Die Blumenthaler Autorin Bärbel Stasch liest Anfang Februar in der Vegesacker Stadtbibliothek Erinnerungen an die Kindheit in der DDR

Sie war noch ein kleines Kind, als durch einen Trick ihrer Eltern die Flucht aus der ehemaligen DDR gelang. Doch wie lebte es sich eigentlich in den 1950er-Jahren im sozialistischen Deutschland? Die Blumenthalerin Bärbel Stasch hat Kindheitserinnerungen in einem Buch festgehalten. Erinnerungen, die sie für Kinder ab acht Jahren aufgearbeitet hat, die aber auch Erwachsenen einen Einblick in alte Zeit bieten.
28.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Iris Messerschmidt

Sie war noch ein kleines Kind, als durch einen Trick ihrer Eltern die Flucht aus der ehemaligen DDR gelang. Doch wie lebte es sich eigentlich in den 1950er-Jahren im sozialistischen Deutschland? Die Blumenthalerin Bärbel Stasch hat Kindheitserinnerungen in einem Buch festgehalten. Erinnerungen, die sie für Kinder ab acht Jahren aufgearbeitet hat, die aber auch Erwachsenen einen Einblick in alte Zeit bieten.

Das Plumpsklo im Hof, kein fließend Wasser in der Wohnung, kaum Spielzeug. Dafür eine große weite Welt. Eine Welt, in der sich Kinder Taschengeld verdienen konnten, wenn sie Kartoffelkäfer sammelten. Eine spannende Welt, die es für die Kinder zu entdecken galt. „Leider eine Welt, an die die Erinnerungen immer mehr verblassen“, bedauert Bärbel Stasch.

Die in Blumenthal lebende Bärbel Stasch wurde 1951 in Stendal geboren. In einem Dorf in der ehemaligen DDR wuchs sie mit ihrer vier Jahre älteren Schwester auf, bis ihre Eltern 1958 mit den beiden Töchtern in den Westen flohen. Es sollte allerdings noch Jahrzehnte dauern, bis Bärbel Stasch ihre Erinnerungen niederschrieb – und dies als Kinderbuch, das dem Nachwuchs unkompliziert das Leben in der DDR erklärt.

Mit der Idee dazu trug sich Bärbel Stasch schon lange. Doch erst einmal war da der ganz normale Alltag im Westen. Bärbel Stasch besuchte ein Bremer Gymnasium, machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin, heiratete, bekam zwei Töchter. Die Mauer, die einst Deutschland trennte, fiel – Bärbel Stasch arbeitete als Assistentin bei der Stadtbibliothek Bremen. Immer mehr Menschen, die in der DDR lebten oder denen die Flucht in den Westen gelang, erzählten ihre Geschichten. „Doch es waren immer Geschichten von Erwachsenen für Erwachsene“, erinnert sich Bärbel Stasch, die 2006 anfing, Gedichte, Kurzgeschichten und Erzählungen niederzuschreiben.

Der 20. Jahrestag des Mauerfalls rückte näher und in Bärbel Stasch kamen erneut Erinnerungen hoch, an ihre Kindheit in dem kleinen Dorf in der DDR. Außerdem gab es Nachfragen in der Stadtbibliothek, ob es nicht ein kindgerechtes Buch über die Geschichte und das Leben in der DDR gebe.

Gleichzeitig dachte sie an die Tränen in den Augen ihres Vaters, den jede Entwicklung in seiner alten Heimat tief ergriff. „Selbst Jahre später war er noch sehr davon berührt, dass die Mauer gefallen ist“, erzählt Bärbel Stasch. In ihr wuchs der Wunsch, einen Einblick zu geben. „Es gab bislang kein Kinderbuch, das aus heutiger Sicht das Leben von Kindern in der DDR der 1950er-Jahre vor Augen führt.“ Bärbel Stasch wollte dies ändern.

„Doch wie schon erwähnt, nach so vielen Jahren verblasst auch vieles.“ Also sammelte Bärbel Stasch Erinnerungen: ihre eigenen, die ihrer Schwester, von alten Freunden aus der ehemaligen DDR, von den Eltern, Verwandten, Bekannten. „Es sollte keine Dokumentation, sondern eher eine Lesegeschichte werden, die insbesondere für die Kinder spannend ist.“ So entstand ein Buch unter dem Titel „Nichts wie weg von zu Haus“, das die Autorin am Sonnabend, 7. Februar, in der Lese-Reihe „Punkt 11“ in der Stadtbibliothek Vegesack vorstellen wird.

Im Fokus der Geschichte stehen die dreijährige Anna und ihre siebenjährige Schwester Mathilda. Ihre Eltern sind Lehrer. 1954 zieht die Familie in die Dienstwohnung einer Dorfschule in der ehemaligen DDR. Anna schildert aus kindlicher Sicht lustige, spannende und bewegende Ereignisse aus ihrem Leben mit den Eltern, ihrer Schwester und den Dorfkindern. Eine anfangs noch heile Welt, die, je älter die beiden Mädchen werden, immer öfter ins Wanken gerät. Der Vater bekommt wegen seiner politischen Meinung gravierende Probleme mit der Schulbehörde und der Staatssicherheit. Als er sich 1958 weigert, eine Kampfgruppe im Ort aufzubauen und Schießunterricht zu erteilen, gerät die Familie endgültig in eine auswegslose Situation. Es bleibt nur die Flucht in den Westen.

Anna und Mathilda ahnen nichts von den Plänen der Eltern. Sie fahren getrennt von ihnen in Begleitung eines alten Ehepaares nach Westberlin, wo angeblich eine Familienfeier stattfindet. Die Bahnfahrt entwickelt sich für die Schwestern zu einem traumatischen Erlebnis. Durch eine List gelingt es den Eltern, am selben Tag nach Westberlin zu gelangen. Die Familie ist wieder vereint. Die Kinder reagieren jedoch mit Trauer und Verzweiflung. Sie mussten ihr gewohntes Umfeld, ihr Zuhause und die Freunde zurücklassen. Am Ende der Geschichte findet Anna in Westdeutschland eine neue Freundin.

„Vereinzelt besteht während der Geschichte Erklärungsbedarf über kulturelle, gesellschaftliche oder politische Gegebenheiten der 1950er-Jahre“, sagt Bärbel Stasch. Auch diese Passagen sind kindgerecht. Die Informationen sind in kursiver Schrift im Text hervorgehoben.

Im April 2014 ist ihr Buch erschienen. Seitdem hat die Autorin viele positive Rückmeldungen bekommen. „Auch viele Erwachsene sind angetan, lassen durch dieses Buch ihre eigenen Erinnerungen wieder aufleben und teilen diese mit ihren Kindern.“ Denn, auch das hat Bärbel Stasch festgestellt: „Es ist traurig, wie wenig unsere Kinder über diese Geschichte Deutschlands wissen.“ So sind im Vorwort des Buches auch die Ursachen und Folgen der deutschen Teilung in verständlicher Form erläutert. Darüber hinaus gibt es ein Geleitwort von Gesine Lange, der 1967 in Rostock geborenen und heute in Bremen-Nord lebenden Tochter des Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Bärbel Stasch wird am Sonnabend, 7. Februar, 11 Uhr, in der Stadtbibliothek Vegesack lesen. Der Eintritt ist frei. Das Buch „Nichts wie weg von zu Haus!“ ist im Donat-Verlag erschienen. Die Kindergeschichte aus der ehemaligen DDR wird auf 168 Seiten erzählt, hat ein Geleitwort von Gesine Lange, beinhaltet 22 Zeichnungen von Sabine Jaene und kostet als Hardcover 12,80 Euro.

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