Corona verhindert Vereinsleben

English Club steht vor dem Aus

Der English Club steht vor der Insolvenz, weil Corona das Vereinsleben unmöglich macht. Der Pub ist zu, Mitglieder treten aus, das Spendenaufkommen lässt nach. Eine kleine Chance aber gibt es noch.
17.04.2021, 14:03
Lesedauer: 5 Min
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English Club steht vor dem Aus
Von Marc Hagedorn
English Club steht vor dem Aus

Ihr würde es das Herz brechen, wenn der Klub schließen müsste: Karoline Halmai-Samel. Sie hat sich dem Verein, dessen Vizepräsidentin sie heute ist, Mitte der 90er-Jahre angeschlossen, als sie vor der mündlichen Magister-Prüfung in Englisch stand.

Christina Kuhaupt

Im Kühlschrank lagern Guinness-Dosen und Bierflaschen mit Kilkenny. Auf dem Billardtisch ist alles für eine Partie Pool vorbereitet, die Kugeln sind in der Triangel angeordnet, wie es sich gehört. Ein paar Meter weiter stecken Pfeile in der Dartsscheibe. Aber Darts hat hier im English Club in der Nähe des Hauptbahnhofes schon lange niemand mehr gespielt. Auch die Queues zum Billardspielen sind seit Monaten unberührt. Und wann hier das letzte Guinness oder das letzte Kilkenny getrunken wurde, weiß auch niemand mehr so genau. Muss auf jeden Fall im vergangenen Jahr gewesen sein.

„Wir befinden uns in der schwersten Krise seit Vereinsgründung“, sagt Andreas Möller, Schatzmeister des English Club. Schuld ist die Corona-Pandemie. Seit Monaten muss der Verein seine Räumlichkeiten geschlossen halten. Wenn nicht ein kleines Wunder geschieht, muss der Verein nach fast 35 Jahren Existenz im nächsten Monat Insolvenz anmelden.

Die alten Freunde sind weit weg

David Reid ist Kanadier. Vor zehn Jahren ist der Mathematik-Professor mit seiner Frau, einer Deutschen, nach Bremen gezogen. „In einem anderen Land zu leben, ist nicht so leicht“, sagt Reid. Die neue Sprache, der neue Job, das neue Umfeld, die alten Freunde sind weit weg. „Ich habe damals einen Ort gesucht, an dem ich relaxen kann, mal kein Deutsch, sondern Englisch sprechen durfte“, sagt er. Gefunden hat er den English Club. Heute ist er der Präsident.

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Bis vor einem Jahr hatte der Club noch 70 Mitglieder. Zweimal die Woche trafen sie sich, immer mittwochs und freitags in den Klubräumen im ersten Stock an der Bürgermeister-Smidt-Straße 3-5, um bei Bier, Wein, Whisky und Chips vielleicht über englische Literatur zu reden. Über das Leben in Bremen. Oder einfach nur über Gott und die Welt. Selbstverständlich auf Englisch. Andreas Möller, der Schatzmeister, ist überhaupt nur deshalb vor zwei Jahren eingetreten. Er arbeitet als Einkäufer bei EWE in Oldenburg, wollte sein Schulenglisch aufpolieren, was auch geklappt hat.

Mitglieder überlegen, was sie sich leisten wollen und können

Aber Corona macht das inzwischen alles schwieriger beziehungsweise unmöglich. Die Klubräume sind seit Monaten geschlossen. Das Geld, das der Verein hier sonst durch den Verkauf der Getränke, durch Events wie Motto-Partys, Quiz-Abende, Darts-Wettkämpfe oder durch Vermietungen eingenommen hat, fehlt komplett. Da die Pandemie nun schon seit über einem Jahr alle alten Gewissheiten in Frage stellt, werden die Menschen vorsichtiger. Kurzarbeit und die Angst um den Job sorgen dafür, dass sich auch die Mitglieder des English Clubs genau überlegen müssen, was sie sich noch leisten wollen und vor allem können. Zehn Mitglieder sind seit Beginn der Pandemie ausgetreten, macht in der Summe 1800 Euro an Beiträgen im Jahr, die nun fehlen. Genauso wie Spenden, die längst nicht mehr so großzügig fließen wie in der Vor-Corona-Zeit.

„Due to the lockdown, the club will be closed until further notice. We are looking forward to seeing everyone again when we can reopen.“ So steht es seit ein paar Monaten auf der Homepage des English Club. Zu deutsch: „Aufgrund des Lockdowns ist der Klub bis auf Weiteres geschossen. Wir sind zuversichtlich, alle wiederzusehen, wenn wir wieder öffnen dürfen.“ Schatzmeister Möller ist inzwischen nicht mehr so optimistisch. Er rechnet vor. 4000 Euro hatte der Klub Mitte März noch. Investitionen in Höhe von 1800 Euro sind in diesem Jahr unumgänglich. Die monatlichen Kosten, davon 1100 Euro Miete, belaufen sich auf 1700 Euro. „Heißt: Wir haben Ende dieses Monats noch 500 Euro“, sagt Möller. „Wenn bis dahin nichts passiert, müssen wir im Mai Insolvenz anmelden.“

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Ein letzter Versuch, den Klub noch zu retten

Die Zeit wird knapp, der Spielraum auch. In Gespräche mit dem Vermieter, der Deutschen Bahn, setzt man keine großen Hoffnungen. Der English Club hat zwar eine Satzung, steht im Vereinsregister und begreift sich als gemeinnützig, hat sich diese Gemeinnützigkeit aber nie vom Finanzamt anerkennen lassen. Das macht es jetzt schwer, an Corona-Hilfen zu kommen. Vielleicht gibt es Geld aus einem Topf des Senats, der Klubs und Vereine unterstützt, die bisher keine Mittel erhalten haben. Dass die Klubmitglieder jetzt so offen ihre Sorgen und Probleme schildern, ist „eine Flucht nach vorne“, wie Möller es ausdrückt. Ein letzter Versuch, den Klub noch zu retten.

Ein Mensch, dem es das Herz brechen würde, müsste der Klub schließen, ist Karoline Halmai-Samel. Sie stand Mitte der 90er-Jahre vor ihrer mündlichen Magister-Prüfung in Englisch und schloss sich deshalb dem Klub an. Heute ist sie Englisch-Dozentin und Vize-Präsidentin des Klubs. Über ihre 25 Jahre im Verein sagt sie: „Ich fühle mich hier großartig. Nette Leute, schöne Gespräche, man hat immer eine gute Zeit.“

Kein geschlossener Zirkel

Den Klubmitgliedern, auch wenn viele von ihnen akademisch geprägt sind, ist es wichtig, kein geschlossener Zirkel zu sein, der allein auf alles Britische fixiert ist. „Nationality makes no difference“, die Nationalität spielt keine Rolle, ist das Motto. Tatsächlich kommen die Mitglieder aus aller Herren Länder. Deutschland, Großbritannien, USA, Kanada, Australien, aber auch aus Frankreich, Sri Lanka oder Japan.

Vieles ist hier „low key“, wie man auf Englisch sagen würde, bescheiden und niedrigschwellig. Die Klubräume sind nicht schickimicki, eher urig. Im Eingangsbereich und im Klubraum stehen Regale mit Büchern, denen man ansieht, dass sie gelesen worden sind, William Shakespeare und Ian Fleming, die Biografie von Robbie Williams. Auf einem Brett über dem großen Fernseher mit Flachbildschirm liegen drei Krönchen, eine Anspielung auf die britische Monarchie. Und an der Theke gibt es neben Bier und Tee auch härtere Sachen.

Vereinspräsident Reid lebt berufsbedingt noch für eine ganze Zeit in Norwegen. Präsident und Mitglied ist er trotzdem geblieben. Aus Dankbarkeit, wie er sagt. „Weil mir der Klub damals das gegeben hat, was ich zu der Zeit gebraucht habe.“ Einen Ort, der ihn an die Heimat erinnert.

Info

Zur Sache

Wie es anfing mit dem English Club

Christian Kunz hat den Klub 1987 gemeinsam mit seiner Nachhilfelehrerin Lis Poulter gegründet, weil er sein Englisch fürs nachzuholende Abitur verbessern wollte – nicht nur über stures Pauken, sondern auch „übers alltägliche Sprechen in entspannter Atmosphäre“, wie er sagt. Heute ist Kunz Rechtsanwalt. Drittes Gründungsmitglied war Michael Seick. Anfangs traf man sich noch in Privaträumen, aber sehr bald schnellte die Teilnehmerzahl nach oben. Ein paar Mal ist der English Club danach umgezogen. Bis 2017 hatte er seine Klubräume im Haus Plantage 13, jetzt ist er in der Bürgermeister-Smidt-Straße zu Hause. Zu Spitzenzeiten waren 100 Mitglieder registriert. Gäste sind gern gesehen, drei Mal dürfen sie den Klub besuchen, danach müssen sie sich entscheiden, ob sie Mitglied werden wollen. Die Kontaktaufnahme ist unter www.englishclub.de möglich.

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