Interview mit dem neuen Vorsitzenden des Kinderschutzbundes in Bremen „Eltern geben Druck oft weiter“

Bremen. Carsten Schlepper ist neuer Vorsitzender des Bremer Kinderschutzbundes und damit einer von rund 10.000 Ehrenamtlichen, die sich bundesweit einsetzen. Über Kinder, ihre Rechte und ihre gewaltfreien Entwicklungsmöglichkeiten hat er mit Frauke Fischer gesprochen.
07.06.2014, 17:41
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Carsten Schlepper ist neuer Vorsitzender im Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes und damit einer von rund 10 000 Ehrenamtlichen, die sich bundesweit für Kinderschutz einsetzen. Über Kinder, ihre Rechte und ihre gewaltfreien Entwicklungsmöglichkeiten hat er mit Frauke Fischer gesprochen.

Müssen Kinder in Deutschland überhaupt durch Vereine geschützt werden? Es gibt doch Gesetze, Sozial- und Jugendbehörden, Schulen und andere staatliche Institutionen, die sich kümmern.

Carsten Schlepper: Es reicht nicht, die formalen Rahmenbedingungen dafür zu stricken. Sie sind in Deutschland zum großen Teil schon ganz gut weiterentwickelt worden. Der Kinderschutzbund fungiert als Lobby für Kinder. Er ist insofern immer noch ein Wächter. Er schafft es, über Prävention und Kampagnen präsent zu halten, dass Kinder besonders geschützt werden müssen. Es sind ja auch die Entwicklungen des Alltags, die Kinder gefährden: der Verkehr, die Medien, die Freiräume, in denen sich Kinder bewegen. In der unmittelbaren Arbeit merken wir zudem, dass die Lebenslagen von Kindern oft noch weit weg sind von dem, was gesetzlich vorgegeben ist, auch von pädagogischen Konzepten und guten Vorstellungen im Erziehungsalltag.

Wo kann der Kinderschutzbund ansetzen?

In Bremen ist der Kinderschutzbund in hauptamtliche und ehrenamtliche Aufgabenfelder unterteilt. Hauptamtlich übernimmt er Aufgaben im Auftrag der öffentlichen Jugendhilfe. Da ist das Kinderschutzzentrum, eines von 26 in Deutschland, außerdem das Kinder- und Jugendnottelefon, das Eltern-Stress-Telefon. Bei der Telefonberatung können sich Eltern, Kinder und Jugendliche melden, die konkret Hilfe brauchen. Beispielsweise ruft das Mädchen an, das am Bahnhof sitzt, weil es von zu Hause weggelaufen ist und nicht weiß, wohin. Zudem gibt es die Präventionsprojekte in Schulen und für Eltern und das kleinere Projekt „Begleiteter Umgang“. Es ist ja gesetzlich vorgesehen, dass Kinder in Trennungslagen zu beiden Elternteilen weiter Kontakt haben. Dafür bieten unsere Mitarbeitenden die Begleitung und die Anbahnung von Kontakten an.

Das Kinderschutzzentrum ist eine eigenständige Einrichtung des Kinderschutzbundes?

Ja. Dort wird unmittelbare Krisenintervention geleistet. Kinder, Jugendliche, Eltern und Fachkräfte können sich dort in Krisen, bei Gefährdungen, in Situationen von Missbrauch oder Gewalt beraten und helfen lassen. Es ist einer der Orte in Bremen, wo es im Rahmen der Kindeswohlsicherung sogenannte „insofern erfahrene“ Fachkräfte gibt. Wenn sich ein Kind in einer Kita plötzlich auffällig verhält oder körperliche Anzeichen von Gewalt zeigt, kann sich die Erzieherin an die Fachkräfte wenden und unterstützen lassen.

Von deren Urteil hängt das weitere Vorgehen ab?

Ja. Diese Fachkräfte werden von verschiedenen Beratungsstellen eingesetzt. Das Kinderschutzzentrum gehört zu diesen Stellen.

Und wer kommt dafür auf?

Ein Teil der Arbeitsbereiche ist refinanziert aus den Haushalten von Soziales und Bildung. Ein Viertel des Gesamtetats von knapp 400 000 Euro pro Jahr kommt durch Mitgliedsbeiträge und Spenden zusammen.

Was ist mit den Ehrenamtlichen?

Deren Einsatz bezieht sich vor allem auf ergänzende Angebote. Diese ermöglichen, was Eltern sich für ihre Kinder nicht leisten können: Hausaufgabenhilfe, Tagesausflüge etwa nach Bremerhaven zum Zoo, Eltern-Kind-Kuren für alleinerziehende Mütter mit Kindern, die so etwas noch nie erlebt haben. Das konnten wir kürzlich mal durch eine größere Spende realisieren. Wir unterstützen den Winterspielplatz der Friedensgemeinde.

Also eine wichtige Gruppe?

Die Ehrenamtlichen spielen eine ganz wichtige Rolle im Kinderschutzbund. Für viele ist die Motivation, etwas zurückgeben zu wollen. Sie beziehen daraus Freude und Zufriedenheit. Und sie bekommen auch etwas zurück. Beim Kinderschutzbund gibt es einen Rahmen, in dem sie sich austauschen und beraten können. Eine hauptamtliche Kraft ist für sie zuständig. Das hat einen gewissen professionellen Touch, ist aber ohne Zwang und Muss. Das sollten wir noch verstärken.

Der Kinderschutzbund besteht seit 1953. Haben sich die Aufgaben verändert?

Wichtig ist zu sagen, dass sich innerhalb dieser 61 Jahre das Bild vom Kind gewandelt hat. In der Gründungszeit gab es eine andere Form von Not. Viele Kinder und Jugendliche waren beispielsweise ohne Eltern auf dem Weg. Das war ja auch ein Anlass, den Kinderschutzbund zu gründen. Was heute an Gewalt und Missbrauch in der Vergangenheit aufgedeckt wird – die Odenwaldschule, die Kirchen sind im Gespräch – kommt aus einer Zeit, in der es in den Einrichtungen noch gar kein Problembewusstsein dafür gab. Da war der Umgang mit Kindern insgesamt – aus heutiger Sicht – unkritischer, gewalttätiger. Erwachsene durften Kinder schlagen. Das ist heute verboten.

Aber Gewalt ist immer noch ein Thema.

Ja, das wird auch durch Gesetze nicht anders. Die Gesellschaft ist kritischer als früher, aber im Privaten, Verdeckten, Familiären bleibt die Gewalt. Sie ist oft Ausdruck von Lebenslagen. Je größer der Druck auf Eltern ist, desto größer ist oft der Druck auf Kinder. Das kann direkte Gewalt sein, aber es gibt auch schlichtweg Lebenslagen voller Druck. Wenn Kinder im Winter immer zu kleine Stiefel tragen, weil kein Geld für neue da ist. Auch das sind Kindernotsituationen.

Gewalt, Missbrauch – ist das das Arbeitsfeld für den Kinderschutzbund?

Im unmittelbaren Arbeiten sind es diese Extremlagen. Wenn Kinder gesundheitlich oder psychisch gefährdet sind. Eher im Hintergrund wirkt der Kinderschutzbund darauf hin, dass sich Lebenslagen von Kindern verbessern. Es hat in Bremen ja im Dezember die Armutskonferenz gegeben, und jetzt hat sich das Bündnis für sozialen Zusammenhalt gegründet. Daran wirkt der Kinderschutzbund mit. Er weist an verschiedenen Stellen darauf hin, was zusätzlich getan werden muss, damit Kinderschutz und Kinderrechte noch besser unterstützt werden.

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