Marum-Direktor plädiert für internationale Zusammenarbeit − nicht nur bei Meereswissenschaften

Erkenntnis braucht Austausch

Altstadt. Forschung wie bei Albert Einstein funktioniere heute nicht mehr. So fasste es Professor Michael Schulz zusammen.
12.03.2018, 00:00
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Von Christine Gräfing
Erkenntnis braucht Austausch

Die Geologin Ursula Röhl. Sie ist Leiterin des Bohrkernlagers im Marum, einem Ort internationaler Forschung.

Volker Diekamp, Marum

Altstadt. Forschung wie bei Albert Einstein funktioniere heute nicht mehr. So fasste es Professor Michael Schulz zusammen. Warum internationaler Austausch unter Wissenschaftlern wichtiger ist denn je, stellte er bei seinem Vortrag „Der Ozean im System Erde“ dar, in der Reihe „Wissen um 11“ im Haus der Wissenschaft dar. Es war der Einführungsvortrag der aktuellen Ausstellung „Einfach ­Wissenswert: Forschung international“, die bis 21. April läuft.

Der Wissenschaftler, der kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen war, ist Direktor des Zentrums für marine Umweltwissenschaften (Marum) der Universität Bremen. Er ist Meeresgeologe und beschäftigt sich als System-Wissenschaftler mit dem Modellieren von Geosystemen. Besonders in der Meeresforschung spiele Internationalität eine große Rolle, sagt er und geht in seinem Vortrag dem Zusammenhang von Wissenschaftlichkeit und Internationalität nach, bekräftigt die Aussage „Wissenschaft ist international“ der Allianz der Wissenschaftsorganisationen von 2017 und zitiert: „Wissenschaftliche Erkenntnisse können nur in einem offenen, freien und internationalem Diskurs gewonnen werden. Hierfür ist der persönliche Austausch über akademische Disziplinen, Nationen und Kulturen notwendig.“

Nach einer Statistik der Bundesregierung von 2016 wachse die internationale Zusammenarbeit, und fast die Hälfte aller Publikationen aus Deutschland entstehe in internationaler Zusammenarbeit, führt Michael Schulz aus. Am Marum-Institut waren es 2015 sogar 71 Prozent der Publikationen. Das Bremer Institut pflegt die internationale Zusammenarbeit. Ein Drittel des wissenschaftlichen Nachwuchses hat Wurzeln außerhalb von Deutschland.

Ein Grund für internationale Zusammenarbeit ist, dass „wissenschaftlicher Fortschritt durch Austausch von Ideen“ ermöglicht werde. Dies gelte natürlich besonders in Naturwissenschaften, aber selbst in Sozial- oder Geisteswissenschaften, sagt Schulz, komme man durch internationale Zusammenarbeit zu neuen Erkenntnissen. Alleine zu arbeiten, sei eher die Ausnahme, und Forschung wie bei Albert Einstein sei heute fast nicht mehr denkbar, denn Forschung und Erkenntnis-Gewinn liefen in Verbünden, in denen man sich austausche und sich gegenseitig inspiriere. Auch der olympische Gedanke, „sich mit anderen zu messen“, national und international, spiele eine Rolle. Waren dies eher allgemeine Gründe für Internationalität, ist die Meeresforschung im Speziellen jedoch prädestiniert für eine länderübergreifende Zusammenarbeit. 64 Prozent der Ozeanfläche sind internationales Gewässer, und es gibt noch viel zu entdecken. Nach Schätzungen sind weniger als 0,01 Prozent des Meeresbodens weltweit wissenschaftlich untersucht, und es sind 91 Prozent der Arten, besonders mikrobielles Leben, vermutlich noch nicht entdeckt. Außerdem hat der Ozean mit seiner Bedeutung für das Klimasystem, als Nahrungsquelle und wegen seiner Ressourcen einen hohen Wert für die Menschheit.

Als Beispiel für internationale Zusammenarbeit nennt Schulz das „Internationale Tiefseebohrprogramm“, in das Bremen zentral eingebunden ist. In diesem von 23 Staaten getragenen Projekt werden aus dem Meeresboden Proben entnommen und unter anderem im Bremer Bohrkernlager aufbewahrt. Jährlich kommen durchschnittlich 200 Forscherinnen und Forscher nach Bremen, um mit dem Probenmaterial zu arbeiten. Auch werden Anfragen bearbeitet und jährlich 50 000 Proben zu Forschern verschickt, die meisten davon ins Ausland.

Bei einer Konferenz zum Tiefseebohrprogramm ist bei „einem Austausch von wissenschaftlichen Ideen“ auch der Gedanke aufgekommen, sich nicht nur mit Geologie, sondern auch mit dem „Leben im tiefen Meeresboden“ zu beschäftigen. Auf der Suche nach den „Grenzen des Lebens“ hat man beispielsweise dann im Ozeanboden in bis zu 2,5 Kilometern Tiefe lebende Bakterien gefunden. So eine Expedition hätte es ohne internationale Zusammenarbeit nicht gegeben. Ein anderes Beispiel für Internationalität ist die Zusammenarbeit bei Golfstrom-Messungen, an der das Marum ebenfalls beteiligt ist. Den Golfstrom müsse man sich weniger als ein „Förderband“, sondern eher als ein „Karussell“ vorstellen, das sich in eine Richtung bewege und um die eigene Achse drehe. Um verlässliche Aussagen über die Zirkulation treffen zu können, muss man im sich verändernden, quirligen Ozean an vielen Stellen messen.

Dies kann ein Land alleine nicht leisten, und so gibt es ozeanweites Beobachternetz, das ohne internationale Kooperation nicht zu erhalten wäre. Die Mess-Ergebnisse sind in den Bericht des Weltklimarats eingeflossen.

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