Trauer um Elsbeth Rütten

Die Brückenbauerin

Eine Streiterin für Patientenrechte ist tot: Elsbeth Rütten vom Bremer Verein „Ambulante Versorgungsbrücken“ hat viel bewegt, auch über Generationsgrenzen hinweg.
27.05.2020, 19:18
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Die Brückenbauerin
Von Monika Felsing
Die Brückenbauerin

Elsbeth Rütten hat in Bremen und auch auf Bundesebene viel erreicht.

Kuhaupt

Aus einer Lücke im Gesundheitswesen hat sie Brücken gemacht. Jetzt hinterlässt Elsbeth Rütten selbst eine schmerzhafte Lücke: Die gelernte Krankenschwester, die noch im Rentenalter schier unermüdlich für Patientenrechte gekämpft und für einen Dialog der Generationen geworben hat, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Mit ihrer Bremer Initiative, die sie 2013 in „Ambulante Versorgungsbrücken“ umbenannte, hatte sie beachtlichen bundesweiten Erfolg. Gesetzlich Versicherte haben es unter anderem auch ihr zu verdanken, wenn sie heute nach der Entlassung aus der Klinik nicht allein zurechtkommen müssen.

Vor fast elf Jahren hat Elsbeth Rütten 25 000 Stimmen für ihre Petition zusammengebracht und den Petitionsausschuss überzeugt. Im Unterschriften sammeln und Verhandeln hatte sie bereits Routine: Ende der 90er-Jahre war sie als Sprecherin des Vereins „Mehr Demokratie“ aufgetreten. Und als Mitglied einer Anwohnerinitiative hatte sie das Gespräch mit dem Investor des Walle-Centers gesucht. Die Baustelle zerrte gewaltig an den Nerven der Nachbarschaft. Allein drei Wochen dauerte es, die Reste einer alten Drehscheibe für Loks zu zertrümmern, rund 800 Pfähle wurden tief in den Boden gerammt. Mit dem Bauherrn kam die Initiative aber relativ schnell auf einen Nenner. Und weil Elsbeth Rütten einen besonderen Sinn für Humor hatte, schenkte sie ihm auf dem Richtfest Zitronen. Nicht eine und auch keine zwei. Einen ganzen Korb voll.

Die Geste passte zu ihr. Und auch das Sprichwort „Gibt dir das Leben Zitronen, dann mach Limonade daraus“ hätte von ihr stammen können. Nach zwei Operationen am Fuß hatte sie selbst zu spüren bekommen, auf wessen Kosten die Krankenkassen sparten, seit sie 2004 die Fallpauschale eingeführt hatten und Operierte möglichst früh aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Fünf Tage Pflege zu Hause wurden bezahlt, mehr gab es nur für Erziehende mit Kindern unter zwölf Jahren. Hilfe im Haushalt war selbst zu organisieren. Und so war auch Elsbeth Rütten, die einen Liegegips hatte, eine Zeitlang auf andere angewiesen.

Kaum aber war sie wieder auf den Beinen, ging sie auch schon in die Offensive. Das Recht auf eine Haushaltshilfe sei zwar im Bundessozialgesetz verankert, doch nur eine Kann-Bestimmung, kritisierte sie als Gründerin einer Aktionsgruppe. „Es müssen neue Regelungen her.“ 2009 wurde der Verein ins Vereinsregister eingetragen. Er unterhält eine Beratungsstelle an der Humboldtstraße, von der schon viele Impulse ausgegangen sind. Elsbeth Rüttens Traum waren Patientenhotels nach skandinavischem Vorbild. Bezahlbar sollten sie sein, denn nicht das Angebot der häuslichen Pflege, sondern die Finanzierung sei in Deutschland das Problem. „Wer das Geld nicht hat, ist ins Hinterteil gekniffen.“ Weil viele sich vorstellen konnten, dann auch irgendwann gekniffen zu sein, traf Elsbeth Rütten mit ihrer Petition einen Nerv. Sie wurde zu einer Anhörung im Gesundheitsausschuss der Bundesregierung eingeladen, als es um das neue Versorgungsstrukturgesetz ging. Seit es 2012 in Kraft trat, hat sich einiges verbessert.

Im Blog „Viel Falten“ der Salzburger Gerontologin Sonja Schiff steht ein Porträt der Wahlbremerin, die am 25. Mai 1948 in Aachen auf die Welt gekommen war. „Widerspruch, Fantasie, Ambivalenz, Protest, Sehnsucht“, mit diesen fünf Worten beschrieb sie 2014 ihre Jugend. Nie nahm sie etwas als gegeben hin. Sie wollte die Welt verändern, im Kleinen zuerst, und Neues entdecken. Elsbeth Rütten sprühte nur so vor Lebenslust und vor Ideen, um gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen Älteren und Alten das Leben leichter und schöner zu machen. Das reichte von Leitfäden für den Krankenhausaufenthalt und Vorträgen über die Rechtslage bis zur Sturzprophylaxe, vom „Dialog der Generationen“ und dem Rollatortraining über den „Digital-Kompass“ und Computerkurse („Wir versilbern das Netz“) bis zu Wohlfühlanrufen („Hausbesuche per Telefon, Brücken der Begegnung“) und zur öffentlichen Kritik an allen, die mit ihrem Fahrrad die Gehwege unsicher machen. Wenn jemand keine Rücksicht auf andere nahm, dann konnte auch Elsbeth Rütten sauer werden wie ein Korb voll Zitronen.

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