Umgang mit Computern im Grundschulalter

"Eltern müssen das Kind begleiten"

Wie das ABC sollen Grundschüler auch den Umgang mit dem Internet lernen. Wie Eltern sind allerdings auch viele Lehrer überfragt, was die Chancen und Risiken der Mediennutzung angeht. Inge Voigt-Köhler vom Landesinstitut für Schule im Interview.
05.10.2014, 13:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie das ABC sollen Grundschüler heute auch schon den Umgang mit dem Internet lernen. Wie Eltern sind allerdings auch viele Lehrer überfragt, was die Chancen und Risiken der digitalen Mediennutzung angeht. Inge Voigt-Köhler vom Landesinstitut für Schule wird dazu in der Medienwerkstatt „Bürgerhaus medial“ in Vegesack einige Antworten zum Umgang mit Computern im Grundschulalter geben. Volker Kölling sprach vorher mit der Medienexpertin.

Frau Voigt-Köhler: Wir haben jetzt Schulanfang und wieder steht eine ganze Elterngeneration vor der zwiespältigen Frage, wie und ob das Kind Computer einsetzen darf, um etwas zu lernen. Wie geht man damit um?

Inge Voigt-Köhler:

Viele Eltern wissen relativ wenig über das Thema, obwohl sie selbst digitale Medien nutzen. Sie machen sich auch nicht so ganz klar, wie Kinder die Sache sehen. Für die ist weltweites Netz erst einmal überhaupt nicht vorstellbar. Die Kinder laden dann irgendetwas hoch und können sich nicht vorstellen, dass das wirklich überall im Netz zu sehen ist. Eltern und Lehrkräfte sagen ohnehin gerne, unsere Kinder betrifft das nicht.

Kinder bekommen doch heutzutage immer irgendwo Zugang zum Netz.

Natürlich, wenn sie zu Hause keinen Zugang zum Internet haben, dann bei Freunden und das immer früher und immer öfter unbeaufsichtigt. Die Versorgung mit Tablets und Smartphones steigt, wie Studien zeigen. Wenn die Kinder ein Smartphone mit Flatrate in der Hand haben, sind sie im Netz.

Über welches Alter reden wir hier? Wirklich über Grundschüler?

Ja, die Steigerungsraten sind beachtlich. Die Kinder kriegen die abgelegten Smartphones der Eltern und älteren Geschwister.

Ist das gut?

Das hat immer positive und negative Seiten. Es ist natürlich gut, dass sie kommunizieren lernen und frühzeitig lernen, damit umzugehen. Man kann damit ganz toll Unterricht machen, etwa Fotografieren lernen. Aber wichtig gerade bei Grundschülern ist es, Erfahrungen mit Natur und Technik zu machen – haptische Erfahrungen: Riechen, Fühlen, Basteln, Kleben und Sport. Wenn man weiß, dass viele Grundschüler nicht mehr auf einem Bein stehen können, aber ein Smartphone fast nebenbei bedienen, stimmt die Mischung nicht.

Aber ich will doch auch nicht, dass mein Kind abgehängt wird, genauso wenig, dass ein Computer-Nerd daraus wird. Wie kann ich da als Elternteil den Mittelweg beschreiten?

Ganz viel hängt davon ab, dass Eltern das Kind begleiten. Man sollte kompetent werden und sich informieren. Es gibt Angebote für Eltern und auch für Lehrkräfte. Je älter die Kinder werden, desto mehr kann man sie dann auch loslassen, wenn sie eine gute altersgemäße Basisausbildung haben. Und dann kann man später – wenn alles gut geht – schon erwarten, dass sie eben keine Nacktfotos von sich ins Netz stellen, weil sie wissen, was damit passieren kann.

Man ist da mit Kindern schnell beim Thema Computerspiele. Dann lässt man eine Konsole zu und dann läuft da Zuhause das Blut vom Bildschirm des Nachwuchs.

Da gibt es ja die Altersfreigaben, auf die man bauen kann. Dafür beschäftigen sich Experten wirklich lange mit den Spielen und bewerten sie. Man muss aber auch sehen: Kinder sind sehr unterschiedlich. Was das eine Kind verängstigt, davon profitiert vielleicht das andere Kind und entwickelt Geschicklichkeit und Fantasie. Auf jeden Fall sollte man Spiele nicht verteufeln. Viele bieten auch Chancen für Rollenspiele und die Entwicklung digitaler Kompetenz. Digitale Informationsangebote lesen zu können – das muss man auch lernen.

Nach wie vielen Stunden am Computer muss ich meinem Kind denn Stopp sagen.

Es gibt Richtwerte, die Experten herausgeben. Tatsächlich sehen wir aber an den Ergebnissen von Studien, dass Kinder eine ganze Menge Dinge mehr tun, als nur vor dem Computer zu sitzen: Dass sie Freunde besuchen, draußen spielen und ihnen vieles wichtig ist. Das Problem wird zum Teil aufgebauscht. Über einzelne muss man sich vielleicht Sorgen machen.

Was kann man den Kindern als Ratschlag für die Zeit online mitgeben?

Es gibt ein paar goldene Regeln: Niemals den echten Namen angeben, niemals die Telefonnummer, niemals Chat-Bekanntschaften ohne Eltern treffen. Man sollte sein Password niemandem sagen, Außerdem: Kinder müssen zwischen Werbung und Einkauf und Informationen unterscheiden lernen.

Wer bildet die Kinder denn darin aus?

Wir kümmern uns als Landesinstitut für Schule darum, dass sich Lehrkräfte in der Grundschule mit dem Thema befassen. Wir haben mit der Bremischen Landesmedienanstalt zusammen ein Projekt aufgelegt: Es gibt einen Verein Internet-ABC, in dem die Landesmedienanstalten der meisten Bundesländer Mitglied sind. Sie haben Material entwickelt, Internetseiten für Kinder, Eltern und Lehrkräfte. Es gibt ein Handbuch dazu. Wir ermuntern Schulen, diese Materialien zu nutzen und haben vor drei Jahren ein Projekt „ausgezeichnete Internet-ABC-Schulen“ aufgelegt. Bremen war das erste Bundesland, das mitgemacht hat mit zwölf Schulen, dann 16 und jetzt 22. Wir treffen uns regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und beraten die Schulen, wie man mit dem Material umgehen kann.

Wie kommt das Internet-ABC denn bei den Kindern, Eltern und Lehrern an?

Wir wissen, dass es inzwischen für einige Kinder ihre Lieblingsseiten im Netz sind. Einige Lehrer nutzen die Materialien sehr aktiv. Es gibt positive Rückmeldungen aus den Schulen und Grund sie auszuzeichnen. Es geht um ein Leitbild: Kein Kind verlässt ohne Medienkompetenz in Bremen die Grundschule. Es gibt unterschiedliche Wege, diesem Leitbild gerecht zu werden. Am besten ist die Nutzung von Medien integriert im Unterricht. Und dann sollten dabei die Vorteile und Risiken besprochen werden.

Dann könnten sich Eltern doch zurücklehnen und sagen: Prima, darum muss ich mich nicht kümmern. Internet hat das Kind in der Schule gelernt! Und dann kommt vielleicht irgendwann das böse Erwachen, wenn da die Pornoseiten im Kinderzimmer flimmern.

Eltern sind nie aus der Pflicht und sollten ihren Kindern immer zur Seite stehen – ganzheitlich bei der Entwicklung der Kinder, zu der Medien natürlich auch gehören. Und: Wir bieten auch Elternabende in den Schulen an und Info-Abende wie den am 18. November im Vegesacker Bürgerhaus. Wir wollen die Eltern aufmerksam machen, informieren und zur Zusammenarbeit mit den Schulen motivieren.

Online?

Nein, offline, ganz real.

Zur Person

Inge Voigt-Köhler hat ursprünglich Mathe, Biologie und Informatik in Bremen studiert und auch zwanzig Jahre als Lehrerin gearbeitet. Seit den 80-er Jahren begleitet sie schon Lehrkräfte bei Fragen rund um digitale Medien und durchleuchtet bis heute selbst Smartphones und Tablett-Computer auf ihre Anwendungsmöglichkeiten und Risiken. Inzwischen ist sie hauptberuflich am Landesinstitut für Schule am Zentrum für Medien Referatsleiterin für Mediennutzung. Inge Voigt-Köhler ist 61 Jahre alt und verheiratet. Der Vortrag im Bürgerhaus findet am Dienstag, 18. November, ab 18 Uhr statt.

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