Grüne und Behindertenbeauftragter wollen sensibilisieren Erkundungstour für ein barrierefreies Vegesack

Vegesack. Bündnis 90/ Die Grünen hatten zusammen mit dem Landesbehindertenbeauftragten Joachim Steinbrück zu einer Erkundung Vegesacks eingeladen, um Barrieren für Geh- und Sehbehinderte aufzuzeigen, Lösungsvorschläge zu erarbeiten und mehr Sensibilität für das Thema zu schaffen.
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Von Danela Sell

Vegesack. Bündnis 90/ Die Grünen hatten zusammen mit dem Landesbehindertenbeauftragten Joachim Steinbrück zu einer Erkundung Vegesacks eingeladen, um Barrieren für Geh- und Sehbehinderte aufzuzeigen, Lösungsvorschläge zu erarbeiten und mehr Sensibilität für das Thema zu schaffen.

Der im Rollstuhl sitzende grüne Bürgerschaftsabgeordnete Horst Frehe kommt auf die Gruppe zu und fragt:, 'Wo sind die Behindertenparkplätze geblieben?'. Der ebenfalls eingeladene Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt sagt, dieser Missstand sei bereits angezeigt, er habe die Zusage, dass diese Plätze wieder eingerichtet werden - 'allerdings ohne Zeitangabe'.

Zu der Erkundungstour sind rund 20 direkt oder indirekt Betroffene zusammen gekommen. So auch Niels Boldt, der Vorsitzende des Selbsthilfe Sozialzentrums Bremen-Nord, der sich mit Dornstedt zusammen gleich zu Beginn der Tour deutlich dafür ausspricht, die Ergebnisse schriftlich festzuhalten und einen Maßnahmenkatalog zu entwickeln. Der Landschaftsarchitekt Christoph Theiling führt die Gruppe und nun auch die Feder. Er hat bereits das Gutachten 'Bremen baut Barrieren ab' erarbeitet und weiß, worauf es ankommt. Sein erstes Ziel ist das Haven Höövt. An der Rollstuhlrampe sind Räder angeschlossen, die den Weg deutlich verschmälern und für Rollstuhlfahrer teilweise unpassierbar machen. 'Hier keine Fahrräder anschließen' - ein einfaches Schild könnte hier schon große Wirkung zeigen.

Gefährliche Feuertreppen

Weiter geht es zu den Feuertreppen. Für Sehbehinderte sehr gefährlich, da man ohne Markierungen am Boden unter ihnen durchlaufen kann - Kopfstoßen wäre hier noch die harmloseste Verletzung. Was für die Sehbehinderten gefährlich werden kann, ist für die Gehbehinderten nicht unbedingt ein Problem. 'Je nach Form der Beeinträchtigung gibt es verschiedene Ansprüche auf Barrierefreiheit', so Maike Schaefer, Verkehrspolitische Sprecherin der Bremer Grünen.

Anschaulich wird diese Tatsache direkt zwischen Haven Höövt und Schulschiff Deutschland. Dort ist eine Rasenfläche umsäumt von tiefen Stufen, die zum Hinsetzen einladen sollen. Das Problem: der normale Gehweg leitet direkt und ebenerdig über in diese Stufen, die sowohl seitlich als auch nach vorn abfallen. Architektonisch schön, für Sehbehinderte ein deutliches Risiko. Hier wird nun locker diskutiert, wie Abhilfe geschaffen werden kann. Ein Poller könne helfen, so ein Vorschlag. Das Problem: an einem Poller kommen Rollstuhlfahrer wiederum nicht vorbei und wären ausgeschlossen. 'Oft sind es ganz simple Mittel, die helfen', so Schaefer, 'ein Rasenstreifen, eine andere Pflasterung.'

Apropos: Wer es nicht sowieso schon wusste, hat spätestens nach dieser Erkundung mit den Betroffenen eine Idee davon, was es für Rollstuhlfahrer bedeutet, über Kopfsteinpflaster fahren zu müssen, die Steigerung: abschüssiges Kopfsteinpflaster. So zu finden vor dem Alten Hafenspeicher. Bei dieser Tour machen sich Matthias Botter und Ulla Maeser vom Forum 'Barrierefreies Bremen' einen Scherz daraus, sich beim Rampe runterheizen, ordentlich durchschütteln zu lassen. Aber wenn einem derartige Beläge im Alltag ständig unterkommen, ist das nicht sehr lange witzig. 'Da ist es vor allem besser, wenn die Blase nicht zu voll ist', juxt Frehe hinterher.

Während sich die Rollstuhlfahrer angeregt über eine mögliche Kleinpflasterung der Rampe austauschen, stoßen die Sehbehinderten vor dem Hafenspeicher auf ganz andere Probleme: das Kunstwerk 'Sansibar' von Leni Hoffmann. Eine Bodenskulptur, farbige Rinnen, die rund 12 Zentimeter tief in den Boden gehen und rund 40 cm breit sind. 'Schade, dass wir immer gegen Kunst sein müssen', hört man eine blinde Teilnehmerin vor sich hinsagen.

Bei der ganzen Tour herrscht eine konstruktive Stimmung. Ästhetik müsse Barrierefreiheit nicht ausschließen, betont Botter. Als wäre sie zum Beweis dafür gebaut, wird als nächstes die Klappbrücke am Vegesacker Hafen überquert. Hohes Lob von allen Teilnehmern. Mal abgesehen von 'schön', eben auch 'gut befahrbares Material'.

Über den Hafenwald (sehr steiler Abhang aus Kopfsteinpflaster neben dem Brückenzugang, kaum sichtbar bei Festivals, wenn viele Menschen da sind), geht es über die Alte Hafenstraße (sehr schmale, teilweise zugeparkte Gehwege mit Seitenneigung), in Richtung Rondell.

'Die Barrierefreiheit in Vegesack ist nicht schlechter als in anderen Stadtteilen', sagt Schaefer. Sowohl sie als auch Dornstedt betonen, dass es bei dieser Aktion in erster Linie darum geht, zu sensibilisieren. Die Abhilfen, die größere bauliche Maßnahmen erfordern, können nur im Zuge von künftigen Sanierungsplänen erfolgen. Eine Umsetzung wäre also 'mittel- bis langfristig' denkbar.

Dornstedt bedankt sich sehr, Vegesack aus einer ganz neuen Perspektive kennen gelernt zu haben und verspricht, bei zukünftigen Planungen verstärkt auf Barrierefreiheit zu achten. Auch Niels Boldt vom Selbsthilfe Sozialzentrum Bremen-Nord ist zufrieden und bleibt realistisch: 'In drei, vier Monaten hat sich Vegesack nicht verändert, aber wir haben mit dieser Aktion eine positive Entwicklung angestoßen und müssen nun am Ball bleiben.'

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