Ärzteversorgung

Erfolg trotz Ärzteschwund

Gute Nachrichten aus Gröpelingen: Dort sind in den vergangenen Monaten zwei alteingesessene Arztpraxen von jungen Medizinern übernommen worden. Dies erspart Patienten lange Wege in andere Stadtteile.
10.03.2019, 21:01
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Erfolg trotz Ärzteschwund
Von Anne Gerling
Erfolg trotz Ärzteschwund

Freuen sich, dass es mit der ärztlichen Versorgung im Bremer Westen voran geht: Helmut Zachau (v.l.), Claudia Gerken und Johannes Grundmann.

Roland Scheitz

Mehrere Monate lang hat Internist Johannes Grundmann intensiv gesucht. In Delmenhorst ist der 67-Jährige schließlich fündig geworden und konnte das dort ansässige Arzt-Ehepaar Anja und Torsten Gerke als Nachfolger für die hausärztliche Praxis gewinnen, die er 31 Jahre lang am Pastorenweg 173 betrieben hat. „Der Kontakt bestand seit Februar 2018, Ende Juni wurde der Praxisübernahmevertrag unterschrieben“, erzählt Grundmann. Zum 1. Januar hat das Paar die Praxis schließlich übernommen.

Was Grundmann, der auch Vizepräsident der Bremer Ärztekammer ist, dabei ganz besonders freut: Seine 39 beziehungsweise 41 Jahre alten Nachfolger sind Fachärzte für Innere Medizin und für Nephrologie, also Nierenerkrankungen. Beide haben Erfahrungen im Klinikbereich und sich nun ganz bewusst dafür entschieden, in einer hausärztlichen Praxis zu arbeiten. „Es freut mich, dass so qualifizierte Ärzte nach Gröpelingen kommen“, sagt Grundmann und ergänzt: „Ich freue mich persönlich, dass die Praxis am Pastorenweg nun 65 Jahre lang besteht.“

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Das ist keine Selbstverständlichkeit; denn auch in Bremen macht sich der allseits beklagte Ärzteschwund mittlerweile deutlich bemerkbar. Immer häufiger finden die niedergelassenen Ärzte keine geeigneten Nachfolger mehr. Vor allem in sozial benachteiligten Stadtteilen fehlen mittlerweile zum Beispiel Haus- und Kinderärzte. So haben im Bremer Westen im Jahr 2012 zwei Röntgenärzte, ein Lungenfacharzt und ein fachärztlicher Internist ihre Tätigkeiten im Stadtteil eingestellt. Auch mehrere hausärztliche Praxen – drei Doppelpraxen und zwei Einzelpraxen – mussten geschlossen werden, nachdem sich trotz intensiver Suche kein Nachfolger gefunden hatte. In Walle habe ein Mediziner drei Jahre lang vergeblich nach einem Nachfolger ­gesucht, weiß Grundmann; zum 31. März müsse der Kollege die Praxis nun tatsächlich schließen.

Anteil an Privatpantienten in Gröpelingen gering

Gröpelingen gilt unter Ärzten nicht unbedingt als Traum-Standort – unter anderem deshalb, weil der Anteil der Privatpatienten hier deutlich geringer ist als in anderen Stadtteilen. Aber auch, weil dort Menschen vieler unterschiedlicher Nationalitäten leben und Untersuchungen und Behandlungsgespräche dementsprechend aufwendiger sind als in Stadtteilen, in denen die Patienten überwiegend die Muttersprache Deutsch sprechen.

In den Arztpraxen haben sich die Teams längst auf die Bedürfnisse ihrer Patienten eingestellt. „Wir bieten Deutsch, Englisch, Spanisch und Türkisch an und haben eine arabischsprachige Praktikantin. Den Familien sagen wir, dass sie Dolmetscher mitbringen sollen, wenn sie das erste Mal zu uns kommen. Danach verständigt man sich meistens auch so, denn viele Mütter wissen dann schon, welche Fragen ich jedes Mal stelle“, sagt etwa Claudia Gerken, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, die im vergangenen Jahr die Kinderarztpraxis an der Gröpelinger Heerstraße 221 von Vorgänger Nurettin Kilic übernommen hat.

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Eine bewusste Entscheidung, wie die 42-Jährige erzählt: „Mir war klar, es soll in den Bremer Westen gehen.“ Denn seit 2012 war Gerken im Bremer Gesundheitsamt als Stadtteilärztin für Walle beschäftigt und kannte das Gebiet und viele Kinder dort bereits gut. Im Amt hätten ihr vor allem die Patientengespräche zum Beispiel über konkrete Erkrankungen oder Probleme gefehlt, erzählt Gerken. „Deshalb war es eine gute Fügung, als ich merkte, dass Herr Kilic in den Ruhestand gehen wollte.“

Ärzte strömen nicht nach Gröpelingen

Auch Helmut Zachau, geschäftsführender Vorstand des Gesundheitstreffpunkt West (GTP) und ehemaliger Leiter des Schulzentrums Walle, wo unter anderem medizinische Fachkräfte ausgebildet werden, freut sich über die gelungene Praxisübernahme. „Wir diskutieren schon lange darüber, dass die Versorgung mit Kinderärzten hier ausgesprochen schwach ist und Ärzte nicht gerade nach Gröpelingen strömen, weil sie mit der Mehrsprachigkeit einen anderen Aufwand haben“, sagt er. Zachau ist überzeugt, dass es zukünftig mehr Gemeinschaftspraxen als Einzelpraxen geben wird. Schließlich werde der Beruf weiblicher und vielen angehenden Medizinerinnen sei Zeit für die Familie wichtiger als ein hoher Verdienst.

Für manche Eltern kam der Wechsel in der Kinderarztpraxis offenbar recht überraschend; sie mussten sich erst einmal darauf einstellen, dass nun eine junge Ärztin ihre Kinder untersucht und behandelt anstelle des sehr akzeptierten türkischsprachigen Arztes, der die Praxis 24 Jahre lang – 16 davon an der Gröpelinger Heerstraße – betrieben hatte.

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Im Fall von Johannes Grundmanns Praxis ist es anders gelaufen; hier mussten sich die Patienten nicht gänzlich neu orientieren. Zum einen nämlich ist Grundmanns langjährige Praxispartnerin Susanne Reiter ebenso wie das gesamte Team in der Praxis geblieben. Und: Johannes Grundmann ist von seinen Nachfolgern für drei Monate angestellt worden und begleitet auf diese Weise den Übergang selbst mit.

„Für die Patienten ist die Konstanz der ärztlichen Betreuung eine große Beruhigung“, sagt er, „dies gilt auch für Hausbesuche und Besuche in Pflegeeinrichtungen, die selbstverständlich weiterhin durchgeführt werden.“ Grundmann zufolge betreut die Praxis vier Seniorenheime und macht im Quartal 500 Visiten und Hausbesuche.

Sowohl am Pastorenweg als auch an der Gröpelinger Heerstraße sind die Praxisübernahmen geglückt. „Dem Stadtteil Gröpelingen ist zu wünschen, dass sich weitere junge Ärztinnen und Ärzte durch diese positiven Beispiele ermutigt fühlen, sich hier niederzulassen“, so Grundmann.

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