Coffee-to-go Einwegbecher in der Kritik

Der Kaffeebecher für Unterwegs ist ein Symbol für den achtlosen Umgang mit Ressourcen. So sehen es die Umweltschützer. Sie werben jetzt für Mehrweg-Systeme und treffen dabei auf erbitterten Widerstand.
03.09.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Niklas Golitschek und Anne-Beatrice Clasmann

Früher war es die Plastiktüte, heute ist es der Kaffeebecher für Unterwegs: Ein Symbol für den achtlosen Umgang mit Ressourcen. So sehen es zumindest die Umweltschützer. Sie werben jetzt für Mehrweg-Systeme und treffen dabei auf erbitterten Widerstand.

Wer morgens auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee zum Mitnehmen kauft, tut dies meist ohne schlechtes Gewissen. „Viele denken, dass der Einwegbecher aus Papier und damit kompostierbar ist“, sagt Umweltschützer Sönke Hofmann, Geschäftsführer beim Naturschutzbund (Nabu) in Bremen. Weil die Becher beschichtet seien, blieben sie jedoch lange in der Umwelt und belasteten sie. Außerdem landen die meisten Kaffeebecher nicht in der gelben Tonne, sondern in öffentlichen Abfalleimern und werden dann verbrannt.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat jetzt eine Rangliste der umweltfreundlichsten Transportbehälter für den Unterwegs-Kaffee veröffentlicht. Auf Platz eins steht der Mehrwegbecher, gefolgt vom Einweg-Pappbecher mit Recyclinganteil und Bioplastik-Beschichtung. Die schlechtesten Noten bekommen doppelwandige „Komfort-Becher“, die mehrfach-beschichtet sind, damit der Kaffee lange heiß und die Hand des Kunden möglichst kühl bleibt. Der Deckel lässt die Umweltbilanz noch schlechter aussehen.

320.000 Einwegbecher pro Stunde

Die meisten Coffee-to-go-Becher gehen übrigens nicht in den Shops großer Ketten wie Starbucks über die Theke, sondern in Bäckereien. Stündlich werden laut DUH etwa 320.000 Einwegbecher verbraucht. Allein mit der Energie, die zum Herstellen der Wegwerfbehälter benötigt wird, ließe sich eine Kleinstadt versorgen. Hinzu kämen tonnenweise Rohstoffe wie Wasser oder Holz und Kunststoff, für dessen Produktion Rohöl verbraucht wird.

Es gibt allerdings nicht nur Anhänger. „Wenn der Kunde seinen mitgebrachten Porzellanbecher der Servicekraft zum Auffüllen über die Theke reicht, dann wird es bedenklich“, sagt der Leiter der Lebensmittelüberwachung der Stadt Köln, Roland Braun. Aus seiner Sicht wäre das ein Verstoß gegen die Hygienevorschriften. Er sagt: „Wenn einer unserer Kontrolleure das sieht, dann wird er den Geschäftsinhaber ermahnen.“ Sollte das nicht fruchten, drohe ein Bußgeld.

Braun malt die Situation in Ekel-Farben aus: „Stellen Sie sich mal vor, da zieht jemand den Becher aus seiner Tasche, in der auch ein benutztes Taschentuch und ein Leckerli für den Hund liegen.“ Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbandes, Holger Preibisch, warnt vor einer „Verkeimung“ der Kaffeemaschinen.

Mehrweg-Idee findet im Senat Anklang

Eine Alternative zum eigenen Becher wären nach Ansicht der DUH Mehrweg-Pfandsysteme einzelner Kaffee-Anbieter. Oder noch besser: ein Becher, der von Filialen verschiedener Ketten akzeptiert und für die Wiederverwertung gereinigt würden. Um die Coffee-to-go-Verkäufer für diese Idee zu gewinnen, wäre nach Ansicht von DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch beispielsweise eine Abgabe auf die Wegwerfbehälter hilfreich. Ein Verbot für Einwegbecher sei aus EU-rechtlichen Gründen nicht möglich. Dass der Preis für das Lieblingsgetränk der Deutschen dadurch steigen würde, glaubt er nicht.

Die Mehrweg-Idee, die unter anderem vom Nabu und von der Initiative „Carry your Cup“ propagiert wird, findet auch beim Bremer Senat für Umwelt, Bau und Verkehr Anklang, sagt Sprecherin Gudrun Eiden. Von einer „enormen Zunahme“ der To-go-Becher ist die Rede. Um mit den Müllmassen fertig zu werden, stünden in belebten Gegenden wie der Obernstraße große Abfalleimer, abends und wochenends werde zusätzlich gereinigt. Eine Pfandregelung, wie sie Umweltschützer und auch Politiker fordern, sei durchaus sinnvoll. Aber nur bundesweit und nicht auf kommunaler Ebene umsetzbar.

Auch der BUND Bremen schließt sich den Forderungen der DUH an. „Die Pappbecher sind ein Riesenproblem geworden“, sagt Katja Muchow, Leiterin für Klima- und Umweltschutz bei der Organisation. Die Wegwerfbehälter landeten – ebenso wie Tüten und Flaschen aus Plastik – oft auch in der Weser und kämen so bis in die Nordsee. Das belaste die Umwelt und sei für die Tiere, die den Abfall für Fressen halten, gefährlich. Wie es besser geht, zeigt laut Muchow der Bremer Weihnachtsmarkt: Mit Mehrwegbehältern und einem Pfandsystem werde die Umwelt geschont. „So ein Konzept könnte man sich auch bei Kaffeebechern für Bremen überlegen“, sagt sie. Es wäre nicht nur Imagegewinn für die Verkäufer, sondern würde auch das Verbraucherbewusstsein weiter erhöhen.

Für ihre Idee einer 20-Cent-Abgabe auf jeden Kaffeebecher erhoffen sich die Aktivisten Rückenwind aus dem Bundestag. Beim Kaffeeverband stößt der Vorschlag jetzt schon auf erbitterten Widerstand. Er argumentiert: „Im Sinne der Gleichbehandlung müssten nicht nur Einwegbecher, sondern auch sämtliche anderen Einwegverpackungen wie zum Beispiel Bäckertüten, Pizzakartons, Erdbeerschalen, Imbiss-Schalen und Ähnliches von einer Besteuerung erfasst werden.“

Von der Tasse zum Pappbecher

Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von jährlich 162 Litern (2014) ist Kaffee das Lieblingsgetränk der Deutschen. Rund 40 Prozent des Kaffees wird in Deutschland außer Haus konsumiert. Schon um 1670 hatte hierzulande das erste Kaffeehaus den exotischen Genuss angeboten, und das Heißgetränk begann seinen Siegeszug. In gehobenen Gesellschaftskreisen war der Besuch eines gepflegten Cafés ein Muss.

Etwa um das Jahr 2000 begannen Kaffeeliebhaber zunehmend, für etwas Zeitersparnis auf Komfort zu verzichten – die traditionelle Kaffeehauskultur wurde durch eine wachsende Zahl von Cafébars und „Coffee-to-go-Shops“ abgelöst. Mittlerweile kommen Starbucks, Balzac, Coffeeshop Company, Campus Suite, San Francisco Coffee Company und andere Unternehmen auf bundesweit rund 1500 Kaffeebars. Dazu kommt das Coffee-to-go-Angebot von herkömmlichen Cafés, Bäckereien, Kiosken und Tankstellen.

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