Landgericht Bremen

Kindesentführer muss vier Jahre und drei Monate in Haft

Wegen Geiselnahme und schwerer räuberischer Erpressung hat das Landgericht Bremen einen 31-Jährigen zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Er hatte seinen eigenen Sohn entführt.
06.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Kindesentführer muss vier Jahre und drei Monate in Haft
Von Ralf Michel

Die gezeigte Reue und seine Entschuldigung bei den Opfern nahm das Gericht dem Angeklagten ab. Und auch sein umfassendes Geständnis wurde gewürdigt. Der Angeklagte habe Klartext geredet und „nahezu bedingungslos die Hosen runtergelassen“, konstatierte der Staatsanwalt. Doch vor dem Gefängnis bewahrte dies den 31-Jährigen nicht: Vier Jahre und drei Monate Haft wegen Geiselnahme und besonders schwerer räuberischen Erpressung lautete Freitag vor dem Landgericht das Urteil gegen den Mann, der seinen zweieinhalbjährigen Sohn mit Waffengewalt entführt hatte.

Am 13. August 2020 hatte der 31-Jährige seine Partnerin, die aus Angst vor ihm in das Haus ihrer Eltern geflohen war, mit vorgehaltener Pistole und einem Messer gezwungen, den älteren von zwei gemeinsamen Söhnen in einen Wagen zu setzen, und war anschließend mit ihm davongefahren. Zuvor hatte er der Frau und ihrer Familie damit gedroht, sich und das Kind umzubringen, wenn sie die Polizei einschalten würden.

Kindesentführer aus Bremerhaven verhandelte stundenlang mit der Polizei

Eine Drohung, die er am nächsten Tag noch mehrfach wiederholte, auch gegenüber der Polizei, die ihm bereits auf den Fersen war und telefonischen Kontakt mit ihm hielt. Er würde mit Tempo 200 gegen eine Brücke fahren, wenn man ihn weiter verfolge. Nach stundenlangem Verhandeln gelang es der Polizei letztlich, den Mann dazu zu bewegen, das Kind wieder zur Mutter zurückzubringen. Danach versuchte er zu flüchten, wurde aber wenig später festgenommen.

Dass er das Kind lebend zurückbrachte, sollte vor Gericht ein entscheidender Faktor bei der Strafzumessung werden. Auf Geiselnahme steht eine Mindeststrafe von fünf Jahren Gefängnis. Doch das Zurückbringen des Opfers gilt qua Gesetz als „tätige Reue“ – ein Strafmilderungsgrund, der den Strafrahmen von mindestens fünf auf mindestens zwei Jahre verschiebt.

Dieser Aspekt kam auch hier zum Tragen, obwohl die Begleitumstände der Tat auf alles andere als einen minder schweren Fall deuteten, wie der Staatsanwalt und später auch die Vorsitzende Richterin in der Urteilsbegründung betonten: der Einsatz von Waffen, die Todesdrohungen, nicht zuletzt sein durchgehend „hochmanipulatives Verhalten“, allein darauf ausgerichtet, „irgendwie heil aus der Sache rauszukommen“.

Entführung seines Sohnes geschah während laufender Bewährungsstrafen

Es gab zwei weitere Faktoren, die gegen den Angeklagten sprachen: Zum einen die lange Liste seiner Vorstrafen – 23 Eintragungen enthält das Bundeszentralregister, die Geiselnahme geschah während zweier laufender Bewährungsstrafen. Zum anderen die schwerwiegenden Folgen seiner Tat für die Opfer-Familie. Seine Partnerin leidet bis heute an Schlafstörungen und Panikattacken, noch schwerer traf es ihre Schwester, der der Mann die Pistole direkt an den Kopf gehalten hatte. Die damals 16-Jährige leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und befindet sich in psychologischer Behandlung.

Auch das entführte zweieinhalbjährige Kind sei keineswegs so unversehrt zurückgebracht worden, wie es nach außen hin vielleicht den Anschein habe, betonte die Anwältin der Familie, die als Nebenklägerin vor Gericht auftrat. „Er hat vielleicht keine blauen Flecke oder Brüche, aber er ist psychisch verletzt.“ Auch der Junge befinde sich in psychologischer Behandlung. „Das alles hat eine unvorstellbare Dimension für die ganze Familie, der Schock muss erst noch verarbeitet werden.“

Der Angeklagte selbst richtete das ihm zustehende letzte Wort an seine Opfer. Er schäme sich und es täte ihm leid, sein Verhalten sei absolut inakzeptabel, bat er um Entschuldigung. „Ich weiß, in welche Situation ich euch gebracht habe.“ Er habe Angst, was nach der Haft komme, und dass er rückfällig werde. Deshalb wolle er eine Verhaltenstherapie beginnen und auch nicht mehr nach Bremerhaven zurückkehren.

Die Vorsitzende Richterin schien er damit nicht zu überzeugen. Das klinge alles gut und schön, aber er habe ja bereits mehrfach Therapien durchlaufen. „Irgendwann müssen Sie doch auch mal etwas daraus lernen.“ Und seine Partnerin dürfte ohnehin vor allem beim letzten Satz des Mannes aufgehorcht haben: „Ich liebe meine Kinder und werde um sie kämpfen.“

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