Notdienste und ständige Personalwechsel

Eltern kritisieren fehlende Erzieher in Bremer Kitas

Was bedeutet es im Alltag, wenn es nicht genügend Erzieher in Bremer Kitas gibt? Eltern berichten von weinenden Kindern, gestressten Familien und überforderten Erzieherinnen.
12.02.2020, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Eltern kritisieren fehlende Erzieher in Bremer Kitas
Von Sara Sundermann

Viele Eltern mit kleinen Kindern in Bremen sind besorgt. Deshalb und weil gerade beraten wird, wie Bremen seine knappen Haushaltsgelder verteilt, hat die Zentralelternvertretung (ZEV) den gesamten Senat, die Bildungspolitiker der Bürgerschaftsfraktionen aber auch die Geschäftsführer verschiedener Kita-Träger in eine Gröpelinger Grundschule eingeladen. Man wolle zeigen, wie sich fehlende Investitionen in Bildung für Eltern und Kinder auswirkten, so der ZEV. „Zur Aufbewahrung mag es reichen“, formulieren die Elternvertreter um ZEV-Sprecherin Petra Katzorke. Doch in Kitas gehe es um mehr: „Um Menschen, um Bindungen, um Vertrauen.“

Fehlende Bezugspersonen

An diesem Abend berichten sieben Eltern, deren Kinder Kitas in unterschiedlichen Stadtteilen besuchen. Lisa Weber, deren Kind die Kita Hulsberg besucht, erzählt, dass dort Krankheitsfälle und Personalwechsel für Probleme sorgten: Innerhalb von einem Jahr hätten fünf Erzieherinnen einer Gruppe die Kita verlassen. „Unsere Kinder haben keine Bezugsperson mehr“, sagt sie. Zudem könnten aufgrund von fehlendem Personal zum Teil nur die Hälfte der Kinder betreut werden. Morgens würden weinende Kinder weggeschickt. „Kinder fragen: ,Mama, warum darf ich nicht hier bleiben?'“, erzählt Weber. Bremen habe „ein riesiges Problem“, sagt sie: „Wir sind das Bundesland, das am wenigsten Geld in die Bildung steckt. So kann es nicht weitergehen!“

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Anna-Maria Göllner, deren Kind eine Kita in der Augsburger Straße in Findorff besucht, berichtet: „Wir haben einen sehr hohen Krankenstand.“ Seit Beginn des Kindergartenjahres fehle konstant etwa die Hälfte der Erzieher, auch Vertretungskräfte seien krank geworden. Die Folge: Verkürzte Betreuung und Notdienste. „Die Kinder erleben regelmäßig, wie ihre Eltern gestresst versuchen, sie wegzuorganisieren, und wenn sie trotz Notdienst betreut werden, kommen sie viel zu oft in fremde Gruppen.“ Vieles, was zum Kita-Angebot gehöre, sei mit wenig Personal nicht zu machen: Ausflüge, Turnen, Zähneputzen. „Auch wenn kein Notdienst ist, geben wir unsere Kinder mittlerweile nicht mehr guten Gewissens im Kindergarten ab.“

Forderungen wie vor zehn Jahren

Anneke Weßeler erzählt, dass ihr Kind in der Kita Purzelbaum in Walle zehn Erzieherinnen kennenlernte, weil es so viele Wechsel gab: „Immer wieder musste neues Vertrauen zu fremden Personen aufgebaut werden, was für ein Kind in einem Alter von drei bis vier Jahren eine starke Belastung ist.“ Manche Erzieherinnen seien wegen zu hoher Arbeitsbelastung gegangen, andere nie wieder aufgetaucht. „Dieser stetige Wechsel von Vertrauenspersonen, die unsere Kinder anleiten, erziehen, trösten sollen, ist eine Zumutung“, sagt die 40-Jährige.

ZEV-Sprecherin Katzorke betont, schon vor zehn Jahren sei es um ähnliche Forderungen gegangen wie jetzt: genug qualifiziertes Personal, passende Betreuungszeiten und ausreichend Plätze. Sie fordert: „Was wir dringend in Bremen brauchen, ist die bezahlte Ausbildung für Erzieher.“

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