Kindergeburtstag statt Kitabesuch

Unkonkreter Fahrplan: Bremer Eltern kritisieren Senat

Während private Veranstaltungen mit bis zu 20 Personen in Bremen bald wieder erlaubt sind, steht noch nicht fest, wann die Normalität in Kita- und Schulalltag zurückkehrt. Eltern kritisieren die Diskrepanz.
28.05.2020, 05:00
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Von Lena Mysegades und Michael Evers
Unkonkreter Fahrplan: Bremer Eltern kritisieren Senat

Derzeit läuft in den Kindertagesstätten noch Notbetreuung. Wann der Kita-Alltag wieder normal ist, steht noch nicht fest.

Sina Schuldt/dpa

Private Veranstaltungen sind in Bremen ab dem 1. Juni wieder erlaubt. Kinder und Jugendliche dürfen dagegen nur schrittweise wieder zurück in Kindertagesstätten und Schulen. Diese Diskrepanz sorgt für Ärger bei vielen Eltern: Ihnen fehlt ein konkreter Fahrplan des Senats für ihre Kinder. Am Dienstag hatte der Bremer Senat weitere Lockerungen bekannt gegeben, darunter die Möglichkeit von Feiern mit bis zu 20 Gästen – von Kitas und Schulen war keine Rede.

In einem offenen Brief haben sechs Eltern „stellvertretend für viele weitere Bremer Eltern“ Bürgermeister Andreas Bovenschulte und Bildungssenatorin Claudia Bogedan (beide SPD) daher nun aufgefordert, einen konkreteren Plan zur Öffnung der Kindergärten für alle Kindergartenkinder zu erarbeiten.

Claudia Hauschild, berufstätige Mutter von drei Kindern, sagte am Mittwoch: „Wir Eltern verlangen nicht mehr und nicht weniger als ein Konzept, wie Lehrer und Schüler, Erzieher und Kinder sicher in den schulischen beziehungsweise Kita-Alltag zurückkehren können.“ Ihre Tochter dürfe seit dieser Woche immerhin zweimal pro Woche verkürzt die Schule besuchen, aber für die beiden Vierjährigen fehle immer noch eine Perspektive. „Bis auf eine Absichtserklärung ohne konkrete Inhalte haben wir dazu noch nichts gehört.“

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Die Regelungen für die Schulen sind im Vergleich mit den Kindertagesstätten etwas konkreter: Schulkinder dürfen ab 15. Juni im Schichtwechsel zur Hälfte in den Unterricht. Nicht nachvollziehbar findet es Frauke B., dass nun wieder Feiern mit bis zu 20 Personen in Räumen möglich sind, Schulklassen mit 20 Kindern aber nicht wieder zusammen kommen dürfen. Beides sei nach heutigem Wissensstand gleich infektiös. Zudem seien insbesondere Kinder aus sozial oder sprachlich benachteiligten Bereichen und deren betreuende Eltern – meist Mütter – betroffen.

B. ist Mutter eines Kindes und Elternvertreterin an einer Grundschule, möchte ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Dass Eltern ihrem Unmut über die jüngsten Entscheidungen des Senats vielfach Luft machen, kann Senatssprecher Christian Dohle nachvollziehen. Er verweist aber darauf, dass es im Zuge der schrittweisen Lockerungen – in Gastronomie, beim Sport und auch beim Kita- und Schulbetrieb – zunehmend schwerer zu begründen gewesen sei, „warum private und öffentliche Veranstaltungen bei Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln weiterhin nur für Menschen aus maximal zwei Haushalten erlaubt sein sollen“.

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Entscheidend für diese Lockerung sei der Umstand gewesen, dass solche Veranstaltungen selbst grundrechtlich geschützt seien: „Der Begriff ,Party‘ kommt dann immer hoch, gemeint sind aber private öffentliche Veranstaltungen“, erklärt er. Die Jahreshauptversammlung eines Sportvereins sei zum Beispiel rechtlich vorgeschrieben, doch nicht alle Beteiligten hätten immer die technischen Voraussetzungen für eine Videokonferenz.

Im Kita- und Schulbetrieb sieht er zwei Unterschiede gegenüber den Veranstaltungen: „In den Schulklassen ist ein normaler Betrieb meist nicht möglich, weil bei voller Belegung der Klassen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann.“ In den Kitas komme ein anderer Aspekt hinzu: „Hier kann der Abstand möglicherweise theoretisch eingehalten werden, kleine Kinder werden dies aber nicht verlässlich tun. Sie werden gefüttert, getröstet, spielen mit ihren Freunden – das alles wohl oft oder meist ohne Mindestabstand.“

Die Vorsitzende der Zentralelternvertretung (ZEV) der Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen, Petra Katzorke, sieht die Prioritätensetzung des Senats kritisch. „Wir sind verwundert, dass man 20-Personen-Veranstaltungen erlaubt, bei denen das Infektionsrisiko hoch ist, aber es für die Kitas keinen Fahrplan gibt, wie sich Kinder und Erzieher genau verhalten sollen.“ Wenn am 1. Juni 40 Prozent der Kinder wieder in die Kita dürfen, seien immer noch 60 Prozent daheim. Das seien zu viele und dieser Umstand halte schon zu lange an.

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Martin Stoevesandt vom Zentralelternbeirat ergänzt: „Es gibt jene Eltern, die Angst vor einer Rückkehr ihrer Kinder in die Schule haben, dann diejenigen, die mit dem Kompromiss der Politik einverstanden sind sowie die Väter und Mütter, denen die schrittweise Öffnung nicht schnell genug geht.“ Der Elternbeirat würde den Öffnungskurs mittragen. Dissens gebe es nur bei den Ausführungen des Fahrplans, der sehr offen sei. „So hat jede Schule ein eigenes Konzept statt ein vorgeschriebenes, von dem in Ausnahmen abgewichen werden darf.“

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hat am Mittwoch für Niedersachsen angekündigt, schneller als geplant zu einem eingeschränkten Regelbetrieb der Kitas zurückkehren. „Ich strebe an, dass wir Mitte Juni die Eltern bei der Betreuung weiter entlasten und allen Kindern ein Angebot zum – wenn auch vom zeitlichen Umfang eingeschränkten – Besuch einer Kita machen können“, sagte er. „Jetzt ist es an der Zeit, die nächsten Schritte zu planen und den Übergang zum Regelbetrieb einzuleiten.“ Kurzfristig seien Gespräche mit den Trägern und kommunalen Spitzenverbänden geplant. Ursprünglich sollte der Regelbetrieb zum 1. August anlaufen.

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