Gedenken an KZ-Befreiung England war die Rettungsinsel

Vegesack. Am 3. Mai 1939 verabschiedete sich Charlotte Abraham auf dem Bremer Hauptbahnhof von ihren Eltern und stieg in den Zug nach Hamburg. Was die 15-Jährige nicht wusste: Sie sollte ihre Mutter und ihren Vater nie wiedersehen. Else und Max Abraham wurden am 18. November 1941 mit anderen Bremer Juden von den Nazis ins Ghetto Minsk deportiert, wo sie umkamen. Ihre Tochter hat den NS-Terror in England überlebt-als "Transportkind".
25.01.2010, 09:19
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Von Gabriela Keller

Vegesack. Am 3. Mai 1939 verabschiedete sich Charlotte Abraham auf dem Bremer Hauptbahnhof von ihren Eltern und stieg in den Zug nach Hamburg. Was die 15-Jährige nicht wusste: Sie sollte ihre Mutter und ihren Vater nie wiedersehen. Else und Max Abraham wurden am 18. November 1941 mit anderen Bremer Juden von den Nazis ins Ghetto Minsk deportiert, wo sie umkamen. Ihre Tochter hat den NS-Terror in England überlebt-als "Transportkind".

"10000 Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei schafften es zwischen Dezember 1938 und Ende August 1939 ins rettende Exil nach England", weiß Rolf Rübsam. Darunter waren rund 7500 jüdische Kinder. Sie wurden wie die Kinder anderer Verfolgter von ihren Eltern ins sichere Ausland geschickt. Bei einer Gedenkfeier zum Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 berichtete der frühere Lehrer und Mitbegründer der Internationalen Friedensschule Bremen gestern im Haus der Kirchengemeinde Alt-Aumund über die Transporte. Kinderschicksale unter dem Hakenkreuz sind ein Schwerpunkt der diesjährigen Bremer Veranstaltungen zum Gedenktag.

Auslöser für die Kinder-Rettungsaktion war die Judenhatz der Nazis in der Pogromnacht vom 9./10. November 1938. "Jüdische Gemeinden, Hilfsorganisationen und couragierte Persönlichkeiten in Großbritannien waren alarmiert." Der "Hilfsverein der Juden in Deutschland" organisierte hierzulande die Ausreise von Kindern zwischen sechs und 16 Jahren.

In großen Gruppen ging es meist via Holland auf die Insel. "Jedes Kind trug einen Aufkleber mit der Aufschrift ,Kindertransport', Namen und Nummer." Den Transport bezahlten die Eltern oder die jüdische Wohlfahrt. Die Nazis behinderten den Weg zum Überleben mit bürokratischen Hürden. Jedes Gepäckstück musste mit Kaufpreis aufgelistet werden und wurde besteuert. "Wer ein Einreisevisum und Freunde oder Verwandte in England als Bürgen vorweisen konnte, kam schneller raus aus Deutschland." Charlotte Abraham hatte beides. Mit 50 Kindern reiste sie am 3. Mai 1939 nach England. Wie die meisten kam sie in einer Familie unter. Die Lebensbedingungen, weiß Rübsam aus Erzählungen ehemaliger "Transportkinder", waren unterschiedlich. Viele Familien hätten die jungen Flüchtlinge wie eigene Kinder aufgenommen.

"Andere klagten, dass sie wie Dienstboten im Haushalt ausgenutzt wurden." Es gab auch Kinder, die in Flüchtlingscamps landeten. Aber sie waren in Sicherheit. "Alle diese Kinder gäbe es nicht mehr, wenn sie in Deutschland geblieben wären."Auch die Geschwister Dörte, Ursula und Walter Körbchen aus Bremen überlebten in England und den USA. Ihre älteste Schwester Beate wurde mit den Eltern in Auschwitz ermordet. Den Tod fanden auch 250 tschechische Kinder, die nach England reisen sollten. Zwei Tage vor ihrer am 3. September 1939 geplanten Abfahrt brach der Zweite Weltkrieg aus. Statt ins rettende Ausland führte der letzte Weg der Kinder in die Vernichtungslager im Osten.

Beim Gedenken der NS-Opfer am Standort der früheren Aumunder Synagoge auf dem Jacob-Wolff-Platz erinnerten die Schülerinnen Jacqueline Hoppe und Andrea Kaluza an acht jüdische Kinder aus Bremen-Nord, die im November 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet wurden: Manfred und Martha Cohen, Julius Neitzel, Hannelore und Ingrid Cohen, Werner Levy, Annemarie Weinberg und Eli Hahn. Ihre Namen stehen mit 68 anderen Nordbremer NS-Opfern auf einer Tafel, vor der Heike Sprehe und Thomas Pörschke vom Beirat Vegesack einen Kranz niederlegten.

 

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