass manche Eltern direkt vor der Schule parken, dadurch könnten Kinder gefährdet werden“, erklärt die Schulleiterin.

Das Präventionszentrum der Polizei hat ein Konzept für das Projekt erarbeitet, führt Schulungen mit den Eltern durch. Gertrud Weingarten betreut die Aktion auf Lehrerseite. „Zwölf Eltern sind bereits geschult worden. Außerdem haben wir zehn weitere Anmeldungen von Eltern aus den neuen ersten Klassen.“

In die Verkehrserziehung für Kinder bringt sich auch die Verkehrswacht Bremen-Nord ein. Wenn auch nicht mehr mit eigenen Aktionen. „Zurzeit läuft da bei uns nichts“, sagt der Vorsitzende Volkmar Eichinger. Die Zeiten, als der Verein auf dem Verkehrsübungsplatz am Pürschweg in Blumenthal noch Fahrradtrainings für Kinder und andere Veranstaltungen anbot, sind nach seinen Worten vorbei. Der Verkehrswacht Bremen-Nord mit ihren rund 30 Mitgliedern, darunter etwa zehn Aktive, mangele es dafür an ehrenamtlichen Helfern.

„Wir konzentrieren uns jetzt auf das Verkehrstraining für Auto- und Motorradfahrer.“ Ganz rausgezogen aus der Verkehrserziehung für die Jüngsten haben sich die Nordbremer aber nicht. „Wir finanzieren Unterrichts- und Sachmaterialien für Kindergärten und Schulen, die wir von den Kontaktpolizisten verteilen lassen.“ So spendiere die Verkehrswacht jedes Jahr gelbe Sicherheitsüberwürfe. Im vergangenen Jahr waren es laut Eichinger rund 800. „In diesem Jahr werden rund 600 verteilt.“

„Manche parken vor der Schule, dadurch könnten Kinder gefährdet werden.“ Schulleiterin Andrea Frantzen
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