Interview mit Stefan Reuter

„Energien nutzen, die einem der liebe Gott liefert“

Sie sorgen weltweit für vernünftige sanitäre Verhältnisse: Borda ist die zweitgrößte Nichtregierungsorganisation des Landes Bremen.
06.07.2017, 21:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Volker Kölling
„Energien nutzen, die einem der liebe Gott liefert“

Borda hat im indischen Devanahalli geholfen, dort eine Kleinkläranlage zu installieren und zu betreiben.

Julia Knop, Volker Kölling coast communication

Vor vierzig Jahren mündete internationale Solidarität meist in der Einrichtung eines Dritte-Welt-Ladens in der örtlichen Kirchengemeinde. Und viele sagten sich im Stillen: Damit muss es jetzt aber auch mal reichen. Warum war Borda an der Stelle schon so viel weiter?

Stefan Reuter: Weil wir nicht nur eine Betroffenheitsarbeit geleistet haben. Es ging darum, in den Zeiten der Ölkrise dieses Thema Energie neu und anders zu besetzen: Es nicht als Problem zu sehen, sondern mit dem Stichwort erneuerbare Energien als Chance zu begreifen.

Das klingt heute sehr nachvollziehbar, aber damals wurden doch Windradbauer und Teichkläranlagenbauer noch als Spinner verlacht.

Unter den Leuten, die damals bei Borda die Grundüberlegungen angeschoben haben, waren einige sehr verdiente Personen, welche die Zeiten der Energiekrise im und nach dem Zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Die haben das Thema ernstgenommen und überlegt, wie man die eigenen Erfahrungen in einen neuen Weg münden lassen könnte. Es ging darum, Menschen unabhängig zu machen von der Energie aus den arabischen Staaten. Unser Fokus lag dann praktisch bis Mitte der 90er Jahre bei Borda auf dem Bau von Biogasanlagen und ihrer Verbreitung.

Was war die Idee dahinter?

Es ging darum, in Tansania und Indien die Form von Energie zu nutzen, die einem der liebe Gott liefert – nämlich in Form von Sonnenenergie, Windkraft oder eben die Umwandlung von biologischen Abfällen zu Biogas. Aber irgendwann hatten wir eine ganze Reihe unserer Biogasanlagen im ländlichen Raum gebaut und mussten feststellen: Die Menschen ziehen trotzdem in Massen in die Städte und leben dort praktisch im eigenen Dreck. Das verstärkte den Fokus auf unser heutiges Hauptbetätigungsfeld. Heute sorgen wir dafür, dass die Menschen in diesen Städten eine menschenwürdige sanitäre Versorgung bekommen.

Und Sie helfen mit den Erfahrungen der historischen Stadtentwicklung in Deutschland?

Ja, wir haben auch hundert Jahre dafür gebraucht, um die Cholera in Bremen und Hamburg in den Griff zu bekommen. So lange hat es gedauert, eine wasserwirtschaftliche Verwaltung aufzubauen, um Stadtwerke zu mandatieren, Gebühren zu erheben, um eine Umweltgesetzgebung einzuführen. Das ist in jedem Fall eine öffentliche Aufgabe. Die kann dann bewältigt werden mit der Hilfe privater Unternehmen. Wasser ist ein geteiltes öffentliches Gut, und dafür bedarf es einer öffentlichen Gesetzgebung.

Und bei dem Aufbau einer solchen Verwaltung hilft dann Borda auch?

Wir bilden auf der einen Seite Handwerker aus, damit sie Kleinkläranlagen bauen können. Aber wir wirken auch auf die entsprechenden Ortssatzungen hin. Wir beraten die Kommune in Daressalam in Tansania oder Devanahalli in Indien, die Fachleute, die Stadtwerke wie man eine Gebührensatzung aufbaut, mit der ich den Handwerker dann auch bezahlen kann. Unsere Arbeit hat immer eine strukturelle Komponente und eine ganz praktische Komponente.

Wie sieht die Borda-Bilanz denn heute nach 40 Jahren aus?

Erstaunliche Dinge sind passiert: Was unsere Vorgänger als den neuen Weg in Angriff genommen haben, hat sich durchgesetzt. Die Verbindung von technischen Lösungen für erneuerbare Energien mit Entwicklungsprozessen funktioniert. Das wird genutzt in der Stadt- und Regionalplanung.

Dabei gibt es die Überzeugung, dass diese Dinge immer geplant und organisiert werden von denen, die dort wohnen – also auf kommunaler Ebene. Das alles ist heute Mainstream. Wir wissen heute: Wenn Entwicklungsprozesse gelingen sollen, klappt das nur mit einem Zusammenschluss von Regierungshandeln, von Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Gibt es Zahlen zur Borda-Bilanz aus 40 Jahren?

1978 hatten wir ein Jahresbudget von 100.000 Mark. Heute steuern wir die Zehn-Millionen-Marke in Euro an. Aus einer ehrenamtlich arbeitenden Fachleutegruppe ist heute eine Fachorganisation mit 400 Fachkräften geworden. 40 sind direkt hier angestellt, der Rest in den Regionen der 25 Länder, mit denen wir zusammenarbeiten.

Noch mehr freue ich mich aber, dass sich unsere Themen und Inhalte heute in den Zielen etwa der UN zu den Weltnachhaltigkeitszielen wie der Halbierung von unbehandelten Abwässern oder zu grünen Technologien, wie der Wiederverwertung von Nährstoffen, Wasser und Energie wiederfinden. Und das ist hier vor vierzig Jahren angeschoben worden.

Die Fragen stellte Volker Kölling.

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