Alice Bargfrede bei "Wissen um elf" Epitaphe erzählen Lebensgeschichten

Altstadt. Für den Domherrn Ortgies Schulte ist nach seinem Tod ein steinernes Denkmal im Bremer St.-Petri-Dom angebracht worden: ein Epitaph. Bei "Wissen um elf" sprach Kunsthistorikerin Alice Bargfrede im Haus der Wissenschaft über diese eigenständige Kunstgattung innerhalb der Kultur des Todes und des Sterbens.
20.06.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Solveig Rixmann

Altstadt. Für den Domherrn Ortgies Schulte ist nach seinem Tod ein steinernes Denkmal im Bremer St.-Petri-Dom angebracht worden: ein Epitaph. Bei "Wissen um elf" sprach Kunsthistorikerin Alice Bargfrede im Haus der Wissenschaft über diese eigenständige Kunstgattung innerhalb der Kultur des Todes und des Sterbens.

In ihrem Vortrag "Die Bedeutung bildlicher Darstellungen auf Epitaphen am Beispiel eines Bremer Domherrn des 17. Jahrhunderts" erklärte die Wissenschaftlerin, wie Epitaphe nicht nur des Verstorbenen gedenken sollten, sondern auch Zeugnis über sein Leben ablegten.

Schon in der Antike habe es Epitaphe gegeben, dichterische Inschriften auf Gräbern für in der Schlacht Gestorbene. Diese Kunstform sei allerdings erst im 14. Jahrhundert wieder in Erscheinung getreten, sagte Bargfrede. Mit dem wachsenden Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums und des Adels wandelten sich Epitaphe zu aufwendig gearbeiteten Meisterstücken. Ein breites Spektrum entstand im Laufe der Zeit.

"Ein Epitaph ist ein Gedächtnismal für einen Verstorbenen im christlichen Sinne", sagte Alice Bargfrede, die gerade an ihrer Dissertation zu Epitaphen im Elbe-Weser-Dreieck arbeitet. So ein Epitaph ist kein Grabmal und befindet sich nicht am Grab des Verstorbenen. Insbesondere in der Funktion unterscheidet sich ein Grabmal von einem Epitaph.

Besucht man heute das Nordschiff des St.-Petri-Doms, fällt der Blick auf die Bachorgel. Mehr als 300 Jahre war unterhalb dieser Stelle das Epitaph für Ortgies Schulte angebracht. Heute befindet es sich nicht mehr im Dom. "Es existiert zwar noch, aber nur in Fragmenten", berichtete die Kulturwissenschaftlerin.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Epitaph für Ortgies Schulte bei einem Bombenangriff zerstört. Die, wie Alice Bargfrede findet, beiden schönsten Teile sind allerdings noch erhalten: das Relief und die Inschriftentafel. Sie befinden sich heute im Landesamt für Denkmalpflege.

Ortgies Schulte war Bremer Domherr, er starb 1612. Über ihn und das Epitaph gibt es kaum schriftliche Quellen. "Und man geht davon aus, dass auch das Epitaph 1612 gesetzt wurde", sagte Alice Bargfrede.

Politische, gesellschaftliche und religiöse Einflüsse jener Zeit spiegeln sich in seinem Epitaph wider. Das 16. Jahrhundert war durch den Humanismus geprägt. Menschliche und wissenschaftliche Bildung sowie die Studien antiker Schriften waren wichtig. Es war das Jahrhundert der Reformation. Auch der Bremer Dom war nicht länger katholisch, die Gemeinde vom Luthertum geprägt. Der höhere Klerus wurde vom Adel gestellt. Das Bürgertum der Stadt aber orientierte sich calvinistisch. Aus diesen Gegensätzlichkeiten ergaben sich erhebliche Spannungen, die zur zweiten Schließung des Doms, von 1561 bis 1638, führten.

Ein Epitaph soll an die Verdienste, Tugenden und Frömmigkeit des Verstorbenen erinnern. Nachreformatorisch war auch die Erinnerung an die Bildung, den Stand und die Herkunft sehr wichtig. Mit der Darstellung des Wappens und der Inschrift konnte die Familie dem Adel gegenüber einen Nachweis über ihre Herkunft führen.

Sieben Meter hoch und drei Meter breit ist das Epitaph von Ortgies Schulte, aus Marmor, mehrgeschossig und reich geschmückt. Zuoberst befindet sich die Wappenkartusche mit dem elterlichen Wappen. Darunter drei Säulen, zwischen denen die Evangelisten zu sehen sind.

Ein zentraler Punkt war die Inschriftentafel. Sie gibt schriftlich wieder, was das Epitaph bildlich darstellt und zeugt von Ortgies Schultes Verdiensten, seinem Glauben und gesellschaftlichem Rang. Das Relief aus Alabaster zeigt das Jüngste Gericht. Doch dessen Darstellung ist längst nicht mehr so angstbesetzt wie noch im Mittelalter. "Es zeigt den symbolisch richtenden Christus", erklärte Alice Bargfrede.

Für die Kirche bedeutete ein Epitaph einen Schmuck und die Darstellung der Glaubensaussagen. Sicherlich war auch eine Spende für die Kirche mit der Aufstellung verbunden. Es war ein Trost für die Nachfahren und ein Ort zum Gedenken.

Aber ein Epitaph hatte auch eine Bestimmung für die Betrachter und die Öffentlichkeit. Die Menschen sollen des Todes gedenken, des Todes des Verstorbenen, aber auch ihres eigenen.

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