Kernkraftwerk Unterweser

Erläuterungen zum Rückbau

Wann der Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser (KKU) beginnt, wie das Zwischenlager auf dem Gelände aussieht, was mit den Arbeitsplätzen wird - das ist Thema des ersten Bürgerdialogs am 21. Oktober.
19.10.2017, 07:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Georg Jauken
Erläuterungen zum Rückbau

Bürgerdialog-Moderatorin Helma E. Dirks.

Georg Jauken

Wesermarsch. In Rodenkirchen beginnt am kommenden Sonnabend, 21. Oktober, der Bürgerdialog zum Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser (KKU). Die Einwohner der Region rund um das Kraftwerk sollen sich ein Bild davon machen können, was in den kommenden Jahren auf dem Gelände in Kleinensiel passiert. Die Veranstaltung in Form eines Marktplatzes für Informationen beginnt um 14 Uhr in der Markthalle. Interessierte Besucher haben bis 18 Uhr Zeit, an verschiedenen „Themeninseln“ ihre Fragen zu stellen und sich das Rückbauverfahren sachkundig und verständlich erläutern zu lassen, wie es heißt.

Als Gesprächspartner für die Anliegen und Sorgen der Bürger stehen Mitarbeiter aus dem niedersächsischen Umweltministerium, des Landkreises Wesermarsch und des Betreibers zur Verfügung. Das ist die als GmbH organisierte Kernkraftsparte des Eon-Konzerns, die seit Juli 2016 wieder unter dem früheren Namen Preussen Elektra firmiert.

„Es ist ein Dialog für diejenigen, die sich noch nicht damit beschäftigt haben und nicht mit Fachwissen überfordert werden wollen“, erklärt Moderatorin Helma E. Dirks vom Beratungsunternehmen Prognos in Berlin. Die meisten Menschen in der Region wüssten, dass das KKU seit 2011 abgeschaltet ist, und demnächst zurückgebaut werde. Wie ein solcher Rückbau abläuft und welche Schritte dafür erforderlich sind, sei dagegen weitgehend unbekannt. Der Dialog soll diese Wissenslücken schließen helfen, über Sicherheitsfragen oder auch das zusätzliche Transportaufkommen als Folge des Rückbaus aufklären. „Wir wollen es einfach machen und verständlich erklären“, verspricht Helma E. Dirks.

Dass die seit Jahrzehnten engagierten und fachlich versierten Anti-Atom-Initiativen mit dieser Form von Beteiligung nicht zufrieden sein werden, ist ihr bewusst. Nach Auffassung des im Braker Kreishaus zuständigen Dezernatsleiter Matthias Wenholt sollte es den Atomkraft-Gegnern aber nicht alleine überlassen werden, wie und worüber im Zusammenhang mit dem Rückbau diskutiert wird. „Es geht jetzt nicht um eine Wiederholung des Erörterungsverfahrens“, stellt Wenholt klar. Denn viele Bürger interessierten sich beispielsweise für die wirtschaftlichen Folgen des Rückbaus, die Arbeitsplätze sowie die mögliche spätere Nutzung des KKU-Geländes, weiß Helma E. Dirks aus ihren Gesprächen im Vorfeld. „Da ging es manchmal um ganz andere Themen, als man es sich vorstellt.“

Erwartet hatte sie vielmehr Fragen zur Strahlenbelastung, zur Freimessung oder auch zu den – in Zukunft – drei Zwischenlagern auf dem Gelände. Das neue Zwischenlager LUNA wird nach Angaben von Kraftwerksleiter Gerd Reinstrom benötigt, weil das geplante Endlager für schwach- und mittelradioaktive Stoffe im Schacht Konrad nicht rechtzeitig zum Start des Rückbaus fertig wird. Um die Baupläne für LUNA sowie die Forderung der Atomkraftgegner nach niedrigeren Grenzwerten für Gebäudeschutt und anderes Material, das beim Abriss der nichtnuklearen Gebäude anfällt, ging es bereits bei dem erwähnten Erörterungstermin. Vier Tage lang waren die Bedenken und Anregungen der Einwender gegen das vom Kraftwerksbetreiber vorgelegte Konzept im Februar 2016 verhandelt worden. Helma E. Dirks ahnt, dass es am Sonnabend auch dazu Fragen geben wird und versichert, „wir haben die fachliche Kompetenz da, wenn es um die Details geht.“

Auch Preussen Elektra werde gerne alle Fragen beantworten, ergänzt KKU-Chef Reinstrom. Allerdings fühle er sich nicht dazu berufen, sich zur Gesetzeslage zu äußern. Ob die Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Gebäudeschutt auf Hausmülldeponien und für die Wiederverwertung richtig festgelegt oder, wie der Arbeitskreis Wesermarsch glaubt, zu hoch angesetzt wurden, will er am Sonnabend nicht diskutieren. „Für uns gilt die Gesetzeslage. Daran muss ich mich halten, sonst habe ich keine Basis. Außerdem“, ergänzt er nach einer kurzen Pause, „mir würde man sowieso nicht glauben.“ Im Übrigen sei der Bauschutt viel zu wertvoll, um ihn auf einer Hausmülldeponie zu entsorgen, statt ihn – zum Beispiel im Straßenbau – zu verwerten.

So oder so. Der Rückbau ist ein Projekt, das viele Jahre Zeit in Anspruch nimmt. Zunächst werden die radioaktiv belasteten Anlagen und Teile entfernt. Später folgen die am stärksten radioaktiv belasteten Komponenten wie der Reaktordruckbehälter. „Der Gebäudeabriss beginnt nicht vor 2032 und wird etwa zwei Jahre dauern“, erklärt Reinstrom.

Ob dann auch das stattliche Maschinenhaus abgerissen wird, ist offen. Das Gebäude gehört zum nichtnuklearen Bereich und enthält die Turbine, die den heißen Dampf aus der Kernspaltung in Rotationsenergie verwandelt und den Generator zur Stromerzeugung angetrieben hat. Die Halle nah an der Weser mit eigenem Bahnanschluss könnte für eine weitere gewerbliche Nutzung interessant sein, glaubt Reinstrom.

Unklar ist noch, wann genau der Rückbau beginnt. Im März 2011 war das Kernkraftwerk Unterweser als Reaktion auf die von einem schweren Erdbeben und Tsunami ausgelöste Kernschmelze in gleich drei Reaktoren des japanischen Atomkraftwerks Fukushima zunächst vorläufig abgeschaltet worden. Kurze Zeit später beschloss die Bundesregierung das endgültige Aus für das KKU und sieben weitere ältere Kernkraftwerke im Land. Im Mai 2012 beantragte der Betreiber – damals noch die E.ON Kernkraft GmbH – die endgültige Stilllegung und den Rückbau des KKU. „Wir sind so weit, dass wir zeitnah loslegen können und die Mannschaft will nach sechs Jahren jetzt auch loslegen“, sagt Reinstrom. „Wir haben einen anständigen Betrieb gemacht und wollen den Rückbau auch mit Anstand zu Ende bringen.“

Seine „Mannschaft“ bestehe derzeit noch aus 185 eigenen Mitarbeitern, 130 Wachleuten und weiteren 40 bis 50 Beschäftigten sogenannter Dauerfremdfirmen. Als das Kraftwerk noch Strom produzierte, waren es nach Angaben Reinstroms insgesamt 570. Er selbst gehört seit 1982 zum Team und leitet das Kraftwerk seit 2013. Wenn das Kraftwerk „brennstofffrei“ ist, wie es im Fachjargon heißt, werde die Zahl der eigenen Mitarbeiter auf etwa ein Drittel sinken, während die Zahl der Mitarbeiter anderer Firmen wegen des Rückbaus auf rund 200 ansteige. Im ersten Quartal 2019 soll es so weit sein.

Zurzeit befinden sich laut Reinstrom allerdings noch 71 abgebrannte Brennstäbe im mit Wasser gefüllten Abklingbecken (Nasslager). Wenn die Strahlungsaktivität und damit Temperatur der hoch radioaktiven abgebrannten Brennstäbe so weit abgeklungen ist, dass sie transportiert werden können, werden sie in Glas eingeschmolzen und verpackt in Castor-Behältern aus Gusseisen und Stahl im Zwischenlager auf dem KKU-Gelände verbracht. Wie lange sie dort zusammen mit den älteren Brennstäben bleiben, ist offen. Denn die Suche nach einem geeigneten Endlager hat gerade erst von vorne begonnen.

Der am Sonnabend beginnende Bürgerdialog umfasst insgesamt drei große Veranstaltungen in der Markthalle. Schwerpunktthema des zweiten Termins im Februar ist die Deponierung. Zusätzlich sind drei Foren geplant, in denen Vertreter aus Politik, Gemeinden, Wirtschaft und Initiativen die einzelnen Rückbaumaßnahmen und die Sicherheitsfragen vertiefend behandeln. Auch diese Foren sind öffentlich. Wegen der begrenzten Plätze im Saal des Kreishauses ist jedoch eine Anmeldung über die Internetseite www.landkreis-wesermarsch.de erforderlich. Beim letzten großen Bürgerdialog in der Markthalle Ende Mai 2018 geht es schließlich um die Nachnutzung des Geländes.

Das Kraftwerk selbst will nach seinen Informationstagen zur Freigabe radioaktiver Stoffe 2016 sowie zur Überwachung der Anlage und der Behälter, in denen die radioaktiven Abfälle zwischengelagert werden, weitere eigene Informationsveranstaltungen durchführen. Das nächste Mal soll informiert werden, wenn das KKU die Genehmigung zum Rückbau erhalten hat.

„Das Genehmigungsverfahren ist nach unserer Kenntnis auf der Zielgeraden“, sagt Kraftwerksleiter Reinstrom. Den Bescheid erwartet er noch in diesem Jahr. Der Termin für die nächste Info-Veranstaltung steht aber noch längst nicht fest. Denn der Arbeitskreis Wesermarsch aus atomkritischen Bürgerinitiativen und Privatpersonen hat bereits Spenden für ein Gutachten gesammelt und sieht sich auch inhaltlich gut gewappnet, um etwaige Klagen gegen die atomrechtliche Genehmigung zur Demontage des Kraftwerks zu unterstützen.

Der Arbeitskreis-Sprecher Hans-Otto Meyer-Ott nimmt für sich und die Mitglieder der Initiative in Anspruch, damit den Rückbau so sicher wie möglich machen zu wollen. Im Vorfeld hatte Hans-Otto Meyer-Ott erfolglos dafür geworben, die Vertreter von Preussen Elektra und Vertreter aus dem Umweltministerium sollten sich mit den Einwendern an einen Tisch setzen und gemeinsam Lösungen für die nach dem Erörterungstermin verbleibenden strittigen Punkte aushandeln. So sollten seiner Meinung nach spätere langwierige juristische Auseinandersetzungen vermieden werden.

Der Arbeitskreis hatte in den 1970er-Jahren schon gegen den Bau des Kernkraftwerks gekämpft. 1978 ging es dennoch ans Netz. Bis zur Abschaltung 2011 lieferte es nach Angaben des Betreibers mit 305 Milliarden Kilowattstunden mehr Strom als irgendein anderes Kernkraftwerk mit nur einem Reaktorblock auf der Welt.

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