E-Motorräder und -roller in der Exotenrolle

Batteriebetrieb ist nichts für Bremer Biker

Motorräder und Motorroller mit Akkus liegen nicht gerade im Trend. Bremer Biker und Lieferdienste setzen auch in der Stadt auf Reichweite.
11.04.2021, 05:00
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Batteriebetrieb ist nichts für Bremer Biker
Von Justus Randt

Braten ohne Brutzeln ist ungefähr so schwer vorstellbar wie Duschen ohne Rauschgeräusch. Aber nicht alles ist untrennbar. Motorradfahren ohne Geknatter ist kein Hexenwerk seit Erfindung des Elektroantriebs. Klaus-Peter Kuls jedenfalls könnte gut damit leben: „Der Sound ist kein Problem. Ob es blubbert oder surrt, ist egal. Und Lärm gibt es sowieso schon genug“, sagt der Präsident der Bremer Motorradfreunde von 1980. Mit dieser Ansicht ist der Klubchef nicht allein. Aber das Gefühl, einen mehr oder weniger nervösen Verbrennungsmotor zu beherrschen und über den Gasgriff an der Geräuschkulisse drehen zu können – „das wollen 99 Prozent“, weiß Nico Gerull, Geschäftsführer der Motorrad Huchting GmbH. „Elektromobilität spielt in unserer Branche eine ganz untergeordnete Rolle.“

„Nicht wirklich grün“

Auch Klaus-Peter Kuls denkt nicht daran, auf Elektro umzusteigen. „Die alten Viertakter der 60er- und 70er-Jahre hatten noch einen ganz anderen Sound als moderne Maschinen. Die flüstern heute ja nur noch, wenn alles mit rechten Dingen zugeht.“ Der Präsident hat andere Vorbehalte: „Auch wenn ich fahrtechnisch, von der Beschleunigung her und vom Motorradgefühl her kein Problem sehe – solange der Strom nicht wirklich grün ist, finde ich das nicht so pralle. Wir könnten ja gar nicht alle Motorräder und Autos mit Akkus ausstatten, da müssten wir ein paar Atomkraftwerke dazu bauen“, sagt Kuls. Im Klub herrsche einhellig die Meinung: „Nee, das wollen wir nicht.“

„Für einen Verein funktioniert das nicht“

Rein praktisch sei nicht daran zu denken, dass die 33 Motorradfreundinnen und -freunde gemeinsam zu mehrtägigen Ausflügen starten. Gegenwärtig wegen der Pandemie, die das Vereinsleben seit November lahmlege. Unterdessen ist der Präsident mitunter auf dem Elektrofahrrad unterwegs. „Immer sind der Akku und die Reichweite das Problem. Und wenn wir später mit Elektromotorrädern unterwegs wären, dürfte es schwierig werden, im Hotel oder der Jugendherberge zehn oder 15 Motorräder zugleich aufzuladen“, vermutet Kuls. „Auch wenn man nur eine Stunde zwischenladen muss, funktioniert das nicht für einen Verein.“

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Auch beim ADAC Weser-Ems ist nicht gerade von einem Elektrozweirad-Boom die Rede: „Im vergangenen Vierteljahr hatte ich eine Anfrage zum Thema Elektroroller“, sagt Detlef Delekat, Sachbearbeiter für Verkehr und Technik. „Der Markt ist noch recht dünn.“ Thomas Hanke, Motorradhändler und Werkstattchef in der Neustadt, formuliert es so: „E-Motorräder kommen nicht vor.“

„Leute wollen fahren, nicht nur laden“

Hendrik Pohl, der in Hastedt den Rollerhof betreibt, hat gebrauchte und neue Vespa-Roller mit Benzin- oder Elektromotor und chinesische Niu-Elektroroller im Programm. Wie es läuft? „Ich verkaufe im Jahr zehn Nius und 1000 Roller mit Verbrennungsmotor. E-Roller werden von denselben Leuten gehypt wie Elektroautos, von Leuten, die nicht denken, dass Batterien schlimm sind“, sagt Pohl. „Die maximale Reichweite liegt aktuell bei 60 bis 80 Kilometern, dann muss mindestens vier Stunden geladen werden. Aber die Leute wollen fahren, nicht nur laden.“

Wenn sich Kunden für Elektroroller entschieden, dann seien das „Einrichtungen, die Vorbilder sein wollen, weil es ihnen vorgegeben wird oder es ums Image geht“, sagt der Chef des Rollerhofs. Preislich seien die Unterschiede überschaubar. „Aber Elektro geht gar nicht. Auch Pflegedienste oder Lieferdienste, die auf Roller umgestiegen sind, haben nicht einen einzigen gekauft.“

Am City-Gate vorm Hauptbahnhof hat vor anderthalb Jahren der Niu-Flagshipstore aufgemacht. Dessen Nachbar und Kooperationspartner Evectro aus Hamburg, der ebenfalls mit Elektrofahrzeugen wie Motorrädern des amerikanischen Herstellers Zero handelt, zieht demnächst „weiter in die Innenstadt“, wie Marketingleiter Jonte Birkner ankündigt. „Aber ohne Niu.“ Dessen Angebot werde nach Hamburg verlagert. Laut Birkner hat das nichts zu bedeuten: „Die Zuversicht in das Produkt ist groß“, sagt er. „Wer ein E-Motorrad ausprobiert, kommt mit einem Lächeln zurück.“ Honda-Händler Nico Gerull bleibt vorerst skeptisch: „Es wird noch ziemlich lange dauern, bis es etwas Vernünftiges gibt“, glaubt er. Er sieht vor allem die Gefahren: „Das Drehmoment ist sofort da, die Beschleunigung ist enorm. Und weil das E-Motorrad keinen Sound hat, kann es leicht überhört werden.“

Ungleichbehandlung von Auto und Motorrad

Weniger distanziert ist der Motorradklub Kuhle Wampe, der auch in Bremen einen Ableger hat. Ein Standpunkt zu Elektromotorrädern sei zwar "nicht klar definiert, wäre aber mal spannend zu diskutieren“, sagt Verbandssprecher Horst Verheyden. „Was derzeit sicherlich auch kritisch zu sehen ist, ist die Ungleichbehandlung von Auto und Motorrad. Elektroautos werden staatlich gefördert, Elektromotorräder nicht“ – das sei aber seine Privatmeinung. In der Grundsatzerklärung des Klubs gibt es ein klares Bekenntnis: „Die Modellpolitik unter der Devise: ,Immer schneller und immer stärker‘ ist nicht in unserem Sinne. Wir wollen Motorräder, die sicher, preisgerecht und so umweltschonend wie technisch möglich sind.“

Info

Zur Sache

Bestand an elektrischen Motorrädern und Personenwagen

Zum Stichtag 1. Januar 2020 waren im Land Bremen 20.168 Motorräder zugelassen. Die Zahl der Krafträder mit Elektroantrieb betrug 48, ein Plug-in-Motorrad wird beim Kraftfahrtbundesamt aufgelistet. Krafträder sind nur landesweit erfasst. Im Jahr 2010 lag der Gesamtbestand bei 19.318 zugelassenen Motorrädern, darunter zwei Elektro- und ein Hybridfahrzeug. In der Stadt Bremen waren zum Jahresbeginn 2020 insgesamt 294.547 Personenwagen zugelassen. Darunter 650 Elektro-, 3172 Hybrid- und 521 Plug-in Fahrzeuge. Landesweit waren es insgesamt 752 Elektro-, 3848 Hybrid- und 593 Plug-in-PKW im Bestand. Im Jahr 2010 waren es insgesamt 261.172 Personenwagen, darunter fünf Elektro- und 283 Hybridfahrzeuge. Die Statistik zum 1. Januar 2021 veröffentlicht das Kraftfahrtbundesamt voraussichtlich Ende April.

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