Größere Kita-Gruppen geplant Eltern und Erzieher werfen Senat Versagen vor

Nach der Ankündigung der Bildungssenatorin, die Kita-Gruppen um ein Kind vergrößern zu wollen, üben Elternvertreter, Kita-Beschäftigte und Opposition massive Kritik an den Plänen.
11.05.2017, 17:02
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Eltern und Erzieher werfen Senat Versagen vor
Von Sara Sundermann

Nach der Ankündigung der Bildungssenatorin, die Kita-Gruppen vergrößern zu wollen, üben Elternvertreter, Kita-Beschäftigte und Opposition massive Kritik an den Plänen.

Protest von Eltern, massive Kritik von Erziehern: Die Kindergartengruppen in Bremen sollen von 20 auf 21 Kinder wachsen. Die Elternvertretung will das nicht hinnehmen. „Der Senat gibt nun sein Versagen beim Kita-Ausbau öffentlich bekannt“, sagt Andreas Seele von der Zentralelternvertretung (ZEV). Und er geht noch einen Schritt weiter: „Wenn die geplante Vergrößerung der Gruppen umgesetzt wird, werde ich persönlich den Bürgermeister zum Rücktritt auffordern, weil der Senat seinen Koalitionsvertrag bricht.“

Der Senat habe versprochen, die Qualität der Kinderbetreuung zu verbessern, sagt Seele. Doch das Gegenteil sei nun der Fall, die Betreuung verschlechtere sich: „Es geht nur noch um Quantität, auf Qualität in Kitas wird verzichtet.“ Die Zahl der Krankheitsfälle bei Erziehern werde ansteigen, befürchtet er: „Irgendwann ist die Belastungsgrenze erreicht.“

Lesen Sie auch

Andreas Seele, der selbst SPD-Mitglied ist, ist angesichts des vermasselten Kita-Ausbaus in den vergangenen Jahren wütend auf seine eigene Partei. Eltern würden auf den Arm genommen, sagt Seele. Er habe in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass mehr Kita-Plätze benötigt würden und damit in der Politik kein Gehör gefunden.

Scharfe Kritik ernten die Pläne für eine Vergrößerung der Kindergartengruppen auch bei Vertretern von Kita-Beschäftigten: „Das ist eine völlige Bankrotterklärung dieses Senats“, sagt Grit Wetjen, Personalratsvorsitzende beim städtischen Kindergarten-Betreiber Kita Bremen. „Eltern, Kinder und Kita-Beschäftigte müssen jetzt ausbaden, was die Politik versäumt hat.“ Der verschlafene Kita-Ausbau sei ein bundesweites Problem, urteilt Wetjen, aber Bremen habe den Ausbau in der Vergangenheit besonders stark verschlafen.

Zu große Gruppen und fehlende Fachkräfte

Schon jetzt fehle es in Kitas an Personal und seien Gruppen zu groß, um individuell auf Kinder einzugehen, sagt die Personalratsvorsitzende. „Schon jetzt ist Arbeit in vielen Kitas Dauerstress, und der wird jetzt noch größer.“ Die Möglichkeiten, Kinder zu fördern, würden schlechter.

Dabei droht neben größeren Gruppen noch der Fachkräftemangel: Für die 35 geplanten Container-Kitas, die bis zum Sommer in Bremen entstehen sollen, ist längst noch nicht alles Personal gefunden. Von 200 ab August zu besetzenden Stellen in den Container-Kitas seien bislang nur 100 Stellen besetzt, sagt Wetjen.

Wenn nun durch größere Gruppen in Kitas nun weitere 600 Plätze entstehen, sei das mit etwa 80 zusätzlichen Stellen für Erzieher und Sozialassistenten verknüpft, so die Berechnung des Personalrats. Das heißt: Laut Personalrat fehlen noch rund 180 pädagogische Fachkräfte, die zum 1. August in Bremer Kitas gebraucht werden. Und das in Zeiten, in denen alle Bundesländer Erzieher suchen.

Lesen Sie auch

Gleichzeitig seien Abgänge von Erziehern ins Umland zu beobachten, sagen Grit Wetjen und ihr Kollege Toren Christians: Ihnen zufolge haben im vergangenen halben Jahr 20 Beschäftigte in Bremer Kitas gekündigt und arbeiten ab August in Kitas im Umland.

Auch die Opposition übt massiv Kritik: „Die Bildungssenatorin gesteht mit der geplanten flächendeckenden Qualitätsabsenkung in Kitas ihr eigenes Scheitern ein“, sagt Sandra Ahrens (CDU). Die Vergrößerung von Kita-Gruppen gefährde die frühkindliche Bildung und die Gesundheit der Beschäftigten. „Die Versäumnisse der letzten Jahre beim Kita-Ausbau fallen diesem Senat, der sich ironischerweise vor zwei Tagen noch selbst zu seiner Halbzeitbilanz gratuliert hat, auf die Füße“, kommentiert Sofia Leonidakis (Linke).

Konstruktive Vorschläge der Elternvereine

Ein konstruktiver Vorschlag für die Schaffung von zumindest einigen zusätzlichen Kita-Plätzen kommt von den Elternvereinen, die im Verbund Bremer Kindergruppen (VBK) organisiert sind. 122 Elternvereine betreuen laut VBK in 137 Kitas in der ganzen Stadt mehr als 1800 Kinder zwischen drei und sechs Jahren.

Sie finanzieren sich durch Mittel der Stadt, aber auch durch Elternbeiträge. „Die von Elternvereinen betriebenen Kitas sind von der geplanten Vergrößerung der Gruppen erst einmal ausgenommen“, sagt VBK-Geschäftsführerin Gabriele Helms. „Aber einige Elternvereine sind sicherlich bereit, zeitlich begrenzt zusätzliche Kinder aufzunehmen, wenn sie einen finanziellen Ausgleich dafür bekommen.“

Grund für die Vergrößerung der Kita-Gruppen ist, dass zum Sommer nicht genug neue Kitas fertig werden. Zum jetzigen Zeitpunkt dürfte es für Bremen schwer sein, noch etwas anderes zu machen, als die bestehenden Kita-Gruppen aufzustocken, wenn man allen Kindern einen Platz bieten will.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+