Friedensreich-Hundertwasser-Raum in der Kunsthalle wird in einem zweitägigen Happening übermalt

Ende der Woche endet die Linie

Der Raum ist ein Gesamtkunstwerk: Fensterscheiben, Wände, Waschbecken, alles ist bemalt. Um Monate haben die Linien das Ende der Friedensreich-Hundertwasser-Ausstellung in der Kunsthalle überdauert – vor allem auch, weil die Besucher von der Wirkung des Raumes hellauf begeistert waren. Am Sonnabend und Sonntag, 24. und 25. August, werden die Wände überstrichen, die Fensterscheiben gereinigt. Das Publikum darf zusehen.
22.08.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Kerstin Thompson

Der Raum ist ein Gesamtkunstwerk: Fensterscheiben, Wände, Waschbecken, alles ist bemalt. Um Monate haben die Linien das Ende der Friedensreich-Hundertwasser-Ausstellung in der Kunsthalle überdauert – vor allem auch, weil die Besucher von der Wirkung des Raumes hellauf begeistert waren. Am Sonnabend und Sonntag, 24. und 25. August, werden die Wände überstrichen, die Fensterscheiben gereinigt. Das Publikum darf zusehen.

Altstadt. Das temporäre Kunstwerk "Die Linie des Lebens" wird diese Woche verschwinden. Die Kunsthalle lässt den Raum, der im Herbst vergangenen Jahres nach dem Vorbild von Friedensreich Hundertwassers Arbeit "Die Linie von Hamburg", von 1959 entstanden ist, überstreichen. Nicht heimlich, still und leise, sondern am Sonnabend und Sonntag, 24. und 25. August, vor den Augen der Besucher.

Hundertwasser hatte gemeinsam mit Bazon Brock und Hamburger Kunststudenten die "Linie von Hamburg" gemalt. Die Kunsthalle Bremen hat sie 2012 als "Die Linie des Lebens" in enger Zusammenarbeit mit Bazon Brock, Joachim Hofmann und seinen Studierenden aus dem Studiengang Digitale Medien an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen gestaltet.

Im Geiste des Originals haben sie ohne Unterbrechung – und mehr als 50 Stunden lang – eine Linie gezogen und die Große Galerie im Erdgeschoss des Museums in eine begehbare Spirale verwandelt. Projektleiterin Katja Riemer begleitete das Projekt und wird auch dabei sein, wenn die Wände dieses Wochenende übermalt werden. "Damals habe ich freiwillig ununterbrochen mitgemacht, weil ich das als mein persönliches Experiment gesehen habe", sagt die Kunsthistorikern. Sie habe alle mit Kaffee versorgt und maximal zwei Stunden in der Zeit geschlafen.

Die Studenten haben sich in Schichten als Vierer-Teams abgewechselt. Den Raum einmal zu umrunden, dauerte 45 Minuten. Dauerhaft im Museum zu sein, verbinde auch die Menschen, die daran beteiligt sind, sagen die Beteiligten. "Die Linien funktionieren nur zusammen."

"Ich habe auch eine Linie gezogen", sagt Katja Riemer und zeigt auf ihren Pinselstrich in dem Meer aus Wellen. Die einzelnen Beiträge sind zu unterscheiden. Manche haben stärker aufgedrückt, andere zarter, und weil Farbe auf dem Glas dickflüssig nicht gut halte, seien die Streifen auf den Fensterscheiben fast transparent. Verschiedene Strichstärken und Stile kennzeichnen das Kunstwerk, das dem von 1959 gar nicht so unähnlich ist. Gleich neben der Tür scheint zwischen zwei Linien der Elefant aus dem "Kleinen Prinzen" verschluckt zu sein. Das Tier muss einen neuen Unterschlupf suchen.

Es sei anstrengend gewesen, die unteren Linie zu malen "im Bücken, das unterschätzet man", sagt Katja Riemer. Andere arbeiten auf einem Gerüst, das durch den Raum geschoben wurde. "Einmal ist ein roter Farbeimer vom Gerüst runtergefallen", erinnert sich der Student Lars Grochla (24) aus Schwachhausen, einer der rund 30 Studenten der Hochschule für Künste (HfK), die die Linie des Lebens in der Kunsthalle gezogen haben. Auf dem glänzenden Boden, in dem sich sanft die Linien spiegeln wie auf einer Wasseroberfläche, können die Betrachter bei genauem Hinsehen noch Spuren davon erkennen. Tobias Hentze (26) aus Walle sieht dem Übermalen mit gemischten Gefühlen entgegen. Beide finden das Ende der Linie etwas schade. "Das war doch unser Wohnzimmer." Bei der dreitägigen Aktion sei es immer gemütlicher geworden, dank Stühlen und Couch. "Wir haben das Tag- und Nachtgefühl verloren", sagen die beiden Studenten, und Katja Riemer ist es genauso gegangen.

"Das ist eine besondere Aktion für uns gewesen", sagen Lars Grochla und Tobias Hentze stellvertretend für die Gruppe, die international besetzt war. Die wenigsten in der Gruppe kommen aus Deutschland. "Das Hundertwasser-Projekt hat uns zusammengeschweißt", sagt Tobias Hentze. Besonders angetan waren er und Lars Grochla im Rückblick von den interdisziplinären Beiträgen zur Inspiration der Linienzieher, besonders von dem Vortrag "long time no see – zur Zeitwahrnehmung im Strafvollzug" von Michael Brinkmann-Poser und von dem abendlichen "Zeittunnel" von Norman Stenschke vom Olbers-Planetarium.

Übermalen mit Musik

Auch das Übermalen ist von Vorlesungen begleitet. Den Auftakt des Happenings macht am Sonnabend, 24. August, um 19.30 Uhr ein Konzert mit Lesung. Als Raum-Klanginstallation werden sowohl Werke von Komponisten wie György Ligeti, Sergej Newski, Hans Otte und Claudia Birkholz aufgeführt und moderiert, als auch sechs Ergebnisse aus einem bundesweiten Literaturwettbewerb zum Thema "Linie des Lebens – Lebenslinien" vorgetragen. Studierende der HfK, die die Linie im Oktober 2012 gemalt haben, werden die Wände zur Live-Musik weiß überstreichen. Sie greifen in Wort, Bild und Klang das Thema der Linie des Lebens noch einmal auf. Ausgewählte Texte des Literaturwettbewerbs können bereits jetzt auf der Website der Kunsthalle angesehen werden.

Am Sonntag, 25. August, um 15 Uhr geht das musikalische Happening mit Kindern und Familien in die nächste Runde: Insgesamt acht Mädchen und Jungen können sich beteiligen: vier Kinder von der Schule am Baumschulenweg in Schwachhausen und vier Kinder, die während des Projektes auf die St.-Joseph-Schule gegangen und in der Zwischenzheit auf die St.-Johannis-Schule gewechselte sind.

Während der Familienaktion und danach sind Kinder, Eltern, Großeltern und alle anderen dazu eingeladen, bei musikalischen Improvisationen mit Alltagsgeräten und am Konzertflügel mitzumachen.

Die Linie des Lebens wird übermalt: Sonnabend, 24. August, 19.30 Uhr, Konzert mit Lesung. Sonntag, 25. August, 15 Uhr, Familienaktion. Der Eintrittspreis für das Erwachsene beträgt zwölf Euro, ermäßigt acht Euro, und für Kinder fünf Euro. Mehr Infos in der Kunsthalle, Am Wall 207 und auf www.kunsthalle-bremen.de, unter der Rubrik Ausstellungen.

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