Planung Corveystraße erhitzt Gemüter / Bei Suche nach potenziellen Kita-Standorten geraten Spielplätze ins Visier

Eltern wehren sich gegen neue Dimension

Regensburger Straße. Was ist wichtiger: Eine neue Kindertagesstätte, die dringend benötigte Betreuungsplätze schafft, oder Platz zum Spielen und sich Auszutoben, in einem Stadtteil, der damit nicht reich gesegnet ist? Das ist schwer zu beantworten. Es war in Findorff lange gewünscht, dass auf dem Spielplatz an der Corveystraße wieder Kinderbetreuung möglich ist.
12.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Eltern wehren sich gegen neue Dimension

Im hinteren Bereich des Spielplatzes, wo sich unter anderem auch das Basketballfeld befindet, soll die neue Kita entstehen. AVE·

Roland Scheitz

Was ist wichtiger: Eine neue Kindertagesstätte, die dringend benötigte Betreuungsplätze schafft, oder Platz zum Spielen und sich Auszutoben, in einem Stadtteil, der damit nicht reich gesegnet ist? Das ist schwer zu beantworten. Es war in Findorff lange gewünscht, dass auf dem Spielplatz an der Corveystraße wieder Kinderbetreuung möglich ist. Doch das Vorhaben hat mithin eine Dimension angenommen, die die öffentliche Spielfläche schmerzhaft verkleinern würde. Während der jüngsten öffentlichen Sitzung des Findorffer Beirats wurde leidenschaftlich und mitunter lautstark über die Zukunft des Spielplatzes debattiert. Er ist nicht der einzige seiner Art in Findorff, der aktuell zur Debatte steht.

780 Quadratmeter: Das war die Zahl, die bereits im Vorfeld für Aufregung sorgte. So groß ist nach aktuellen Planungen der Platzbedarf für den Kita-Neubau an der Corveystraße, in dem in ungefähr zwei Jahren vier Kindergruppen einziehen könnten. Ende 2015 hatte der Beirat noch einen Entwurf abgesegnet, der 665 Quadratmeter des insgesamt rund 3200 Quadratmeter großen Spielplatzes vereinnahmt hätte.

Ein ausgebauter Küchen- und Techniktrakt sowie eine großzügigere Fluchttreppe hatten die Grundfläche vergrößert, erklärte Projektleiter Volker Hach von Immobilien Bremen. Und noch in den Stunden vor der Sitzung hatte Peter Dick von der Fachaufsicht KiTa Bremen mit Hochdruck Kompromissvorschläge vorbereitet, um den Flächenbedarf zu reduzieren. Das Publikum ließ sich damit nicht mehrheitlich gewinnen.

„Wir lassen uns die einzige Freifläche in Findorff nicht nehmen!“, rief ein Vater. „Wo sollen unsere Kinder denn noch spielen, wenn alles zugebaut ist?“, fragte sich eine Nachbarin. Sie kritisierte, dass in unmittelbarer Nähe des neuen Übergangswohnheims „noch ein Klotz“ entstehen solle. „Schweren Herzens“ habe man sich auf den ursprünglichen Entwurf eingelassen, sagte Sonja Großewinkelmann vom Vorstand der Elterninitiative „Flitzmäuse“. Doch mittlerweile habe sie das Gefühl, „dass das, was wir wünschen und brauchen, dort oben nicht ankommt.“

Die Pläne haben „nichts mehr damit zu tun, was wir eigentlich wollten“, konstatierte auch Danja Schönhofer aus dem Vorstand des Vereins „Kieselknirpse“.

Dabei hatte es zunächst nach einem Happy End ausgesehen. Jahrelang hatten sich Elternvereine und Spielplatzinitiativen für einen Neubau an der Corveystraße eingesetzt. Das gelbe Spielhaus, das vierzig Jahre lang zur Kinderbetreuung genutzt worden war, war baufällig und nicht mehr zu sanieren: Es wurde vor fünf Monaten abgerissen.

Die ansässigen Gruppen waren bereits im September 2012 in das ehemalige Horthaus an der Augsburger Straße ausgelagert worden. Im Herbst 2012 ließ die Sozialsenatorin verkünden, dass es den Neubau geben werde. Im Sommer des vergangenen Jahres präsentierte Ressortvertreter Peter Dick dem Bildungsausschuss erste Entwürfe. Im Dezember befürwortete der Beirat mit einstimmigem Votum den Bau einer zweigeschossigen Kindertagesstätte, die als Modellprojekt für die ganze Stadt dienen könnte (wir berichteten).

Die nun erneut überarbeiteten Vorplanungen hatten bereits im Vorfeld Kritik ausgelöst. Vertreter der ansässigen Elternvereinen schlugen Alarm: Mit der „riesigen neuen Kindertagesstätte“ würde die freie Spielfläche nahezu halbiert werden, kritisierten Anke Bittkau und Sandra Stoessel von der Spielplatzinitiative. Die Initiative „Leben in Findorff“ nannte die Planungen „verfehlt und kurzsichtig“. Es sei „kinderfeindliche Politik“, in dicht besiedelten Stadtteilen „Kinderbetreuung auf Kosten von Spielplätzen zu organisieren“, so deren Sprecher und Grünen-Beiratsmitglied Ulf Jacob. In der Beiratssitzung forderte er, „die Reißleine zu ziehen“ und das gesamte Projekt auf den Prüfstand zu stellen.

Bedenken meldete auch Beate Böhme an. Die Leiterin des angrenzenden Kinder- und Familienzentrums an der Augsburger Straße berichtete, sie habe „nur zufällig“ von der Planung gehört, als Ersatzfläche für das Basketballfeld ein Stück ihrer Einrichtung abzuzweigen. Außerdem würde die geplante Zuwegung aus Richtung Augsburger Straße dazu führen, dass Autos „direkt neben der Sandkiste vorbeifahren, in der unsere Kinder spielen.“ Sie halte es für „ganz schwierig, die Interessen gegeneinander auszuspielen“.

Bürgerschaftsmitglied Matthias Güldner befand: Nötig sei eine Lösung, die „keinesfalls gegen die Interessen im Stadtteil“ gehe, sagte der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Grüne. Kritisch äußerte sich auch Ulrike Kulenkampff, verantwortlich für Spielraumplanung im Sozialressort. „Kein Beirat kann entscheiden, dass mein Spielplatz zugebaut wird“, mahnte sie und berichtete, dass sie bereits mit der Sozialsenatorin Gespräche aufgenommen habe.

Eine Entscheidung wurde an diesem Abend auch nicht getroffen. Beiratssprecherin Gönül Bredehorst beauftragte die zuständigen Stellen, die Pläne bis zur nächsten Sitzung des Bauausschusses am 31. Mai erneut zu überarbeiten.

Zuvor hatte CDU-Sprecher August Kötter betont, wie dringend Betreuungsplätze in Findorff gesucht werden. Bauausschusssprecherin Hille Brünjes (SPD) bestätigte: „Wir können es uns nicht leisten, das Projekt auf Null herunterzufahren.“ Linken-Sprecher Christian Gloede sprach sich im Anschluss an die Sitzung für den „längst überfälligen Ausbau von Kita-Plätzen“ im Stadtteil aus. Dringlich sei nun, so Gloede, „schnellstens Planungssicherheit in Bezug auf die Corveystraße herzustellen und weitere Kita-Standorte zu finden“.

Viele Alternativen sehen Kita-Planer im dicht bebauten Findorff nicht: Als potenzielle Bauplätze sind seit einigen Monaten auch die Spielplätze an der Nürnberger Straße und Halberstädter Straße im Visier.

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