Brigitte Hamacher schildert Mobbing-Erfahrungen

„Eltern sollten zuhören“

Ihre Tochter Sylvia wurde eineinhalb Jahre lang von ihren Mitschülern gemobbt – beleidigt, beschimpft und schließlich sogar körperlich angegriffen. Brigitte Hamacher litt mit ihrer Tochter, versuchte alles, um ihr zu helfen. Als Sylvia Suizidgedanken entwickelte, hatte die Mutter panische Angst, sie zu verlieren. Mittlerweile – mit 20 Jahren – geht es Sylvia wieder gut. Brigitte Hamacher berät und behandelt heute als Coach und psychologische Beraterin Mobbingbetroffene. Im Gespräch mit Julia Ladebeck sagt die 47-Jährige, wie sich Eltern verhalten sollten, wenn ihr Kind gemobbt wird.
16.04.2013, 05:00
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„Eltern sollten zuhören“

"Schuldzuweisungen sind das letzte, was ein Mobbingbetroffener gebrauchen kann", sagt Brigitte Hamacher. Die Opfer bräuchten in erster Linie Vertrauen.

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Ihre Tochter Sylvia wurde eineinhalb Jahre lang von ihren Mitschülern gemobbt – beleidigt, beschimpft und schließlich sogar körperlich angegriffen. Brigitte Hamacher litt mit ihrer Tochter, versuchte alles, um ihr zu helfen. Als Sylvia Suizidgedanken entwickelte, hatte die Mutter panische Angst, sie zu verlieren. Mittlerweile – mit 20 Jahren – geht es Sylvia wieder gut. Brigitte Hamacher berät und behandelt heute als Coach und psychologische Beraterin Mobbingbetroffene. Im Gespräch mit Julia Ladebeck sagt die 47-Jährige, wie sich Eltern verhalten sollten, wenn ihr Kind gemobbt wird.

Wie alt war Ihre Tochter, als das Mobbing losging?Brigitte Hamacher:

Meine Tochter war 14 Jahre alt und in der siebten Klasse. Ihre Freundinnen wandten sich plötzlich von ihr ab. Dann kam noch dazu, dass auf einer Kursfahrt nach England Gerüchte über sie verbreitet wurden. Ihre Mitschüler machten sich einen Spaß daraus, zu erzählen, sie sei leicht zu haben. Woraufhin sie von älteren Schülern bedrängt und sexuell belästigt wurde. Auch im Internet wurde sie beschimpft.

Wie haben Sie erfahren, dass Ihre Tochter gemobbt wird?

Meine Tochter und ich haben von jeher ein gutes Verhältnis zueinander gehabt. Sie hat mir immer alles erzählt. Ich war von Anfang an informiert und als wir merkten, dass es sich nicht um einen einfachen Konflikt handelte, sondern um Mobbing, habe ich sofort alles in Bewegung gesetzt, alles was mir möglich war.

Was haben Sie unternommen?

Als uns klar wurde, dass es sich nicht nur um Gezicke unter pubertierenden Teenies handelte, haben wir den Mittelstufen-Koordinator, der auch ihr Sportlehrer war, einige Lehrer sowie den Klassenlehrer eingeschaltet. Kurze Zeit später wurde auch der Direktor involviert. Ab diesem Zeitpunkt war ich Dauergast in der Schule.

Hat die Schule geholfen?

Es wurden Gespräche in der Klasse geführt, die mit dem Satz begannen: "Sylvia fühlt sich von euch gemobbt." Dann sollte sie erklären, was sie an der Situation stört. Diese sogenannten Klärungsversuche verschlimmerten die Situation meiner Tochter drastisch. Der Klassenlehrer hatte überhaupt keine Ahnung und war hoffnungslos überfordert. Weil mir die Schule nach einem tätlichen Angriff die Sicherheit unserer Tochter weder geben noch garantieren wollte, ermöglichte der Direktor einen Schulwechsel. Bei der Abschlusskonferenz entschuldigte er sich bei Sylvia und mir dafür, die Situation falsch eingeschätzt zu haben. Sie als Opfer musste gehen. Die Täter wurden seitens der Schule nie bestraft.

Wurde die Polizei eingeschaltet?

Die Polizei wurde damals erst eingeschaltet, als Sylvia mit einem schweren Schleudertrauma und einer Nieren-Prellung ins Krankenhaus musste. Ich habe eine Anzeige bei der Polizei gegen eine Schülerin gemacht, von der wir wussten, dass sie die Täterin war.

Würden sie aus heutiger Sicht – in der Rückschau – etwas anders machen?

Das ist eine schwierige Frage, da mir heute andere Mittel zur Verfügung stehen. Aus heutiger Sicht würde ich mich nicht mehr vertrösten lassen. Die Schule hat die Fürsorgepflicht ihrer Schutzbefohlenen. Das bedeutet, dass es die oberste Pflicht des Lehrkörpers ist, Schülern beizustehen. Das Strafgesetzbuch hat doch da ganz klare Vorgaben, nur leider ist oftmals die Scham derartig groß, dass man davor zurückschreckt. Außerdem würde ich meine Tochter heute viel früher zum Coach schicken. Das – und das Schreiben ihres Buches "Tatort Schule – Gewalt an Schulen" hat ihr später geholfen, die Erlebnisse zu verarbeiten.

Was raten Sie Eltern von Kindern, die gemobbt werden?

Eltern sollten ihren Kindern vor allen Dingen vertrauen und glauben. Sie sollten das, was ihr Kind erzählt, nicht infrage stellen und ihm immer wieder sagen, dass es gut so ist, wie es ist und dass sie es lieben. Eltern sollten zuhören, was ihre Kinder zu erzählen haben, sie und ihre Gefühle und Ängste ernst nehmen. Außerdem sollten sie auf jeden Fall die Schule informieren und in die Pflicht nehmen. Je mehr Eltern das tun, desto schwieriger wird es auch für die Politik, wegzuschauen. Nur so wird sich in Zukunft etwas ändern.

Und gibt es Fehler, die Eltern unbedingt vermeiden sollten?

Schuldzuweisungen sind das letzte, was ein Mobbingbetroffener gebrauchen kann. Kinder in dieser Situation reagieren oft sehr empfindlich und stellen sich und ihr Leben infrage. Sie brauchen vor allem Zuspruch und jemanden, dem sie sich anvertrauen können. Fragen wie: "Was hast du dazu beigetragen?" oder "Warum trifft es immer dich?"sind wenig hilfreich. Sie machen das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern nur schwieriger.Vortrag in Vegesack: Im Rahmen einer Vortragsreihe schildern Brigitte und Sylvia Hamacher ihre Erfahrungen. Nach Vegesack hatte die Agentur Artischocke Mutter und Tochter zu einem Vortrag eingeladen. Der geplante Termin am Mittwoch dieser Woche, teilte die Agentur gestern mit, muss allerdings aus Krankheitsgründen ausfallen. Ein neuer Termin soll bekannt gegeben werden. Die Veranstaltungsreihe "Der Rede Wert" der Agentur Artischocke behandelt aktuelle Themen aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Gesundheit/Medizin.

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