Kultlokal im Viertel verändert sich Ende eines Kultlokals

Die Gaststätte Rotkäppchen im Viertel gilt vielen Bremern als Institution. Nun wird sie in ihrer jetzigen Form schließen. Das Gebäude hat einen neuen Eigentümer, der ein neues Rotkäppchen-Lokal plant.
08.02.2018, 19:44
Lesedauer: 4 Min
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Ende eines Kultlokals
Von Sara Sundermann

Im Viertel geht das Gerücht schon eine Weile um: „Das Rotkäppchen macht zu“. Nun ist klar: Das Kultlokal an der Kreuzung von Humboldtstraße und Am Dobben in seiner jetzigen Form schließt, der Pachtvertrag der Betreiberin läuft Ende März aus. Doch in Zukunft soll es an dieser Stelle wieder eine Gaststätte mit dem Namen „Rotkäppchen“ geben, kündigt der neue Eigentümer an.

Vor zwei Monaten hat das Grundstück mit Flachbau und Kneipe den Besitzer gewechselt. Der neue Eigentümer ist in der Stadt kein Unbekannter: Der Bremer Gastronom und Geschäftsmann Reza Najmehchi hat das „Rotkäppchen“ gekauft. Der 54-Jährige hat das Restaurant „El Mundo“ gegründet und sich im vergangenen Jahr nach 25 Jahren aus dem Betrieb des Restaurants zurück gezogen.

„Unser Interesse ist es, an der Humboldtstraße eine Gastronomie zu betreiben. Es wird weiter ein ‚Rotkäppchen‘ geben, vielleicht ein bisschen anders, aber die Gastronomie gehört zu dieser Stelle, und wir sehen dort große Chancen“, sagt Najmehchi.

"Das ist meine Stadt"

Er hat selbst eine Verbindung zu dem Lokal: „Ich habe als Student früher ganz in der Nähe gewohnt, ich habe im ‚Rotkäppchen‘ meine ersten Biere in Bremen getrunken“, erzählt er. Das neue Lokal an dieser Stelle möchte er selbst betreiben. Der gebürtige Iraner hat Erfahrung als Gastronom und fühlt sich Bremen verbunden: „Das ist meine Stadt.“

Die ersten sichtbaren Zeichen der Veränderung waren in der vergangenen Woche zu sehen, als mehrere Bäume vor dem „Rotkäppchen“ gefällt wurden. Was also geschieht an dem prominenten Standort? Der Flachbau, der das Bistro beherbergt, ist erkennbar in die Jahre gekommen.

Die roten Fassadenelemente auf dem Dach verwittern. „Das Gebäude ist marode“, sagt Najmehchi. Dort ein deutlich höheres Gebäude mit Wohnungen oben und Gastronomie unten zu errichten, liegt nahe. Der Bebauungsplan erlaubt an dieser Stelle vier normale Geschosse und zwei Staffelgeschosse.

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Der neue Eigentümer betont jedoch: „Ein Neubau ist eine Option, aber mein Wunsch wäre, das jetzige Gebäude im Gespräch mit der Stadt stark zu sanieren und zu Hochglanz zu bringen.“ Er habe noch nicht entschieden, ob er einen großen Betrag in einen Neubau investieren wolle, der dann seiner Einschätzung nach frühestens in zwei bis drei Jahren fertig sein könnte.

„Entweder reißen wir das alte Gebäude ab und bauen dort mehrstöckig, oder wir modernisieren das jetzige Gebäude“, sagt Najmehchi. Mit den Möglichkeiten eines Neubaus an dieser Stelle hatte sich zuletzt bereits das Architektenbüro Dietrich-Architekten befasst, das bekannte Gebäude wie den Anbau der Kunsthalle oder die Botanika gestaltet hat.

Die geplanten Veränderungen wecken das Interesse von Baubehörde und Ortsamt. „Wenn an dieser markanten Ecke gebaut wird, werden wir uns dafür einsetzen, dass der Architektenentwurf durch ein Gestaltungsgremium begutachtet wird, damit sich das Gebäude gut in die Umgebung einfügt und die Baukultur in Bremen hochgehalten wird“, kündigt Behördensprecher Jens Tittmann an.

Leicht intellektuell angehaucht

In einem solchen Gestaltungsgremium wären neben der Senatsbaudirektorin Iris Reuther auch die Ortsamtsleitung, der Beiratssprecher und zwei externe Architekten vertreten. Ortsamtsleiterin Hellena Harttung will sich dafür einsetzen, dass es im Fall eines Neubaus einen Architektenwettbewerb gibt. Das „Rotkäppchen“ gilt vielen Bremern als Institution.

Heute mutet die Gaststätte mit ihren eng mit Bildern behangenen Wänden und dem Wintergarten für Raucher nostalgisch an. Hier kehrten Chöre und Tänzer ein, ebenso wie Mitarbeiter des Theaters am Goetheplatz. Das „Rotkäppchen“ steht für Crêpes, selbst gebackenes Brot und Frühstücksbuffet am Wochenende. Ein alternativer Laden, leicht intellektuell angehaucht und seit den 90er-Jahren von Frauen geführt, so beschreibt es die Betreiberin.

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Das erste „Rotkäppchen“ war eine Kneipe, die nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Bremer Ehepaar Ilse und Heinz Triebel gegründet wurde. Die Triebels gründeten gleich fünf Läden in Bremen, die diesen Namen trugen, das „Rotkäppchen“ im Viertel ist das einzige, das es heute noch gibt. Und auch dieses wechselte manchmal den Namen und immer wieder die Betreiber.

Zuletzt kamen weniger Gäste

Zwischenzeitlich übernahmen die drei Frauen, die das „Médoc“ an der Friesenstraße betrieben, zusätzlich das „Rotkäppchen“ – bis heute haben beide Lokale eine ähnliche Speisekarte. Später, ab 2006, führte die jetzige Betreiberin Karen Piel-Marxcors das „Rotkäppchen“ mit zwei weiteren Frauen und leitet ihn seit 2011 allein. Zuletzt aber kamen weniger Gäste, sagt sie. Seit vergangenem Sommer machte Piel-Marxcors den Laden vormittags nicht mehr auf, auch das Frühstücksbuffet ist seit Januar gestrichen.

Sie führt den Kunden-Rückgang vor allem auf Veränderungen im Viertel zurück: „Man merkt die Gentrifizierung: Früher war das ‚Rotkäppchen‘ einer von wenigen Gastro-Betrieben hier, zuletzt haben am Ostertorsteinweg in zwei Jahren 46 neue Läden aufgemacht.“ Die Nachbarn seien älter geworden, viele Familien, die früher im Viertel wohnten, in die Neustadt gezogen.

Die gelernte Mediengestalterin aus Kaiserslautern blickt etwas wehmütig zurück: „Eine lange erlebnisreiche Phase geht zu Ende“, sagt sie. Wann genau das „Rotkäppchen“ schließt, will sie noch bekannt geben. Das Inventar des Lokals soll versteigert werden, kündigt sie an. Dann hellt sich ihr Gesicht trotz Wehmut für einen Moment auf: „Wenn ich noch mal einen Laden aufmache“, sagt sie und lacht, „dann heißt er ‚Der böse Wolf‘.“

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