Schulstandortplanung

Eltern fordern vierte Grundschule

Weil es mehr Erstklässler als Plätze gibt, plant die Bildungsbehörde ab Sommer zusätzliche Klassen an zwei Waller Grundschulen. Elternvertreter und Ortspolitik fordern stattdessen eine neue Schule.
05.02.2018, 11:49
Lesedauer: 3 Min
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Eltern fordern vierte Grundschule
Von Anne Gerling
Eltern fordern vierte Grundschule

Neben mehreren beunruhigten Elternvertretern waren unter den Zuhörern im Bildungsausschuss auch Schulleiter Sabine Göricke von der Schule an der Melanchthonstraße und Peter Lehmann von der Nordstraße (beide vorne rechts) vertreten.

Roland Scheitz

Seit Jahren leidet der Bremer Westen an chronischem Schulplatzmangel. Viele Ortspolitiker vor allem aus Walle und Gröpelingen würden deshalb zu gerne wissen, wie die Bildungsbehörde eigentlich jeweils zu den Zahlen für ihre Schulstandortplanung kommt. So auch Jupp Heseding (Grüne), Sprecher des Bildungsausschusses im Waller Beirat. „Ich bin seit 1996 im Bildungsausschuss“, sagt er. „Wir haben jedes Jahr bei der Behörde nachgefragt, wie die Planung ist. Und jedes Jahr – unabhängig von der jeweiligen Bildungssenatorin – haben wir dieselbe Antwort gehört: ‚Das können wir nicht sagen’“.

Aufklärung und Durchblick hatten sich die Waller Bildungspolitiker deshalb nun von Referatsleiterin Eva Kibele aus dem Statistischen Landesamt erhofft. Denn dessen Bevölkerungsvorausberechnungen dienen als Grundlage für die Schulstandortplanung. Eines konnte die Demografin bei ihrem Besuch im Fachausschuss denn auch deutlich machen: Auch wenn genaue Prognosen zu Zuwanderung oder Geburtenraten praktisch unmöglich sind, so liegen doch konkrete Zahlen dazu vor, wie viele Kinder an bestimmten Stichtagen in den einzelnen Ortsteilen leben.

Und diese Zahlen sprechen nach Ansicht von Markus Otten, Elternvertreter der Grundschule Pulverberg, für sich. Er hat sich die Zahlen angeschaut. Im Jahr 2014 sind demnach in Walle 837 Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren gezählt worden sowie 1434 Kinder im Alter von null bis sechs Jahren: „Teilt man diese Zahl durch sechs, dann ergibt das etwa 240 Kinder pro Jahrgang. Die Jahrgangsstärken sind demnach von 210 auf 240 hochgegangen. Das sind glasklar anderthalb Klassen mehr, die auf die Schulen zukommen. Das wusste man also schon damals – wobei die Zuwanderung bei diesen Zahlen noch gar nicht mitgerechnet worden ist.“

2030 werde man bei Jahrgangsstärken angekommen sein, für die 14 statt der aktuell in Walle angebotenen elf Klassenzüge benötigt würden, so Otten. Er sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf und hat gemeinsam mit Carina Peters, Elternsprecherin der Grundschule an der Melanchthonstraße, und Jennifer Achilles, Elternsprecherin der Grundschule an der Nordstraße, einen Eltern-Appell an Senat, Verwaltung und Politik verfasst. Die Botschaft: „Es ist höchste Zeit, die vierte Waller Grundschule in der Überseestadt jetzt und sofort zu gründen.“

Denn für das kommende Schuljahr sind in Walle rund 50 Erstklässler mehr angemeldet worden, als es aktuell Plätze gibt. Die Behörde will deshalb an den beiden Grundschulen Nordstraße und Melanchthonstraße ausnahmsweise jeweils einen vierten Klassenzug einrichten. Eine Idee, die bei den Elternvertretern gar nicht gut ankommt. Sie sagen vielmehr: „Die sofortige Vierzügigkeit an den beiden Grundschulen ist für uns und für alle aktiven und interessierten Waller Eltern ein Tiefschlag. Vor allem, nachdem wir im vergangenen Jahr das Gefühl hatten, dass die Schulbehörde und die Politik endlich den Ernst der Lage und unseren Unmut verstanden haben. Statt besser wird es aber nun enger, anstrengender und schlechter an den Grundschulen in Walle.“

Denn die Schulen platzen aus allen Nähten. Für die Schule an der Nordstraße gibt es inzwischen eine Machbarkeitsstudie zu einem Anbau auf dem Schulgrundstück. Eine gute Lösung für den von der Stadt gewollten Ganztagsbetrieb und Vier- statt Dreizügigkeit ist dabei allerdings offenbar nicht herausgekommen. An der bislang dreizügigen Grundschule Melanchthonstraße wiederum laufen erste Vorbereitungen zum Umbau der ehemaligen Hausmeisterwohnung. Nachdem dort bereits die Differenzierungsräume anderweitig genutzt werden, soll auf diese Weise nun ein weiteres Klassenzimmer hinzugewonnen werden.

Mit vier statt drei ersten Klassen stünde dort das pädagogische Konzept auf der Kippe: Beim sogenannten jahrgangsübergreifenden Lernen (JüL) werden dort die Kinder des ersten und zweiten Schuljahres zusammen in sechs Klassenfamilien unterrichtet und später in drei dritte und drei vierte Klassen aufgeteilt.

Deutlich sinnvoller als diese Notmaßnahmen wäre nach Ansicht der Waller Elternvertreter, sofort die – ohnehin schon von der Bildungsdeputation beschlossene – neue Grundschule in der Überseestadt zu eröffnen. Da sich hier insbesondere die Suche nach einem geeigneten Grundstück als Hemmschuh erweist, wären die Eltern dabei auch mit einem Mobilbau als Zwischenlösung einverstanden. Hierfür gebe es sowohl in der Überseestadt als auch im alten Walle geeignete Flächen, sind sie überzeugt. Noch in diesem Jahr aber müsse eine Entscheidung dazu fallen, wo in der Überseestadt die neue Grundschule gebaut werde. Bei den Waller Ortspolitikern haben die Elternvertreter mit ihrem Appell offene Türen eingerannt; der Bildungsausschuss hat sich geschlossen hinter ihre Forderungen gestellt. „Die Behörde überlegt immer nur, wie es für das nächste Schuljahr klappt. Aber wir wollen eine langfristige Planung“, sagt dazu Ingo Lenz (Die Linke).

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