DDR-Oppositionelle Evelyn Zupke trifft Kippenberger

Erinnerungen an die Diktatur

Schwachhausen. „Gorbi! Gorbi!“: Es sind diese Sympathiebekundungen von tausenden Demonstranten, die Erich Honecker als Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) mit versteinerter Miene zur Kenntnis nehmen muss. Ostberlin, 7.
15.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Sigrid Schuer
Erinnerungen an die Diktatur

Evelyn Zupke zu Gast im Kippenberg-Gymnasium. Dort ist ab Freitag, 19. Februar, noch einmal die Karikaturen-Ausstellung zu 25 Jahre Deutscher Einheit zu sehen.

Petra Stubbe

„Gorbi! Gorbi!“: Es sind diese Sympathiebekundungen von tausenden Demonstranten, die Erich Honecker als Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) mit versteinerter Miene zur Kenntnis nehmen muss. Ostberlin, 7. Oktober 1989. Michail Gorbatschow, Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, feiert mit Honecker im Palast der Republik den 40. Jahrestag der Gründung des Arbeiter- und Bauernstaates. Der Anfang vom Ende der DDR zeichnet sich bereits ab. 1989 sind es in Leipzig Montag für Montag 70 000 Menschen, die friedlich gegen die Parteidiktatur und die von ihrem Zentralorgan „Neues Deutschland“ verbreitete Unwahrheit demonstrieren.

„Damals hat das SED-Regime mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen gerechnet. In den Leipziger Krankenhäusern war extra ein großer Vorrat an Blutkonserven angelegt worden“, erzählt Evelyn Zupke, die als Zeitzeugin am Kippenberg-Gymnasium von der ebenso bewegten wie bewegenden Wendezeit berichtet. Anlass ist die von der Konrad-Adenauer-Stiftung konzipierte Ausstellung „Eine Karikatur sagt mehr als 1000 Sätze – 25 Jahre deutsche Einheit im Spiegel der Karikatur“, die bereits im Herbst im Swissôtel gezeigt wurde und ab Freitag, 19. Februar, noch einmal im Kippenberg-Gymnasium zu sehen ist.

Mit großer Aufmerksamkeit lauschen die 40 Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen zehn und elf, darunter auch ein Leistungskursus Geschichte. Das Wunder geschieht im Jahr, als die Mauer fällt. Anders als beim Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 werden die friedlichen Proteste der Bevölkerung, Gorbatschow sei dank, diesmal nicht von sowjetischen Panzern brutal niedergewalzt. „Das war ein Geschenk, dass damals nichts passiert ist. Und: Mit dem Mauerfall hatten wir alle nicht gerechnet“, sagt Evelyn Zupke.

Als Gorbatschow zum 40. Jahrestag nach Ostberlin kam, habe sich die SED-Führungsriege schon längst von seinen Reformen durch Glasnost und Perestroika distanziert, berichtet sie. Gorbatschow selbst habe 1986 als erste Leitfigur im Ostblock die Wahlkabine benutzt. „Wenn das der ,normale’ Bürger unter den Augen der Stasi tat, erforderte das viel Mut. Denn das bedeutete, dass man nicht automatisch mit Ja stimmte“, erinnert sich die couragierte Frau mit der hellblonden Kurzhaar-Frisur, die sich nach dem Fall der Mauer unter anderem in der Bürgerbewegung Neues Forum engagierte. Immer wieder unterbricht sie ihre Erinnerungen, um den Jugendlichen Gelegenheit zum Nachfragen zu geben. Evelyn Zupke erläutert die Diskrepanz zwischen dem „schönen, neuen, realsozialistischen Weltbild“, das das SED-Regime gezeichnet habe und der Realität: „Die Menschen wurden beim Uran-Abbau verheizt, viele von ihnen starben mit 50 an Krebs. Im Volksmund hieß es immer: ,Alles ist grau, nur die Flüsse sind bunt’“.

Im Oktober 1989 sei die Stimmung nicht nur in Ostberlin höchst explosiv gewesen, erinnert sich Zupke, die als Oppositionelle in der DDR und Mitglied im Friedenskreis Weißensee wesentlich zur „Friedlichen Revolution“ beitrug. „Wir hatten uns vorgenommen, an jedem siebten eines Monats dahin zu gehen, wo es dem Regime richtig weh tut und direkt auf dem Berliner Alexanderplatz gegen die Wahlfälschung zu demonstrieren. Das wurde dann richtig gefährlich für uns“, erzählt die aus Binz auf Rügen stammende Frau. Und das zog der Friedenskreis Weißensee unter dem Motto „Wir pfeifen auf den Wahlbetrug“ dann mit Trillerpfeifen auch durch. „Der ,Alex’ war voll von Stasi und Volkspolizei, die Luft hat förmlich geknistert“, erinnert sich Zupke. Paradox: Die DDR-Verfassung stellte Wahlbetrug unter Strafe und räumte den Bürgern das Recht ein, bei der Auszählung der Stimmen dabei zu sein. Davon hatte der Friedenskreis Gebrauch gemacht und aufgedeckt, dass die 99 Prozent an Ja-Stimmen bei den Kommunalwahlen bereits vorher von den Bürgermeistern der DDR-Städte abgekartet worden waren.

Das stieß auf eine Riesenresonanz bei den West-Medien. Die Konsequenzen: „Unser Protest wurde brutal niedergeknüppelt. Mein Körper war mit Hämatomen übersät“, erzählt Zupke. „Einem meiner Freunde wurde der Arm gebrochen. Als wir in Hummelsburg ins Gefängnis gesteckt worden waren, wurde er nicht ärztlich versorgt.“ Die Kinder der Oppositionellen seien von der DDR als Druckmittel benutzt worden. „Wir haben uns dann gegenseitig Vollmachten ausgestellt, sodass immer jemand da war, der sich um die Kinder der anderen kümmern konnte, wenn wir dazu nicht mehr in der Lage gewesen wären“, erinnert sich Zupke. Bespitzelung durch sogenannte Inoffizielle Mitarbeiter (IM) sei in der DDR an der Tagesordnung gewesen. Wie Zupke und ihre Mitstreiter später entdeckten, auch in ihrem Friedenskreis. „Natürlich gab es auch Überzeugungstäter, die sich eine Karriere erhofften. Aber die Stasi rekrutierte auch systematisch in Kinderheimen den IM-Nachwuchs, indem sie die Kinder mit psychologischen Tricks an sich banden. An den Stasi-Hochschulen wurden ganze Doktorarbeiten über die ,Zersetzung der Seele’ verfasst“, erläutert Zupke. Kritik an den in der DDR praktizierten Scheinwahlen, aber auch illegale Kontakte in den Westen wurden mit Gefängnisstrafen geahndet.

Aufmüpfigkeit und kritische, provokante Bemerkungen im Schulunterricht seien damit geahndet worden, dass der Delinquent nicht das Abitur machen durfte. Das habe auch für sie gegolten, sagt Zupke. „Anpassung wurde dagegen belohnt“. Sie erinnert sich an unschöne Szenen wie die, als ihr damals 15-jähriger Klassenkamerad Holger sich dann doch lieber gegen eine Offizierslaufbahn entschieden habe und dafür vor und von dem gesamten Klassenverband an den Pranger gestellt wurde. „Nur meine Freundin und ich haben ihn nicht verurteilt“. Erst als Holger sich dann doch dazu bereit erklärt habe, Offizier zu werden, sei ihm das Abitur ermöglicht worden. Überhaupt habe jede Lehrkraft in jeder Klasse eine Rekrutierungsquote für künftige Lehrer und Offiziere erfüllen müssen, erinnert sich Evelyn Zupke.

Ihr Besuch im Kippenberg-Gymnasium scheint die neugierigen Schüler zu beeindrucken. „Zeitzeugen-Berichte wie diese“, resümiert Andreas Bösche von der Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen, „sind ein Königsweg für Historiker.“

Die Karikaturen-Ausstellung im Kippenberg-Gymnasium, Schwachhauser Heerstraße 62, ist von Freitag bis Freitag, 19. bis 26. Februar, während der regulären Schulöffnungszeiten zu sehen. Der Eintritt ist kostenfrei.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+