Interview

„Einzigartige Vielfalt an Menschen“

Reemt Janssen, 34, ist Lehrer an der Gesamtschule Bremen Mitte (GSM) und kam 2002 aus Wittmund nach Bremen. Wir haben ihn als "Zugezogenen" gefragt, was für ihn das Besondere am Viertel ist.
19.08.2016, 15:28
Lesedauer: 6 Min
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Von Annika Mumme

Reemt Janssen, 34, ist Lehrer an der Gesamtschule Bremen Mitte (GSM) und kam 2002 aus Wittmund nach Bremen. Wir haben ihn als "Zugezogenen" gefragt, was für ihn das Besondere am Viertel ist.

Was ist Ihr Lieblingsplatz in der Östlichen Vorstadt, Herr Janssen?

Reemt Janssen: In der Nähe des Wassers, an der Weser. Manchmal ein bisschen weiter raus, Richtung Erdbeer-Brücke, da bin ich am liebsten.

Sie kommen aus Wittmund. Sind Sie wegen des Studiums nach Bremen gezogen?

Durch den Zivildienst hatte ich Bremen kennengelernt. Ich fand die Stadt sehr spannend, aber auch der Studiengang hat mich sehr interessiert. Aber Bremen ist schon meine Stadt. Es liegt am Wasser, hat viel Grün, schöne Häuser und die Menschen sind sehr entspannt. In Bremen sind die Menschen anders, sie haben nicht viele Worte zu verlieren. Das ist so ehrlich. Ich habe nie bereut, hergekommen zu sein. Wenn ich hier je wieder weggehen würde, dann höchstens, weil ich im Ausland unterrichten würde. Ich wohne hier im Stadtteil – allerdings auch noch nicht so lange. Seit circa zweieinhalb Jahren wohne ich im Fesenfeld, davor habe ich in der Neustadt gewohnt. Es hat erst einmal etwas gedauert, bis ich mich im Viertel eingelebt hatte. Die Neustadt ist weitläufiger. Aber ich fühle mich jetzt sehr wohl hier und finde den Stadtteil sehr liebenswert.

Was genau motivierte Sie zu Ihrer Berufswahl?

Das ist schon sehr persönlich, weil ich seit 34 Jahren mit dem Thema Behinderung zu tun habe. Ich habe eine Schwester mit Trisomie 21. Eine tolle Schwester, durch die ich eine andere Perspektive gewonnen habe. Und durch das Studium wurde meine Sichtweise, die ich schon hatte, noch einmal wissenschaftlich unterstützt.

Ist die GSM ein gutes Beispiel für eine „Inklusive Schule“?

Wenn es bereits eine „Inklusive Schule“ wäre, bräuchte es das Wort „inklusiv“ nicht mehr. Das ist ja eben die Krux der Begriffsentwicklung. Einen Fortschritt gab es allerdings bereits: Vorher war von „Integration“ die Rede, jetzt von „Inklusion“. Es hat also ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Inklusion schließt alle Kinder mit ihren Individualitäten ein und es wird nicht von einer „normalen“ Menge ausgegangen, in die eine bestimmte „anormale“ Menge Kinder erst integriert werden muss. Es soll ja im besten Falle so sein, – das Idealbild von Schule – dass von vornherein klar ist, dass wir alle verschieden sind. Denn die Vielfalt, die wir alle zusammen haben, die ist kostbar und gut.

Sie sagen bewusst, dass alle verschieden sind und nicht: „Wir sind alle gleich“. Warum?

Wir sind zwar alle Menschen; das ist das, was uns alle vereint. Aber nichtsdestotrotz hat jeder von uns seine individuellen Stärken, Schwächen, Vorlieben und Neigungen.

Wie, finden Sie, wird Inklusion in Bremen – im Steintor – vergleichsweise umgesetzt?

Bremen ist zahlenmäßig Vorreiter für Inklusion. Auf den Stadtteil bezogen, verändert Inklusion diesen auch, sollte sie zumindest. Zum Beispiel sollten bestimmte Informationen wie Straßenbahnpläne für alle „verstehbar“ sein: durch Tonaufnahmen, leichtere, verständlichere Sprache, Brailleschrift, Gebärdensprache. Das Thema Barrierefreiheit ist auch in Bezug auf die Gesellschaft wichtig. Das Viertel erlebe ich da schon sehr offen, dadurch, dass hier eine sehr gemischte Bevölkerung ist. In der Schule sind wir auf dem besten Weg dahin.

Als Kollegium machen wir uns viele Gedanken darum, wie inklusiver Unterricht funktionieren kann. Die Grundbedingungen hierfür haben wir durch unsere Säulen geschaffen; durch das individualisierte Lernen. Es sollte allerdings auch noch einmal betont werden, dass, auch wenn die Kinder Individuen sind, sie dennoch alle gemeinsam Dinge erleben, in Gruppen- oder Partnerarbeit. Es wird nur eben auf jedes Kind einzeln eingegangen. Individualisierung heißt nicht, dass die Kids nichts zusammen machen.

Arbeitet die Schule mit dem Stadtteil zusammen?

Es wäre schön, wenn wir bei Projekten noch enger mit dem Stadtteil verzahnt wären. Wir versuchen auch jetzt schon, Menschen aus dem Stadtteil mit einzubeziehen. Beispielsweise haben wir bei dem Thema „Zimmerwetter“ den BUND mit einbezogen, der ja auch hier im Stadtteil sitzt. Es ließen sich sehr gut Firmen, wie zum Beispiel eine Tischlerei oder Architekten bei mathematischen Themen einbeziehen. Warum nicht auch einen Seemann aus dem Bootsverein hier an der Weser zum Thema „Kurs bestimmen“ an Bord holen?

Es gibt aber auch Projekte, die für den Stadtteil arbeiten. Zum Beispiel das prämierte Projekt „Jung&Alt“ im achten Jahrgang. Da sind die Kinder in Altersheime gegangen und haben dort mitgeholfen. Flüchtlingsprojekte werden auch initiiert. Vieles davon findet auch stadtteilübergreifend statt. Aber auch bestimmte Themen aus der Östlichen Vorstadt werden in der Schule besprochen; so wird darüber gesprochen, wenn hier etwas gebaut werden soll. Oder die Kinder erzählen davon, dass sie auf der Breminale waren. Das fließt schon auch in den Unterricht ein. Der SV Werder Bremen ist auch immer ein großes Thema. Der Stadtteil ist stets präsent.

Wie leben die Kinder, die Sie begleiten, ihren Alltag?

Das „Tanzwerk Bremen“ im Kulturzentrum Lagerhaus, hier im Stadtteil, bietet ein inklusives Tanzprojekt an: „Die Anderen“ heißt das. Da wird Inklusion gelebt, weil da ganz vielfältige Kinder tanzen; also Tanztheater für Kinder und Jugendliche mit und ohne Beeinträchtigungen. Die Kinder bewegen sich selbstverständlich im Stadtteil. Eben auch bei solchen Nachmittagsbeschäftigungen. Die Kinder fahren auch selbstverständlich und allein mit ihrem Fahrrad zur Schule und wieder zurück. Die Eltern haben einen Verein hier im Stadtteil gegründet „Eine Schule für Alle“ e. V. Der soll auch noch einmal bestimmte Belange unterstützen.

Was macht die Östliche Vorstadt als Schulstandort besonders?

Der Stadtteil an sich hat ja eine sehr große Vielfalt an Menschen, die hier leben. Und das spiegelt sich natürlich auch in unseren Schülern und deren Eltern wider; gegeben durch die unterschiedlichen Lebensentwürfe, wie dem alternativen Denken, was viele hier im Viertel haben. Ein weiterer Aspekt, der speziell die Schule hier im Stadtteil noch einmal verankert, ist, dass sie den Kindern, dem Kollegium und sogar Außenstehenden auch außerhalb der Schulzeiten viele Freiheiten bietet: Die Schulräume werden von Gruppen aus dem Stadtteil genutzt. Ein Chor probt hier; Schüler können den Musikraum außerschulisch nutzen. Auch ich probe dort mit meinem Bandprojekt privat. Also Stadtteilgeschehen dort, wo auch Schule stattfindet. Das macht beides, Schule und Stadtteil besonders.

Was ist für Sie typisch für den Stadtteil?

Hier passieren einfach ständig lustige und schräge Dinge. Das macht das Steintor aus. Was aber für mich typisch für das Viertel ist: Die Straßen sind voll, die Stimmung ist gut; also die Menschen prägen die Östliche Vorstadt – die bunten Menschen! Es gibt hier einfach eine einzigartige Vielfalt an Menschen und das bereichert den Stadtteil sehr. Außerdem gibt es hier eine sehr große Kneipendichte. Und tolle Restaurants und Bistros wie die „Cantina Publica“ sowie kleine Gässchen und schnuckelige Häuser; in der Konstellation – und so konzentriert – ist das eher selten zu finden. Das zieht viele unterschiedliche Typen an.

Was sind das für Typen?

Sehr bunte und fröhliche Menschen, sehr offen, also tolerant und viele haben eben einen alternativen Lebensstil. Die werden von dem Stadtteil angezogen; gerade Künstler zieht es hier her. Es ist eine gute Altersmischung; weder sehr jung, noch sehr alt. Vielleicht eher ein junger Stadtteil. Hier sind viele junge Familien unterwegs.

Wie sicher fühlen Sie sich in Ihrem Stadtteil?

Ich fühle mich recht sicher hier. Allerdings wurden in relativ kurzem Abstand zwei Freunde von mir überfallen. Sie wurden ausgeraubt und ihnen wurde Gewalt angetan. Seither ist man doch schon etwas achtsamer unterwegs, gerade abends. Die Polizeipräsenz ist gerade in den letzten Monaten immens gestiegen. Die Menschen sind generell etwas achtsamer und vielleicht auch etwas angespannter; das geht miteinander einher. An einigen Ecken lässt sich gerade hier im Viertel Kriminalität vermuten; das ist durch manches Verhalten schon relativ ersichtlich, was dort vor sich geht.

Wie hat sich die Feierkultur hier im Viertel verändert?

Eigentlich hat die sich nicht groß verändert. Allerdings habe ich schon das Gefühl, dass die Kneipen immer mehr beschnitten werden, was zum Beispiel Öffnungszeiten angeht. Ich finde, man sollte sich schon bewusst sein, dass, wenn man im Viertel lebt, die Leute abends auch einfach gern ausgehen. Alle sollten für ein offenes und freundliches Miteinander einstehen.

Was muss sich in der Östlichen Vorstadt ändern?

Es wäre schön wenn der Wohnraum für die Menschen bezahlbarer wäre. Die Mieten sind hier sehr in die Höhe gegangen. Und vielleicht noch eine größere soziale Durchmischung; das würde ich mir wünschen und auch für die Kinder hier im Stadtteil sollte es mehr Flächen geben: Spielplätze, Aufenthaltsorte für Jugendliche. Und mehr grüne Flächen – unabhängig von der Weser – wären für den Stadtteil eine Bereicherung. Da hängt die Östliche Vorstadt der Neustadt noch hinterher.

Fahrrad, Auto oder Bahn – womit fährt es sich im Viertel am besten?

In der Östlichen Vorstadt, wie aber auch in vielen Stadtteilen Bremens, macht man vieles mit Fahrrad. Vieles lässt sich hier aber auch, durch die kurzen Wege, zu Fuß erreichen. Von einem Auto ist allein schon durch die Parkplatzproblematik eher abzuraten. Hier wird vieles fahrradfreundlicher und das ist auch gut so. Die Humboldtstraße wurde zum Beispiel zur Fahrradstraße.

Die Fragen stellte Annika Mumme.

Zur Person

Reemt Janssen, 34, ist Lehrer an der Gesamtschule Bremen Mitte (GSM), Standort Brokstraße, in der Östlichen Vorstadt. Er kam 2002 nach Bremen, um bis 2008 Behindertenpädagogik (heute Inklusive Pädagogik) an der Universität Bremen zu studieren.
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